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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-09-01 · 13 (9.1935) · p. Seite 489

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
13 (9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 489 (sequence 7)
Language
German
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Seite 489 „in einem Verband! mit Götzen ist Efraim, laß es!" Aber sobald sie in Teile zerfallen und uneins sind, rührt die strafende Gerechtigkeit an ihnen, so heisst es (Hosehea 10,2): „geteilt ist ihr Herz, jetzt sind sie schuldig". Rabbi Lewi sagte: Alle Liebe gehört dem Frieden, denn alle Segenssprüche klingen aus in Frieden. Das Sch'ma schliesst damit, „Du breitest aus die Hütte des Friedens". Das Achtzehngebet schliesst „der segnet sein Volk Israel mit Frieden". Der Priestersegen schliesst „er gebe dir Frieden". Alle Liebe gehört dem Frieden, denn nicht anders tröstet der Heilige, gelobt sei er, Jerusalem als mit Frieden, denn so heisst es (Jeschaj. 66,12) „ich lenke zu ihr hin wie einen Strom den Frieden". Dawid sprach, ich wollte hören, was der Heilige, gelobt sei er, von Israel spricht, und ich hörte, daß er sich mit seinem Frieden befasst, so heisst es (Ps. 85,9) „ich will hören, was ER, Gott, spricht, er spricht Frieden zu seinem Volk und zu seinen Frommen, und nicht sollen sie zurückkehren zur Torheit". Rabbi Schimon ben Chalafta sagte: Sieh, wie geliebt der Frieden ist, denn als der Heilige, gelobt sei er, Israel segnen wollte, fand er kein Gefäss, das so allen Segen in sich 3chloss, als den Frieden, denn so heisst (Ps. 29,11) „ER gibt Kraft seinem Volke, ER segnet sein Volk mit Frieden". Alle diese Äusserungen mögen für sich selbst sprechen, sie bedürfen keiner Erläuterung, und jeder kann sie selbst durchdenken und weiterspinnen. Alle zielen sie darauf hin, Israel so zu erziehen, daß es in seiner eigenen Mitte den Frieden wahrt und sich nicht in Parteiungen und Streit zerklüftet. Wie aber sind Anfang und Beschluß dieser Midraschreihe innerlich miteinander verknüpft? Warum sind sie in einen Rahmen gespannt? Alle Leitung ist wesentlich dazu da, in unseren eigenen Reihen den Frieden und das Einssein zu wahren, herzustellen und zu festigen. Und aus dem eigenen Willen und der inneren Disziplin zur Wahrung der Einigkeit und des1 Friedens, zur Ausschaltung des Gegen-einander-Arbeitens erhält all unsere Leitung, erhalten „unsere Richter und Aufseher" Bestand und Wirkensmöglichkeit. Die jüdische Landbevölkerung in Hessen-Nassau Aufgaben des Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau von Hilde Meyerowitz Die preussische Provinz Hessen-Nassau mit den Regierungsbezirken Kassel und Wiesbaden ist seit mehr als einem Jahrtausend von Juden besiedelt und hat in der Geschichte der deutschen Juden immer eine bedeutsame Rolle gespielt. Der zahlenmässige Anteil der Juden an der dort lebenden Gesamtbevölkerung ist größer als in irgendeiner anderen Provinz. 1933 lebten unter einer Gesamtbevölkerung von 2.584.828 Einwohnern noch 46.923 Juden (1,8%). Die Anzahl der Juden erreicht fast die der Rheinprovinz, während dort die Gesamtbevölkerung dreimal so gross ist. Es sind Menschen, die streng religiös sind und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihnen, etwa bei der Fleischbeschaffung, entgegenstellen, auch heute noch streng nach dem jüdischen Gesetz leben. Von einer eigenartigen Struktur ist die Berufsgliederung. Zum grossen Teil sind es Viehhändler und Handelsleute, deren Geschäft sich durch Generationen vererbt hat und die von besonderer Bodenständigkeit sind. Fast alle haben ihr eigenes Haus und ihren Grundbesitz, den sie genau wie die Bauern um sie her selbst bewirtschaften. Für diese Menschen, die seit Generationen in demselben Lebensraum unter den gleichen Bedingungen zu leben gewohnt waren, war die Umwälzung 1933 in vielfältiger Hinsicht von besonders einschneidender Wirkung. Viele verstanden infolge der Einsamkeit, in der sie lebten, ihr Einzelschicksal nicht als Teil des Gesamtschicksals der deutschen Juden zu sehen. Sie hatten oft auch keine Möglichkeit, mit anderen Menschen darüber zu sprechen und sich seelisch gegenseitig aufzurichten. In dieser Situation bekam der Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen und Hessen-Nassau, der im Jahre 1921 von Rabbiner Dr. Jakob Horovitz begründet wurde und von ihm bis zum heutigen Tage tatkräftig geleitet wird, eine neue und verantwortungsvolle Aufgabe. Es kamen in erhöhtem Masse allgemeine wohlfahrtspflegerische Aufgaben hinzu; es galt, Menschen, die bisher selbst gegeben hatten, die nie daran gedacht hatten, jemals der Wohlfahrt zur Last zu fallen, zu unterstützen. Es galt, Menschen, die zwar wirtschaftlich noch ihre Existenz hatten, aber aus irgendwelchen anderen persönlichen Gründen sich einen neuen Lebensraum schaffen mussten, zu beraten. Es galt, jungen Menschen, die unerwartet ihre Arbeit verloren hatten oder ihre Ausbildung aufgeben mussten, ein neues Ziel, eine neue Aufgabe zuzuweisen. Ueber all dies hinaus war es aber die wichtigste Aufgäbe des Verbandes, all denjenigen Menschen, die abseits von jüdischen Gemeinden lebten, das Bewusstsein zu geben, daß jüdische Menschen um ihre Situation wissen, sich darum sorgen und bemüht sind, zu helfen. All diese Aufgaben, die damals an den Verband herantraten, sind auch heute noch geblieben. Allmählich hat jedoch die Arbeit festere Formen angenommen; ein Stamm ehrenamtlicher Mitarbeiter hat sich in der ganzen Provinz zur Verfügung gestellt, deren aufopferungswillige Mitarbeit auf persönlichen und sachlichen Kenntnissen heute nicht mehr entbehrt werden kann. Dennoch kommen dauernd neue, vielfältige Aufgaben hinzu. Durch die Wandlung der Gemeinden, auf die nachstehend noch im einzelnen eingegangen wird, haben sich kulturelle Aufgaben ergeben, die der Verband gemeinsam mit anderen Organisationen zu lösen hat (Erhaltung der jüdischen Schulen, Errichtung von Bezirkslehrerstellen, Beschaffung von Minjan zu den hohen Feiertagen und ähnliches-). Die Mitarbeiter' des Verbandes haben einen dauernden Kontakt mit den Gemeinden. Es werden fast sämtliche Gemeinden regelmässig besucht, die Familien, die sich hilfesuchend an uns gewandt haben oder deren Notlage uns bekannt ist, werden im Laufe der Zeit persönlich aufgesucht, um mit ihnen gemeinsam produktive Hilfsmöglichkeiten zu beraten. Häufig besteht eine Scheu, sich den Verwandten, die noch in günstigen Verhältnissen leben, zu offenbaren; hier tritt die Vermittlung des Verbandes erfolgreich ein. Aber nicht nur diejenigen Familien, die in einer wirtschaftlichen Notlage leben, werden besucht. In jedem Einzelfall wird das Schicksal beraten und fast immer begegnet man auch dort, wo keine materielle Hilfe notwendig ist, einer grossen Freude über den Besuch und dem Bedürfnis nach Aussprache. In den verschiedenen grösseren Gemeinden, Marburg, Fulda, Limburg etc. werden Bezirkssprechstunden abgehalten, die in den Kleingemeinden regelmässig bekannt gemacht werden und die oftmals eine Besucherzahl von 40 — 50 Menschen aufweisen. Inzwischen erforderte die verstärkte Arbeit eine Teilung des Verbandes: Die Gemeinden des Freistaates Hessen wurden abgesondert und von dem Landesverband der Israelitischen Religionsgemeinden in Hessen übernommen; die Arbeit für die Gemeinden in Hessen-Nassau wird von dem früheren Landesverband, dem jetzigen Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Hessen-Nassau, geleistet, der seine Arbeitsräume Quinckestrasse 24, (früher Königswarterstrasse) II. Stock, hat. Der Provinzialverband erfüllt seine Aufgaben in den Rabbinatsbezirken Wiesbaden, Ems-Wiesbaden und den Vorsteherämtern Fulda, Hanau und Marburg. Der Bezirk des Vorsteheramtes Kassel untersteht gleichfalls dem Verband, wird aber gesondert verwaltet.

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