Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 478 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 12 August 1935 Alle Artikel sind, persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Sehriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, en richten. Beth Chaluz n. Das Gemeinschaftslehen ist die Hoffnung Vieler, die "bisher allein oder im Elternhaus lebten; es bedeutet für jeden etwas ungemein Schönes und Reizvolles, am Leben anderer teilzuhaben und andere am eigenen Leben teilnehmen zu lassen. Hierin liegt die grosse,""undefinierbare Stärke, die in den Menschen wunderbare Wandlungen vollzieht, Wandlungen, die vom Einzelnen, von den Mitlebenden und von der Umwelt nie geahnt wurden. Diese umgestaltende Kraft der Gemeinsamkeit, die ihren ersten Ausdruck in den Bünden findet, orientiert sich hier an einem dem Lebenskampf näheren Kreis. Diese Gemeinsamkeit ist auch dann der wirkliche Inhalt jedes Beth Chaluz, wenn sie sich nicht nur in erfüllten Hoffnungen, sondern auch in Enttäuschungen jeder Art äussert. Denn so schön man sieh das gemeinsame Zusammenleben vorstellt, so schwer ist es auch. Und die Schwierigkeiten erkennt man erst durch das eigene Erlebnis. Das Räumlich und: zeitlich , enge Zusammenleben ist .schwer, weil es dein Einzelnen oft nicht die Ruhe zum Weiterbilden und die damit verbundene Muße zum wirklichen Ausreifen lässt. Es kommt vor, daß.durch den „Betrieb" im Hause die notwendigsten Fordefungen des Hebräisch-Lernens oder die Aneignung ideologischer Kenntnisse. nicht erfüllt werden können. Dabei ist viel Wertvolles verloren gegangen. Man glaubt, seinen geistigen Pflichten durch den .Besuch von Arbeitsgemeinschaften Genüge getan zu haben. Die Selbstarbeit fehlt und damit auch die wirkliche Vertiefung; Dies ist ein Punkt, an dem das enge Zusammenleben des Guten etwas zu viel haben kann. Es kommt darauf an, in diesem gemeinsamen dauernden Zusammenleben die Distanz und somit die Muße und Ruhe zu finden, die für die persönliche Entwicklung und zur Steigerung des eigenen Niveaus notwendig sind. Die Schwierigkeiten, die dieser dringenden Notwendigkeit im einfachen grauen Alltag entgegenstehen, sind oft ungeheuerlich. Aber es hilft nichts, es m u s s jeder Einzelne dieses Hindernis des kibbuzischen Lebens überwinden können; wenn es auch am Anfang oft eine grosse Enttäuschung ist, daß das gemeinsame Leben für jeden Einzelnen eine Grenze hat. In der Gestaltung dieses distanzierten Zusammenlebens spielt die Frage der Formung der Beziehungen zu "den Mädchen die. entscheidende Rolle schlechthin. Zunächst einiges Grundsätzliche. Die Menschen, die im Beth Chaluz wohnen, sind genau dieselben wie die ausserhalb, d. h. die .Verschiedenartigkeit der Veranlagungen und die Vielfältigkeit der Erscheinungsformen sind unendlich. Hier wie dort lernen wir Menschen keimen, die bewusst verstehen, der Beziehung Junge — Mädchen die würdevolle Form zu geben, die ein kultiviertes Leben verlangt. Hier wie dort haben wir auch Menschen, die Energie aufbringen müssen, um ihre Beziehungen zu klären. Ueber eins muß man sich bei der Betrachtung dieser Frage im Klaren sein: alle diese Menschen, im. Alter bis zu 30 Jahren, haben Sehnsucht nach Bindung zum anderen Geschlecht. Die1 Ableugnung dieser Tatsache durch die Menschen selbst oder von aussen, her ist eine Täuschung, die dem wirklichen Sein nicht Rechnung trägt Die Frage ist, wie gestalten sich diese Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft? Darauf eine eindeutige Antwort -zu ^eben, ist nicht möglich. * Es ist verständlich, daß. durch das viele Znsammensein von Jjuigen und Mädels die Voraussetzungen für ein tieferes Kennenlernen des anderen Menschen grösser sind als sonst. Schon vor dem „sich Kennenlernen" trägt man alle Sorgen und alle Freuden gemeinsam. Das bindet stark und echt, ausgeschlossen ist die Ausnutzung eines durch den andern, die in den unkontrollierten Beziehungen der Aussenwelt oft eine Rolle spielen und Unglück anrichten. Im Beth Chaluz spielt sich alles unter dem ab, was wir die „öffentliche Meinung" nannten, und diese hat ein sehr -feines Empfinden dafür, was echte Beziehung und was zügellose Triebhaftigkeit ist. Und wenn einmal, wie in ganz seltenen Fällen, diese Zügellosigkeit bei einem Menschen Oberhand gewinnen würde, so würde er sich damit selbst ausserhalb des ganzen Kreises stellen. Diese Fälle sind aber sehr selten im Verhältnis zu denen, wo wirklich gute, tiefgehende und würdige Beziehungen durch das Zusammenleben entstanden. Viel reiner und klarer und damit auch für die Einzelnen, wie für die Gesamtheit, gesünder, als es meist ausserhalb solchen gemeinsamen Gruppenlebens der Fall ist, gestalten sich die Beziehungen, weil ihnen das Odium des Verbotenen fehlt, und. sie echt sind. Alles in allem können wir mit Recht sagen, daß, wenn wir auch noch auf dem Wege in der Klärung dieser Beziehungen sind, wir in der Erfüllung der Forderungen, die wir an unsere Menschen stellen, hier weiter gekommen sind als auf vielen anderen Gebieten. Für uns rbesteht die Forderung nach Reinheit und Klarheit und die Realisation dieser Forderung bietet in nicht wenigen Fällen den Gradmesser für die Bewertung eines Menschen. Es ist nicht möglich in diesem Rahmen eine erschöpfende Darstellung des Lebens im Beth Chaluz zu geben; vielleicht ist dies überhaupt unmöglich, denn das hiesse sein eigenes Leben mit allen Details zu beschreiben und wer besässe die Distanz dazu? Zum Schluß. Einiges über die Organisation des Beth Chaluz. Die Räume sind von der Gemeinde zur Verfügung gestellt, die Gelder für die Ernährung und sonstigen Unterhaltungskosten kommen zu 1/3 von den Gemeinden, zu 2/3 vonder Zentralwohlfahrtssteile durch die Beratungsstelle zur Auszahlung. Die wenigsten Chawerim sind Selbstzahler. Es wird pro Kopf ein Zuschuss von RM. 38.— monatlich bezahlt. Die Beratungsstelle und die Wizo haben in vielen Fragen die Rolle der „Mutter" im Haushalt übernommen. Die Besetzung des Hauses erfolgt durch die betreffende Organisation, der die Räume überlassen worden sind. Die Hauswirtschaft wird von den Mädels besorgt. Ein Mädel hat die Leitung der Küche, eines leitet das Haus, sorgt für Wäsche und Reinigung. Für Ernährung darf nur ein Tagesdurchschnitt von 65 Pfennig pro Kopf verbraucht werden. Die Vewaltung der Kasse liegt in den Händen eines Jungen, der alle 4 Wochen Aufschluss über die Kassenlage gibt. Ein Waad von 3-4 Leuten sorgt für die ordnungsgemässe Abwicklung all dieser Technika und trägt die Verantwortung der Beratungsstelle und der Gemeinde gegenüber. Die Chawerim bleiben im allgemeinen l%-2 Jahre im Beth Chaluz. Das ist die Dauer ihrer Hachscharah bis sie zur Ali jäh gehen. Beth Chaluz, ein neuer Begriff, ein Weg gesucht von der Jugend, gefunden von der Jugend im Verlauf der Auseinandersetzung mit der Umwelt, gewiesen von der palästinensischen Arbei-terschaf t. Der Weg einer neuen Generation im Kampf gegen die Unbilden der Verhältnisse. Ob er richtig ist? Nur die Zukunft kann es erweisen. Leo Jelesniakow