Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 476 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 476 Soisen - Schlnss - Verksid Beginn 29. 7, 35. Grosse Auswahl iu Sommerartikel, wie Seidenwäsche, Kinderkleidung, Strümpfe, Herrenartikel, u. Modewaren 4?MV ihr zu sprechen. Eine Viertelstunde später wiederholte sieh das gleiche Schauspiel ein Stockwerk höher in der Elektrischen. Und als wir zum Schluß auf dem Dachgarten des Hauses Karstadt in Neukölln den Rundblick auf die gewaltige Stadt zu unseren Füssen genossen, fanden sich auch bald ein paar Bekannte ein, die sich neben sie setzten, ihr von ihren Leiden und Freuden erzählten und sichtlich froh waren, einige Minuten mit ihr zusammen zu sein. Das kleine Erlebnis hatte symbolische Kraft. Das ganze jüdische Berlin in seinen Höhen und Tiefen kannte die Mutter... Sie reiste viel... und kannte die Juden in Memel so gut wie die in Freiburg oder München____ Sie war jeder Situation gewachsen. In der ersten Zeil ihres Berliner Aufenthaltes wurde sie an einem dunklen Wint labend in einer abgelegenen Strasse von einem Manne belustigt. Er ergriff aber schleunigst die Flucht, als sie ihm sagte: Ich hab's eilig, ich bin Hebamme... Die Mutter hatte einen großen Humor ... Von einem Gang zur Markthalle konnte sie berichten wie andere von einer weiten Reise. Sie hatte wohl recht, wenn sie uns in ihren letzten Lebensjahren oft besorgt sagte: Wer wird Euch einmal zum Lachen bringen, wenn ich nicht mehr da bin?___Geformt war ihr Wesen durch eine ungewöhnliche Bildung. Zum geringsten Teil stammte diese aus ihrer Schulzeit. Sie hat mit 15 oder 16 Jahren Elternhaus und Schule (in Wertheim a. M. D. Verf.) verlassen und kam von dort in das Haus ihrer Tante in Bruchsal, wo sie sich nach ein paar Jahren verheiratete und 26 Jahre wohnte. Sie hat später oft behauptet, sie wisse nichts, und wenn ihr meine verstorbene Schwester Methoden und Hilfsmittel wissenschaftlicher Arbeit vorführte, war sie sogar im Stande, es zu bedauern, daß sie nicht das Glück gehabt habe, zu studieren... An ihr zeigte sich die bildende Kraft des Gottesdienstes. Mit dem Gebetbuch und der Heiligen Schrift, soweit sie in unserem Gottesdienst zum Ausdruck kommt, war sie in der hebräischen Ursprache vertraut. Auf jede Situation wusstei sie mit einer biblischen Geschichte oder einem Wort des Talmuds zu reagieren. Sie war bibelfest im echten Sinne des Wortes und hatte sich diese altjüdische Welt mehr als angeeignet, einverleibt... So viel sie auch immer zu tun hatte, früher, als sie für ihren Mann und ihre fünf Kinder zu sorgen hatte, wie später in den fünfzehn Jahren ihres Witwenstandes, als Viele zu ihr wie zu ihrer Mutter kamen, Zeit für dieses lebenslange gründliche Lernen machte sie sich doch immer frei. Sie stand früh auf. Es fiel ihr leicht, morgens um 5 Uhr am Schreibtisch zu sitzen... Als jemand sie einmal als Frauenrechtlerin feierte, erhob sie mit einer bei ihr ungewohnten Schärfe Einspruch. Das sei sie bestimmt nicht, sie sei eine Rabbinerin... Ihr, Bild zeigt, wie die Gefahren gebannt werden können, mit denen die Zurückdrängung der Juden von Schulen und Universitäten uns bedroht. — Ihre Heiterkeit und ihre rastlose Tätigkeit ruhten auf dem Grunde eines tiefen Ernstes., Sie war mit dem Tode vertraut, er stand immer im Hintergrund ihrer Gedanken ****) ... Es gilt von ihr in seinem ganzen Umfang das Wort aus dem Hymnus ****) vergl. das unter **)Gesagte. Escheth Chajil, den unser Vater während der ganzen Dauer seiner Ehe an jedem Freitag Abend ihr zu Ehren angestimmt hat: „Kraft und Schönheit ist ihr Gewand, und sie lacht des letzten Tages". Wer „Mutter" Eschelbacher gekannt, der weiss, daß diese Worte sie richtig zeichnen — wer sie aber nicht mehr selber in all ihrer warmen Mütterlichkeit, in all ihrer Anmut erlebte, der spürt vielleicht aus der Aehnlichkeit dieses Bildes mit den — zeitlich und räumlich — von ihr entfernten, daß hier keine Ausnahme geschildert wurde, sondern eben — ein Typus. Ein Typus, der durch andere eine Zeit lang ein wenig in den Hintergrund gedrängt wurde, und der doch in seiner Kraft und Echtheit uns heute wieder zum Vorbild, wird. Dora Edinger Familienerinnerungen als Hilfe zur Familienforschung In ihrem „Brief an eine Freundin" in der Juni-Nummer dieser Beilage hat Frau Dr. Edinger davon berichtet, wie sie bei der Durchsicht einer Bücherkiste drei Bände „Erinnerungen", von großmütterlicher Hand geschrieben, hervorstöberte, die anscheinend ungelesen. den Weg vom Bücherschrank dorthin gemacht hatten. In uns wecken die kurzen Angaben aus dem Brief ausserordentliches Interes£3 Reichten sie doch bis zum Beginn--des neunzehnten Jahrhunderts zurück und' deckten eine sehr einseitige und beschränkte JBerufslage auf '— Wollhändler, kleiner Handwerker (es mag sich hier um eine in der ersten Generation zum Handwerk zugelassen.? Familie gehandelt haben), Familienbetrieb in einer Kleingemeinde. Mit dieser Schilderung war eine für die damalige Lage der Juden typische Situation gekennzeichnet. Weiter wurde berichtet von dem Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der um 1900 der alternden Frau die Muße zur 1 Niederschrift ihrer „Erinnerungen" gab, deren grossartige Aufmachung in Goldschnitt die Wohlhabenheit der Familie verriet. — Auch der Auszug aus der Familienchronik um. 1830, der als Antwort auf die erste Anregung der Juli-Nummer dieser Beilage zuging, zeigte die Linie, von bescheidenen Anfängen herkommend, z.u „sich.... günstig und zuletzt glänzend gestalteten Verhältnissen". Aber die Schilderung der Dreizimmerwohnung, in der um 1830 der Hausstand begründet wurde, erinnerte nur zu lebhaft daran, wie jetzt 1935, rund hundert Jahre später, in einer großen Ueberzahl wieder die kleine Dreizimmerwohnung bezogen und gegen die weitläufigen Wohnungen eingetauscht wird. Mit diesem Bild schliesst sich der Bogen um die Epoche des Aufstiegs der Juden und des Hinaustretens in die Welt, eine Epoche, die mit dem Ende des Liberalismus in Deutschland ihren Abschluss gefunden hat. Wir verstehen, warum unser Interesse, -im Gegensatz zu dem der vergangenen Generation, durch diese Familienerinnerüngen, die uns an den Anfang1 dieses Weges zurückweisen, als sich allmählich die Tore zu öffnen begannen *•), wachgerufen wird. Wenn wir bedenken, daß in deutschen Ländern die völlige *) Unser Beispiel gab den. Uebergang zum Handwerkerberuf. 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