Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 475 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 „Mutter in Israel" In dem schönen Gedenkartikel Frau Bergel-Gronemanns, in der letzten Nummer dieses Gemeindeblattes für Schmarya Levin wurde auch seiner frommen Mutter Elke „der Doktorin" gedacht, deren bei aller Enge doch so reiches Leben der Sohn liebevoll in seinen Erinnerungsbüchern geschildert hat. Wer die reiche jüdische Memoirenliteratur kennt und liebt,*) der weiss, daß das Wesen dieser Frau — das viele Leserinnen Schmarya Levins ergreift — kein Einzelfall ist, sondern nur eine in den Schriften des Sohnes besonders lebendig festgehaltene Verkörperung des traditionellen jüdischen Frauenideals. Auch unter uns-gibt es solche Frauen noch, und wenn wir einer besonderen, liebenswerten heute gedenken, so wollen wir ihr nicht das Unrecht tun, sie aus der geistigen Umwelt herauszulösen, die der Nährboden ihrer Eigenart war. Eine Umwelt, die uns wohl fremd geworden, zu der wir aber immer noch Zugang^inden. In einem Aufsatz „Aus einer jüdischen Gemeinde vor 50 Jahren" sagt Moritz Lazarus: .. „die reinen frommen und in ihrer Art gebildeten mit der Kenntnis nicht bloss der Schriftzeichen, sondern auch der Sprache des Hebräischen gezierten jüdischen Matronen voriger Geschlechter gehören zu den edelsten Erscheinungen, welche menschliche Kultur gezeitigt hat; ihr durchaus gesittigtes, gemüthsinniges, von Wohltätigkeit durchleuchtetes und von. religiöser Tiefe durchgeistigtes Wesen hat seinesgleichen an Würde selten gefunden", und er berichtet dann von der Urgrossmutter seiner Frau „Zortelchen", deren Leben aufging in Pflege der Kranken, Fürsorge für arme Bräute und Wöchnerinnen, Dienst an den Toten; von der man sagte, sie habe beim Verlust ihrer Tochter, ihres einzigen Kindes, keine Träne vergossen, denn das hiesse wider Gottes Fügung murren**). An keinem Wochentage gönnte sie sich den Besuch des Urenkelchens, das nach dieser jung verstorbenen Tochter hiess, weil da ihre ganze Zeit ihren Pfleglingen gehörte. Und in den schönen „Erinnerungen einer Grossmutter" erzählt uns Pauline Wengeroff von ihrer Schwiegergrossmutter: „den ganzen Tag. kamen Leute zu ihr^ um sieh Eat und Unterstützung zu holen. Täglich fast sah man die alte Frau von einer Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. .. Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie verfügte über eine grosse Menge von Eezepten und Heilmethoden, von denen mir noch einige in Erinnerung sind____***) Man kann von der Grossmutter wie von einem. gesuchten Arzt sagen, daß sie eine grosse Praxis besass. Natürlich *) Bei dieser, Gelegenheit ist es vielleicht zweckmässig, unsere Leserinnen daran zu erinnern, wie reich der Schatz jüdischer Memoiren-Literatur unserer Gemeinde-Bibliothek ist! **) Ganz ähnlich verhielt sich Ernestine Eschelbacher beim tragischen Tod ihrer jungverheirateten Tochter; entsprechendes berichtet J. Epstein in seinen Erinnerungen von seinem Großvater, der keine Träne um die am Freitag verschiedene Lebensgefährtin vergiesst: "Am Sabbat weint man nicht —", wie es in einer schönen Skizze von Frau Dr. Neuhaus heisst. ***) Diese sehr „modernen" Methoden sind z. T. im Buche angeführt (Verlag J. Kauffmann). Man kann das Leben beleben, und dafür bin ich sehr; dies ist des Lebens grösstes Glück, und mich dü'ikt seine grösste Aufgabe. Kaiiel Varnhagen, Mai 1818. hatte sie auch in der Nacht keine Ku.ie. Tlir Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt hntce ein Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden durfte.. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen „Beileniu" zu rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie fertig zum Ausgehen da ... Rasch nahm sie einige Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu denen sie hinkam, so gross, daß sogar Windeln für das Neugeborene fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie ris? ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete da3 Kind, bedeckte die Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück und erzählt'1 häufig und gern von ihren Erlebnissen... Wenn ich jetzt die russisch jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, dis sieh in ihrem kleinen beschränkst e n K r e i s e e i n B f. t ä t i g u n g s f e ld s c h u f u n d d a s s oziale Empfinden Iii diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange, ununterbrochene Kette, bei der sich Glied an Glied reiht und nicht als etwas Zufälliges, Plötzlich esundNeues im jüdischen Leben an. Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte. Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgen3 auf, sang mit Andacht viele Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morr;enbesprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und ging dann in die Synagoge. Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie ass wenig und einfach ..." Ja, diese Frauen waren wirklich Typen — wir erkennen das staunend, wenn wir heute einer Frau gedenken, die noch vor wenigen Jahren unter uns 'ii der gleichen stillen, „unmodernen" Weise wirkte, und deren Bild wir gern auch denen zeichnen möchten, die nicht so glücklich sind, sich persönlich Ernestine Eschelbachers zu erinnern. Vor Jahresfrist schrieb ihr Sohn, Rabbiner Dr. Eschelbacher- Düsseldorf, einige persönliche Erinnerungen an sie nieder: an diese schlichte Frau, die auch noch als Großmutter die ganze Haushaltswäsche selber wusch, die von persönlicher Selbstsucht frei war und so Avenig persönliche Bedürfnisse hatte: „Vor ein paar Jahren fuhr ich mit ihr in Berlin in der Untergrundbahn. Wir sassen nicht lange allein. Mitfahrende kamen herbei, nahmen neben ihr Platz oder standen um sie herum, um ein wenig mit Saison-Scfjlussverkauf "Beginn: Montag, den 29. 9uli besonders günstige Anschaffüngsgelegenheit für hochwertige <Damen~ und OCinderkleidnng S. Siäjel LIEBFRAUENSTRASSE 6