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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-08-01 · 12 (8.1935) · p. Seite 460

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
12 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 460 (sequence 10)
Language
German
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Seite 460 Zum Sabbatausgang bei Oberrabbiner Kook in Jerusalem von Rabbiner Dr. S. Levi, Mainz Der Oberrabbiner von Palästina, Rabbi Abraham Jizchak lKook, ist, schwer erkrankt. Für seine Wiedergenesung sind in allen Teilen der Welt Bittgottesdienste angeordnet worden. Wir wünschen, daß es Rabbi Kook beschieden sein möge, bald und völlig zu genesen. Wenn auch der Aufbau Palästinas zweifellos vor allem durch die körperliche Arbeit junger kräftiger Menschen auf dem offenen Lande vollzogen wird, wobei die Einzelkraft und die Einzelleistung sich in den grossen Willen und in die Aufgabe der Masse einzuordnen hat, so sind doch anderseits geistige Persönlichkeiten in ehrwürdigem Alter in stillen Stuben durch ihr Sein und durch ihr Wort oft Quellen und Anregung für die Lebensauffassung und für die Haltung weiter Kreise. Rabbi Abraham Jizchak Kook, in Kurland geboren, heute Oberrabbiner der aschkenasischen Juden Palästinas, hat in seinen verschiedenen rabbinischen Aemtern, die .er in Gemeinden des alten russischen Randgebietes, in Jaffa, in London und seit Kriegsende in Jerusalem innehatte, nicht nur gelehrte Schriften veröffentlicht, sondern auch Erfahrung gesammelt, tätigen Anteil an den Aufgaben des neuzeitlichen Judentums, insbesondere in Palästina, genommen und weitreichend Autorität in den Reihen der Judenheit wie der palästinensischen Mandatsmacht gewonnen. Bei der Uneinheitlichkeit der palästinensischen Judenheit ist zwar auch diesem Manne, der im siebzigsten Lebensjahr steht, der restlose Zusammenschluß der Juden Palästinas um seine Ideen und seine Weisung nicht gelungen, er steht aber in einem weitgezogenen Kreis als anerkannte und führende Persönlichkeit des religiösen Judentums Palästinas. Nach alter jüdischer Sitte, die insbesondere bei den Juden des' Ostens in Übung ist, und die wohl Anregung für die neuerdings eingerichteten „Oneg-Schabat- Feiern" gewesen ist, versammelt man sich auch um Oberrabbiner Kook am Sabbat-Nachmittag zu schaloseh seudot, was zwar wörtlich „die drei Mahlzeiten" heisst, richtiger aber mit seudah schelischith bezeichnet wird und die dritte Sabbatmahlzeit bedeutet. Diese dritte Sabbatmahlzeit ist im Gegensatz zu den beiden ersten (am Freitagabend und am Sabbat um die; Mittagszeit) in Hinsieht der Speisen einfach gehalten, dafür aber umso reichlicher durch Gesänge, religiöse Gespräche und Lehrvorträge ausgestaltet. Diese dritte Sabbatmahlzeit zieht sich so vom Spätnachmittag bis in den Abend hinein hin. Wir hatten, ein kleiner Kreis von Pälästinafahrern, Gelegenheit, am 9. März, am Schabbat pekude, einen solchen Nachmittag mit seiner Feier im Hause des Oberrabbiner Kook zu verbringen. Als wir die Treppe emporstiegen, schlug Singen und Summen an unser Ohr. Um den langen Tisch im großen Empfangsraum des Oberrabbiners sassen Juden in bunter Mischung der Gewänder und Kopfbedeckung. Alte in langen, grauen Bärten, aber auch junge, sassen und standen ringsherum, soweit Platz war, bis an die Fenster und Türen. Auch blutjunge Chaluzim, die von einer Siedlung hereingekommen waren, mischten sich, teils in bunter Kluft, unter die Versammelten. In gewohnter gastlicher Art rückte man, sobald man uns als Fremde erkannte,, zusammen oder stand auf und gab uns Platz auf Stühlen oder Bänken am Tisch. Der Tisch war gedeckt, chalah und kärglicher Fisch stand zum Imbiss bereit und auch Karaffen mit Wein. Ein Bärtiger mit vergeistigtem Gesicht, im langen sabbatlichen Rock, auf dem Kopf die pelzbesetzte Mütze, singt ein Sabbatlied nach wehmütiger Melodie, andere summen mit, schaukeln in sich gekehrt hin und her, falten oder verkrampfen die Hände und lassen Minute um Minute des sabbatlichen Behagens über sich ergehen. Die Semirothgesänge gehen weiter abwechselnd in der Runde, hat der eine Sänger geendet, so hebt an anderer Stelle ein zweiter mit einem neuen Lied an. Die Dämmerung, die in Palästina von kurzer Dauer ist, macht sich im Räume bereits fühlbar. In einer kurzen Pause tritt plötzlich der alte Rav durch die Tür, alle stehen auf, eine Gasse bildet sich durch die Reihen: Kook geht in seinem langen bräunlichen Ueberrock, den Kopf bedeckt mit der mächtigen pelzbesetzten Rundmütze zum oberen Ende des Tisches, wo ein Sessel bisher leer gestanden hatte. Er nimmt Platz, in der Halbdämmerung sieht man dann, wie er die Waschung der Hände vollzieht, vom Sabbatmahl geniesst; in Stille harrt der ganze Kreis, wieder setzt ein Lied ein, dann hört man fast flüsternde Worte, weitergegeben wird an der Tischrunde der Wunsch des Rabbiners, man möge mit Rücksicht auf das herannahende Purimfest mit einem heiteren nigun schliessen. Sofort setzt von ziemlichem Händeklatschen begleitet eine heitere Vertonung über die Worte: „lajehudim hojesoh auroh wesimchoh" ein. Nach deren Beendigung beginnt der Rav seine deroschoh, wie allsabbatlich, über denWochenabschnitt. Er spricht in Jiddisch-deutsch über die heiligen Gewänder der Priester und das Stiftszelt, zeigt Schwierigkeiten und löst Probleme, geht ohne Stocken auf die verschiedensten Gebiete und Werke der jüdischreligiösen Literatur ein, bringt als Belege zahlreiche Stellen des jüdischen Schrifttums. Man sieht ihn schon nicht mehr, man hört nur seine leise Stimme, die aber durch die atemlose Stille des Raumes dringt. Es redet wie aus der Ferne durch Schweigen zum Hören. Es ist längst Nacht geworden, aber die Worte fliessen weiter. Als dann elektrisches Licht aufstrahlt, setzt sich das Künden noch lange fort. Jetzt sieht man auch den Rabbiner selbst und erkennt, wie er durch die Brille hindurch den Kreis mustert und bei diesem oder jenem Genossen der Sabbatausgangsfeier mit seinem prüfenden Blick haften bleibt. Man fühlt, wie schwer dem Kreise die Trennung von der Wonne des Sabbat wird, aber schliesslich verrichtet der Rabbiner nach nochmaliger Handwaschung das Tischgebet mit dem flachen Becher Weins auf der Hand. Er erhebt sich, geht, man beginnt das Marivgebet, der Rabbiner selbst vereint sich zum Gebet mit seinen Bachurim und einigen Männern aus näherer Umgebung in der nebenangelegenen Jeschiwah. Im großen Empfangsraum hat man das Gebet inzwischen beendet, man wartet, einer der Diener deckt den sabbatlichen Tisch ab und bereitet für Havdoloh. Oberrabbiner Kook kommt zurück, händigt einem Bochur die Kerze aus, einem Alten die Gewürzbüchse, vollzieht die herkömmliche Havdoloh, trinkt und verlöscht die Kerze, nachdem die Runde beim Kerzenlicht die Hände betrachtet hatte, man bestreicht mit dem Havdolohweinrest die Augenlider. Der Rabbiner zieht nun auch uns in ein Gespräch, erkundigt sich mit reifem Verständnis nach dieser und jener Gemeinde auf deutschem Boden, weiss insbesondere für die Gemeinde Mainz viel gute Wünsche mitzugeben, lässt dann das alte Hamavdillied anstimmen, bis plötzlich ein Uralter in den Kreis tritt, das kleine Enkeltöchterchen des Oberrabbiners an der Hand und mit zumeist geschlossenen Augen, nach innen und in die Zukunft schauend, unermüdlich das Lied von elijohu hanovi singt und dabei mit dem kleinen Enkelchen an der Hand tanzt. Dann klettert das Kleine dem Großvater auf den Schoss, plappert und neckt, daß mit einem Schlage die Wohligkeit des Familienlebens aus dem Sabbat in den Alltag hinüber leitet. In unseren SAISON-SCHL USS~ VERKA UF ab Montag, den 29. Juli kaufen Sie gute Qualitäten in SEIDENu. WOLL¬ STOFFEN zu bedeutend zurückgesetzten Preisen SCH WARZSCHILD- O CHS Rossmarkt 13

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