Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 459 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 459 einen recht kleinen Kreis beschränkt sein wird. Aber auch in Russland, wo das Jiddische sich der Pflege durch Gesetz und Behörde erfreut, ist dies der Fall. Hier wird das Jiddische von der russischen Keichssprache aufgefressen. Dadurch, daß man es orthographisch und auch im Wortschatz von den anderen Mundarten des Jiddischen künstlich trennt, beschleunigt man seinen Untergang. Denn je enger der Kreis einer Sprache gezogen ist, um so schneller schmilzt sie dahin. Dabei entfernt sich das Jiddische durch Aufnahme reichen russischen Sprachgutes vom Deutschen und durch sanften und gröberen Zwang auch vom Hebräischen. Ganz anders ist der Gang in Palästina. Hier herrscht der Wille zum Hebräischen. Das Jiddische ist nicht etwa verschwunden. Es ist nur untergetaucht. Aber es mündet doch ins Hebräische. Das viele Hebräisch, das zum Bestände des Jiddischen gehört, verleiht denen, die es gesprochen haben, bei der Erlernung der neuen Umgangssprache einen großen Vorsprung. Zugleich überträgt das Jiddische Ton und Klangfarbe auf die neue hebräische Familiensprache, so daß trotz der scheinbaren sefaradischen Aussprache das Jiddische so stark mitschwingt, daß man zuweilen glaubt „Jiddisch" zu hören, während es in Wahrheit ein ganz gutes Hebräisch mit sefaradischer Vokalisation ist, das aber von weitem wie Jiddisch klingt. Hierzu kommt, daß sehr viele Wörter, stilistische Formen und Redensarten aus dem Jiddischen in das neue Hebräisch übergegangen sind. Aber die jüngere Generation spricht kein Jiddisch und versteht es zum großen Teile gar nicht oder nur sehr mangelhaft. Jetzt ist eine wichtige Wandlung eingetreten. Die große Einwanderung aus Deutschland bedeutet auch sprachlich einen Einschnitt. Gewiss gibt sich die weitaus große Mehrzahl der deutschen Juden allen Schwierigkeiten zum Trotz die größte Mühe, hebräisch zu lernen. Und die jüngere Generation bleibt hierin nicht hinter der einheimischen Bevölkerung zurück. Aber es zeigt sich eine interessante Erscheinung: Fürs erste bleibt die im Hause gesprochene Familiensprache das Hochdeutsche. Aber unwillkürlich nimmt diese Sprache wieder hebräische Wörter auf, diesmal nicht deutscher (aschkenasischer) Aussprache, sondern in sefaradischer Form. Natürlich das Wort des Grusses „Schalom", des Dankes „Toda rabba", aber auch des Badestrandes, der kurzweg „Jam" (Meer) heisst und das viel benutzte Wort „Migrasch". Trotzdem hält sich in dieser Einwandererschicht das Deutsche neben, und zuweilen vor dem Hebräischen als Familiensprache. Jedoch wird es in gewissem Sinne, wenn man es sehr genau nimmt, ein Jüdischdeutsch mit jenen ganz geringen hebräischen Einstreuungen. Wie weit sich diese Sprache später halten wird, das hängt von ganz anderen Faktoren, z. B. von der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Europa ab. Aber jetzt ergibt sich sprachgeschichtlich eine Parallele zur Einwanderung der sefaradischen Juden in das türkische und arabische Morgenland vor 400 Jahren. Damals kamen hochgebildete spanische Juden in den Orient, die sich zwar der hebräischen Sprache befleissigten, aber doch in Haus und Familie Castellano sprachen. Sie lernten zwar das Arabische, machten es aber nicht zu ihrer Familiensprache. Aber ihre jüdische Umgebung passte sich ihnen vielfach an, und das Spanische in seiner spagnolischen Spielart wurde die Muttersprache vieler orientalischer Juden, die gar nicht spanischer Herkunft waren. Und „Sefaradim" (Spanier) wurde die Bezeichnung für diese marokkanischen, türkischen und syrisch-palästinischen Juden, auch wenn sie nicht dem Galuth Sefarad entstammten. Eine gleiche Entwicklung gab es im 14. und 15. Jahrhundert bei der Einwanderung deutscher Juden in Polen und Litauen. Aehnlich geht es ja auch mit den „German Jews" in Amerika, in die weite Kreise von Ostjuden aufgehen, weil es für, sagen wir, „vornehmer" gilt, zu den „German Jews" zu gehören. Und eine ähnliche Erscheinung zeigt sich in Palästina, speziell in Tel-Aviv. Es gibt hier gerade in der jiddisch sprechenden Bevölkerung eine gewisse Abneigung gegen die Juden deutscher Zunge. Ihre Lebens- und Geschäftsgewohnheiten sind andere, ihre Kenntnisse vom Judentum zum Teil geringere. Aber über diese innere Dr. jur. Hugo Hoff mann Generalvertreter der Victoria-Versicherung Kaiserstrafp 2 + Fernsprecher 24841/2 Gegnerschaft hinaus sind es gerade diese selben Kreise, die es für vornehmer halten, mit den deutschen Juden deutsch zu sprechen, als Hebräisch oder Jiddisch, soweit sie nicht das Jiddische für Deutsch erachten. Kommt ein deutscher Jude in einen Laden, so bekommt er auf seine hebräische Frage eine deutsche Antwort oder eine solche, die deutsch zu sein vermeint. Aber auch die deutschen Ostjuden — im allgemeinen ein besonders wertvoller Teil der neuen Bevölkerung — kehren hier nicht zum Jiddischen zurück, sondern sprechen, soweit .sie nicht Hebräisch reden, ihr Hochdeutsch. Man, hört auf den Strassen über diese Kreise hinaus vielfach ein ausgesprochen ostjüdisch klingendes Hochdeutsch, das grammatisch und linguistich durchaus korrekt ist, das aber, wenn man es aus einiger Entfernung hört, nach dem Jiddischen hinklingt. Zwischen diesem und dem literarischen Deutsch gibt es alle möglichen Abstufungen. Freilich hört man auch überall in Palästina gutes literarisches Deutsch und es gibt ganze Stadtteile, namentlich, in Haifa und Tel-Aviv, wo man überhaupt kaum etwas anderes vernimmt. Aber man sieht, wie sich neben dem doch durchaus hochdeutschen „Jüdisch-Deutsch" gewisser deutscher Einwanderer ein anderes Jüdisch-Deutsch der ehemals jiddisch sprechenden Bevölkerung bildet, und man darf annehmen, daß sich aus dem Zusammentreffen dieser beiden Strö- Jeder Schuhkauf ein TrefferH mungen später eine eigenartige sprachliche Neubildung entwickeln dürfte. Dabei ist es beachtenswert, daß die jüdischen Wörter, die den deutschen Juden von früher her geläufig sind, wie z. B. das Wort „k o s c h e r" in der aschkenasischen Aussprache, die neu aufgenommenen Wörter wie „Schalom" und „Bebakkascha" in orientalischer Aussprache gebraucht werden. Diese Entwicklung ist sprachgeschichtlich deshalb interessant, weil sie in der Gegenwart ein Analogon zur Entwicklung der Judensprachen, vor allem des Jiddischen, des Spagnolischen und Judenpersischen gibt. Freilich ist das Bild dadurch doch ein anderes, weil es sich hier um eine deutliche Nebenerscheinung handelt. Denn der Hauptstrom der Entwicklung geht in das Hebräische. Und erst wenn ein grösserer Teil dei der aus Deutschland zugewanderten Juden so innig mit dem Hebräischen verwachsen wird, daß sie in der hebräischen Sprache, Literatur und Kultur vollkommen zuhause sein werden, dann wird sich auch ihr sprachlicher Einfluss unwillkürlich zeigen und im Neuhebräischen sichtbar werden. Jedenfalls aber sehen wir einstweilen die deutschen Juden in Palästina allen Schwierigkeiten und Hemmnissen zum Trotz mit einer bewundernswerten Energie sich der hebräischen Sprach' nähern. Und diese hebräische Sprache nimmt nicht bloss äusserlich, sondern vor allem auch innerlich dauernd zu.