Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 457 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 457 jüdische Note durch Verwendung von Tora-Akzent-Motiven und rhapsodischen Elementen verliehen wird. Nur wird der Eindruck etwas beeinträchtigt durch eine von romantischer Koloristik beeinflusste Harmonisierung. Im Sinne einer thematischen Ausdeutung des Textes lag es, durch tonmalerische Effekte von Hell und Dunkel lebendige Kontrastwirkungen zu erzielen. So wurde im Haschkiwenu der Gegensatz zwischen der düsteren Aufzählung der drohenden Unglücksfälle und dem glückseligen Gefühl der Geborgenheit in Gottes Schutz hervorgehoben. Kurz abgerissen, atemlos ertönen die angstvollen Rufe wie „ojew, dewer, w'cherew" usf., doch plötzlich brechen die angsterfüllten Töne ab; ein aetherischos Dur drückt symbolhaft den Schutz vor den das Leben bedrohenden Leiden aus; im „Schatten seiner Fittiche" fühlen wir 'uns geborgen. In den Rezitationen des W'schomru, Waj'chullu und Mögen owaus hat sich das phrygische Element stärker als in den vorhergehenden Weisen erhalten und verbindet sich im „W'schom'ru" mit einer freien koloraturreichen Paraphrasierung der allgemeinen Maariw-Melodik. Die von antiken Schriftstellern überlieferte Charakterisierung dieser phrygischen Tonart als „pathossteigernd", enthusiastisch, „phrygium religiosum" findet auch hier ihre volle Berechtigung. Die Einsetzungsverse aus dem 2. B. Mose wurden ursprünglich von der Gemeinde rezitiert und dann erst vom Vorbeter übernommen. Heute pflegt häufig ein Chorgesang unisono angestimmt zu werden. Hier wird der Gegensatz der göttlichen Schöpferfülle und der vollkommenen Ruhe und Beseligung hervorgehoben, was in dem Wechsel von kraftvollen und mild verklingenden Episoden zum Ausdruck kommt. Manche der von bedeutenden Kantoren wie Sulzer, Naumbourg, Kirschner u. a. stammenden Solo-Rezitative sind erwähnenswert. In ihnen wird, ähnlich wie im Haschkiwenu, ein herbes Moll dem reinen Dur gegenübergestellt. In einem W'schom'ru von Hugo Adler fällt die Verwendung von sanft auf- und abgleitenden Quartenparallelen auf, die innerhalb eines phrygischen Klangbereichs einen eigenartigen, geheimnisvollen Glan/, ausstrahlen. Im Gegensatz zu der vorwiegend in Dur gehaltenen Sabbat-Abend-Melodik herrscht im Kaddisch vor der T'fillali Mollstimmung vor, die aucli in den folgenden Gesängen beibehalten wird. Die gekürzte Wiederholung der T'fillah, die ursprünglich für die Zuspätkommenden eingerichtet wurde, hebt mit dem Gemeindegesang Waj'chullu an. Mir liegen alte Weisen von W'schomru und Waj'chullu vor, denen eine einheitliche Stimmführung gemeinsam ist. — Wie im Waj'chullu macht sich auch im „Mogenowaus-Steiger" ein ehrwürdiger Stimmungscharakter geltend. Idolsohn führt seine Singweise auf das 3. Jahrhundert zurück und weist nach, daß sie in der Stamm-Melodik des jüdischen Volksgosangs wurzelt. Von der Propheten- und Klageliedweise angefangen bis zum jiddischen und chassidischen Gesang zeige ein großer Teil diese Melodik auf. Der Steiger sei ein Hauptclcment des jüdischen Gesanges, „tiefster Ausdruck der jüdischen Seele". Wenn „Mögen owaus" in den meisten Orgelsynagogen zum Wegfall gekommen ist, so ist das wegen seiner charakteristischen Melodie zu bedauern. Der Kiddusch, der ursprünglich nur in die Familie gehörte, hat sich in der Synagoge so eingebürgert, daß er dem Kantor Gelegenheit zu höchster Entfaltung gibt. Die Gemeinde erwartet vom Vorbeter, der sich bei dieser Zeremonie in manchen Synagogen mit dem Angesicht zu ihr hinwendet, mit Recht einen weihevoll gehobenen Vortrag. Fassen wir zusammen, so können wir feststellen, daß sich eine günstige Entwicklung der Vertonung unserer schönen Freitagabend-Liturgie angebahnt hat. Es ist zu erwarten, daß diese Entwicklung durch Zusammenwirken musikalisch verantwortungsbewusster Kantoren und schöpferischer jüdischer Organisten sich noch steigert. Dann findet die Gemeinde, die sich heute in ernster Zeit wieder im wachsenden Masse ins Gotteshaus gezogen fühlt, die Erbauung, die sie erwarten darf. 600 Jahre Juden in Bad Homburg von Dr. J. Rothschild Am 5. August dieses Jahres sind 600 Jahre verflossen, seitdem sich Juden in Homburg ansiedelten. Man dachte daran, die Geschicke und Schicksale der Glaubensgenossen und ihre Gemeinschaft eingehend darzustellen. Aber aus mancherlei Gründen mag es kommenden Zeiten überlassen bleiben, die Aufzeichnungen und Akten, die teils bei der Gemeinde, teils im hessen-nassauischen Landesarchiv (jetzt in Wiesbaden) und im Archiv des Stadtschultheiss-Amtes in Homburg (jetzt Magistrat) noch vorhanden sind, zu durchforschen. Dabei dürften sich belangreiche Ergebnisse über die Sitten und das Brauchtum der jüdischen Einwohner und der Gemeinde auch im Zusammenlehen mit den Andersgläubigen finden. *) „Wir Lodewig von Gotes Gnaden Römischer Keyser, zu allen Zyten Merer des Rychs veriehen uffenlichen an diesem Brieffe, das wir dem Eteln Manne Gottfriden von Eppinstein unseren lieben Getruwen die besunder Gnade getan haben und dun auch mit diesem Brieff, das er in der Stadt und uff der Bürge zu Ste'mheim zehen Gesessen Juden heben sal und in synem Tale und Bürge zu Hoenberg auch Zehin und in syme Tale und Bürge zu Eppinstein auch zehin und sal die haben und niessen als gewöhnlichen ist, als lange biss an unser Widderrufen und wollen nicht, das en jemand daran hinder, irre, noch beschwere in keynem weg. als lyep in unser hulde sint und darüber zu Urkunde geben wir yn diesem brieff versigelten mit unserm ingesigcl *) Zu nachfolgenden kurzen Ausführungen sind u. a. benutzt worden : l.Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in •*&d Homburg, verfasst von dem Stadtbibliothekar J. G. Hamel bei Gelegenheit der, Grundsteinlegung der neuen Synagoge, 1864 (Ma- •luscript). ^Beilage zu No. 34 des Israelit 1864. Vßeschichte der Juden Homburgs von Rabbiner Dr. H. Kottek (^uscript). der geben ist zu Nureberg an Sant Osswalts Tag, da manzaltevon Christus Geburte Drutzenhundert jare, darnach in dem funff und drissigstem Jare, in dem ein und zwenzigsten Jare unseres Riehes und in dem achten des Keysertums." — So lautet die erste Urkunde, die von der Ansiedlung von Juden in Homburg Kunde gibt. Der St. Osswalts Tag entspricht dem fünften August und so dürfen wir behaupten, dass seit dem fünften August 1335 Juden in Homburg wohnen. Die wenige Jahre später einsetzende allgemeine Judenverfolgung (1349) scheint an Homburg glücklich vorübergegangen zu sein. Beschränkungen und Bedrängnisse sind im Laufe der Jahre mehr oder weniger heftig erfolgt, aber sie erscheinen doch immerhin erträglich gewesen zu sein. 1622 stiftete Landgraf Friedrich I. das landgräfliehe Regentenhaus Hessen-Homburg. Laut darmstädtischen Uebergabe-Recess wohnten in Stadt und Amt Homburg 20 Schutz j 11 d e n, die Schutz-, wie Neujahrsgelder zahlen mußten. — Das Schutzgeld wurde erst am 1. August 1827 aufgehoben.—Aus der Zeit des 30jährigen Krieges (7. VI. 1639) trägt ein Huldigungs-Revers folgende 11 Unterschriften: Beer Jud-Jockel Meyer-Hun-Ifcyum-Causscl- Mändle-Nathan-Hcyum-Löw-Abraham- Süsskindt-Joseph. 100 Jahre später (10. IV. 1747) haben in einem ähnlichen Revers folgende Israeliten unterschrieben : Moses Ephraim-Aaron Hirsch Dessauer-Ephraim David-Fridel Beerstatt-Salomon Jacob Laage-Liepmann David-Abraham Bodcnheimer-Moyses Isaae-Hey- I ■ " Photo-Abllg. EHRENFELD, ZEIL 104 Filme für Ihre Reise