Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 12 (8.1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094424--4783-3099584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Seite 456 Die Freitagabend-Melodien in Tradition nnd Moderne von Hans Samuel, Berlin Es ist zu begrüssen, daß sich in neuester Zeit jüdische Komponisten finden, die aus dem Urquell hebräischer Akzent-Musik und ältester Rezitations-Ueberlieferung schöpfend die synagogale Musik fortentwickeln. Hat sich diese unter dem Einfluss der Assimilation stark an die geistliche Musik der Umwelt angelehnt, so hat sie, zumal seit den Forschungen A. Z. Idelsohns einen sicheren Kompass gefunden, nach dem die jüdischen Urelemente aus den üblichen Vortragsformen herausgeschält und selbständig fortgebildet werden können. Da erwies sich zunächst als bedeutsam, daß sich der Vortrag der Stammgebete auf den Akzent-Intonationen der Bibel aufbaut und diese somit auch das motivische Material für die Grundmelodien des Sabbat hergeben. Die ältere Melodik des Freitagabend, die sich aus pentatonischen wie phrygischen und dorischen Elementen zusammensetzte, war aber in neuerer Zeit durch dur- und molltonale Ueberarbeitung der Motive in solchem Masse modernisiert, daß ihr Grundcharakter beinahe unkenntlich wurde. Dieser konnte nur in einer einheitlichen Stimmung des ganzen Abendgebetes zur Geltung kommen. Die ältere Intonation der Sabbat-Eingangpsalmen weist nach Idelsohn Aehnlichkeit mit der Asharot-Weise der Jemeniten auf. Wir haben hier eine typisch 2teilige Form vor uns, in der sich am reinsten die primitive aus dem Sprachakzent geborene Vortragsweise erhalten hat. Statt diese aufrecht zu erhalten, verwendet man in Orgelsynagogen häufig für L'chu nerannenoh den Tonsatz der Hallel-Psalmen. — Eine einzigartige Stellung nimmt L'c h o d a u d i ein, das, wie schon das Akrostichon zeigt, von Salomo Halevi Alkabez aus Safed stammt, der im 16. Jahrhundert lebte. Ihm steht keine uralte Melodie zur Seite; es war daher wie geschaffen, begabten und unbegabten Komponisten und Sängern zur Unterlage für die verschiedensten Stilarten zu dienen. Eine ganze Sammlung aus Deutschland allein bringt Idelsohn im 6. Bande seines grundlegenden Werkes über den Synagogengesang. Auch darin hat L'cho daudi eine Vorzugsstellung, daß es sich den ausgezeichneten Zeiten des Jahres anpasst und die für diese charakteristischen Melodien wiederklingen lässt. Da ist zuerst der ernsten Sephiraweise der Zeit zwischen Pessach und Schowuaus zu gedenken. Sodann der Trauermelodie des „Eli Zion", die wir in den 3 Wochen vor dem 9. Ab auch auf unser Lied anwenden. Ein ausgesprochene Klagemelodie ist hier ausserdem im Gebrauch, doch endet sie mit einem versöhnlichen, sanft ergebenen „Baui w'scholaum". Es war verständlich, daß die eigentlichen Sabbatpsalmen 92 und 93, insbesondere aber der' erstere „Tauw l'haudaus" noch eine Steigerung bringen sollten. Die Vertonungen Lewandowskis verraten hier eine starke Abhängigkeit vom s. Zt. herrschenden evangelischen Kirchenmusikstil, der in Mendelssohn-Bartholdy gipfelnd zutage tritt. Die sentimental anmutenden Melodien entsprechen nicht mehr dem heute hervorgetretenen Verlangen nach original-jüdischem Toncharakter. Daher weise ich gern auf die neueren Versuche Dr. Oskar Guttmanns, Berlin, hin, der seinen Vertonungen der Sabbatpsalmen ein ihrem ursprünglichen Wesen entsprechendes freudvoll-orientalisches Gepräge gab. Dem Kantor vorbehalten pflegt allgemein der Psalm 93 zu sein, der in seiner klassischen Kürze die Offenbarung Gottes aus Stimmen der Natur und aus Gesetz und Zeugnis verherrlicht. Kein verständiger Komponist wird verfehlen, diesen Gegensatz herauszuarbeiten. Der dem „Adonoj moloch"angemessene steigermässige Vortrag erinnert an das Tora-Leienen am Roseh-haschanah, an dem Gott wie in diesem Psalm als „König" gefeiert wird. Die „Steiger" sind nach einem der abendländischen Musik fremden Formprinzip aufgebaut; sie stellen keine Tonleiter noch ein Tongeschlecht im modernen Sinne dar, sind vielmehr aus einer meist mehr als 8-stufigen Tonskala und gewissen immer wiederkehrenden, aus den Tora-Niggunim stammenden Wendungen und Motiven zusammengesetzt. Durch allzu starke Koloratur im Vortrag des Steigers kann hier die Wirkung eher abgeschwächt werden. Das eigentliche sabbatliche Abendgebet wird durch das feierliche :,Bor'chu" Rezitativ eingeleitet, dessen hell-freundliche Dreikjangmelodik auch die sich anschliessenden Maariw- Eulogien beherrscht und das ganze Abendgebet mit einheitlicher Stimmung erfüllt. Wie für den Vorabend der Feiertage, so gibt es auch für den Freitagabend eine ältere, mit reichen Tonverzierungen versehene Borchu-Weise und eine jüngere, die das melodische Gerüst der alten ohne das ornamentale Beiwerk übernimmt. Die melismatische Weise umspielt in sanft auf- und abwiegenden Tonfiguren einen Dreiklang ab. Von Lewand o w s k i wenig verändert übernommen, erlangte die vereinfachte Rezitation größte Verbreitung. — Die entsprechende Sulzer'sche Weise gleicht mehr einer einförmigen Rezitation auf wenigen Tönen. Alle Borchu-Gesänge bestehen aus drei stufenartig übereinander gelagerten Satzteilen, durch die der musikalische Ausdruck sich zu einer Hymne steigert. Die folgenden Rezitative, in denen sich die feierliche Borchu- Weise in grösserer Beweglichkeit auflöst, haben einen der Freitagabend-Stimmung gemässen, gemütvollen, sanft-friedlichen Charakter, überdies sind sie modulationsfähig und lassen sich leicht stilistisch umbilden. Daß auch ihre heutige Gestalt nicht die ursprüngliche ist, beweisen die fast durchweg unbestimmt ausklingenden Wendungen, phrygischen Schlussbildungen, die noch als letzte Ueberbleibsel einer älteren Maariw-Weise betrachtet werden müssen. Aber nicht nur in der ornamentalen Figuration, auch im Charakter ist ihre Wandlungsfähigkeit bedeutsam. Dies zeigt sich so recht bei der Verwendung der Grundmelodik an den drei Wallfahrtsfesten und hohen Feiertagen. Die althergebrachte leichtflüssige, variable Form der Rezitation sollte heute wie früher die musikalische Grundlage des sabbatlichen wie festtäglichen Abendgottesdienstes bilden. Auf der Basis der Rezitativ-Weise beruhten auch früher die Gemeindegesänge „Schma jisroel" und „Mi chomaucho", wie das sich anschliessende „Malchuss'cho". Für letzteres entstanden aber seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche Neuschöpfungen, kunstvolle Arien, in denen die Komponisten ihrer Fantasie freien Lauf Hessen und an den Sänger Anforderungen virtuoser Art stellten. Auch hier ist größere Einfachheit am Platze. Für das folgende Haschkiwenu, eine innige Bitte um Schutz in der Nacht, gibt es wertvolle Neukompositionen von Lewandowski, Birnbaum, Kellermann u. a., denen eine ausgeprägt DEUTSCHE EFFECTEN.UND WECHSEL.BANK Konstabier Wache Allerheiligenstrasse 89 Osthafen Hanauerlandsfrasse 125 Bockenheim Leipzigerstrasse 50 vormals L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 FRANKFURT AM MAIN Kaiserstrasse 30 Individuelle Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 Offenbach a. M. Frankfurterstrasse 54