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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-08-01 · 12 (8.1935) · p. Seite 455

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
12 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 455 (sequence 5)
Language
German
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Seite 455 heitsbekenntnis, du bejahst Gott, du bekennst dich zu ihm. Aber vielleicht nur mit dem Wort, wie ist's mit der Tat? Ist deine Tat deinem Bekenntnis entsprechend? Keiner kann da unbedingt ja sagen. Darum das leise, gleichsam schuldbewußte Aber in den wenigen, seltenen Augenblicken, in denen man sich auf der Höhe des Gefühls, in reinstem Wollen, in gutem Gewissen fühlt,. da darf man laut und deutlich sagen, worin man sich den Engeln gleich fühlt, in Gottes unmittelbarer Nähe. Von der Wirkung des Sch'ma, das die Gemeinde Israel betet, handelt der folgende Midrasch: „Elijahu, gesegnet sei sein Andenken, fragte den Eabbi Nehorai: „Warum kommen Beben über die Welt?" Er erwiderte: „Ein Vers lautet „immer sind SEINE, deines Gottes Augen, auf die Erde gerichtet (5. M. 11,12), und ein anderer Vers lautet „er schaut auf die Erde und sie erzittert". (Ps. 104,32). Der zweite gilt, wenn Israel nicht nach Gottes Willen handelt, der erste, wenn es nach seinem Willen tut." Elijahu erwiderte: „So ist's; das ist der Tatsache Wurzel, zur Stunde, da der Heilige, gelobt sei er, auf seine Welt schaut und er sieht die Theater und Zirkusse in friedlicher Sicherheit stehen und! sein Heiligtum liegt wüst in Trümmern, dann gedenkt er, die Welt zu zerstören. Wenn dann aber Israel am frühen Morgen in seine Synagogen und Lehrhäuser geht und spricht: Höre Israel, ER ist unser Gott, ER, der Eine, versammeln sich alle Engel des Dienstes vor dem Heiligen, gelobt sei er, und sprechen zu ihm: Du warst, ehe die Welt erschaffen ward, Du bist derselbe, seitdem die Welt erschaffen ist, Du bist es in dieser Welt, Du bist es für die künftige Welt, heilige Deinen Namen um derentwillen, die Deinen Namen heiligen. Da sänftigt sieh der Sinn des Heiligen, gelobt sei er, und er zerstört die Welt nicht, und um Israels willen beruhigt er sich, das ist's, was geschrieben ist „Du bist heilig, thronst in Ruhe über den Lobgesängen Israels" (Ps. 22,4). Und woher weiss man es, daß der Heilige, gelobt sei er, die Welt erzittern lässt wegen der Zerstörung des Heiligtums? So heisst es: „ER, von der Höhe brüllt er, von der Burg seiner Heiligkeit gibt er seine Stimme aus, brüllt und brüllt über seine Wohnung" (Jeremia 25,30). Zweierlei ist in dieser Legende enthalten, einmal der Gedanke, daß Israels Beten, Israels tägliches Bekenntnis die Welt vor dem Chaos bewahrt, ein Gedanke, der auf jeden Juden eine starke Verantwortung bürdet. Und zum zweiten, nur nebenbei in diesem Midrasch, sonst aber ein Herzstück des - Midraschs, daß Gott selbst über die Zerstörung des Heiligtums, das er um Israels Sünde zerstört hat, trauert und klagt. In den Wochen der Trauer um Zion und den Tempel und in den Tagen des nach ihr einziehenden Trostes ist dies ein Kern der Tröstung, daß Gott und Israel in gemeinsamer Trauer und in gemeinsamem Trost verbunden sind. Und du sollst lieben Ihn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen. Mit deinem ganzen Herzen! Hier steht nicht das einfache hebräische Wort zh sondern das vollere . Daraus wird gedeutet: Liebe Gott mit deinen beiden Trieben, dem guten und dem bösen Trieb. Was kann" das heissen „mit deinem bö3en Trieb"? Wie kann man Gott mit ihm lieben? Hier reicht die Sprache nicht mehr aus, hier kann man nur selbst fühlen. Nur andeutend kann man sagen, auch in der Sünde noch muß die Seele in Gott einmünden und von der Liebe zu ihm bewegt sein. Mit deiner ganzen Seele! "gjsj] heisst Seele und heisst Leben, daher die Deutung: „liebe ihn, auch wenn er dein Leben von dir verlangt". Von diesem Wort sind alle Märtyrer, an ihrer Spitze ' Rabbi--Akiba, bewegt worden. Mit deinem ganzen Vermögen! Vermögen bedeutet soviel wie Können, Kraft, so ist's auch wirklichi.gemeint, es bedeutet aber auch Geld und Gut. In diesem Sinn deutet es ein Midrasch: „Rabbi Elieser ben Jaakob sagte, warum der Doppelausdruck: mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen? Es gibt Menschen, denen ihr Leben lieber ist als ihr Geld, für die ist gesagt: mit deinem ganzen Leben! Es gibt Menschen, denen ihr Geld lieber ist als ihr Leben, für die iii gesagt: mit deinem ganzen Vermögen!" Welche Ironie, welcher Spott ist in dieser Deutung verborgen, wie wird hier mit leisem Hohn die Haltung der Menschen gegeisselt, die lieber das Opfe. des Lebens zu bringen bereit wären, als daß sie sich von ihrem Besitz trennten. Du sollst Gott lieben! Aber an anderer Stelle heisst es: IHN, deinen Gott, sollst du fürchten. Was gilt? Der Midrasch: „Wenn man einen Menschen fürchtet, so ist für Liebe kein Platz mehr; anders Gott gegenüber; es gibt nur Gott gegenüber Liebe, die zugleich Furcht ist und Furcht, die zugleich Liebe ist". Hier ist das große Mysterium angedeutet, daß nur im Bezirk des Religiösen die großen Gegensätze sich zur Harmonie verschmelzen, daß das Geheimnis des Religiösen die ewige Spannung ist. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein. Heute? Sind sie nicht vor langen Zeiten schon geboten? „Sie sollen dir nicht erscheinen als eine alte Anordnung, auf die niemand achtet, sondern als eine neue, der alle zulaufen". Im Text der heiligen Schrift steht das Wort Wir geben es wieder mit „auf deinem Herzen". Aber es liegt in ihm etwas Feindliches, etwas das mit Kampf und Widersacher zu tun hat. Der Midrasch gibt dem Ausdruck in folgender Bemerkung: „Der Mensch muß seine Leidenschaft beschwören, du wirst finden, dass alle Frommen ihre Leidenschaft beschwören mußten, um einer Sünde zu entgehen. Abraham schwur vor Malkizedek: „meine Hand hebe ich zu IHM, dem höchsten Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, ob ich, vom Faden bis zum Schuhriemen, etwas nahm von alledem,1 was dein ist" (1. B. 14,22), und erhielt sich so in der Uneigennützigkeit wider den Hang zum Beutemachen. Boas schwur, als Ruth in der Nacht allein bei ihm war: „so wahr ER lebt, bleibe liegen bis zum Morgen" (Ruth 3,13) und kämpfte mit dem Anruf Gottes sein Begehren nieder. Dawid schwur, als Schaul, der ihm nachstellte, schlafend in seine Hand gegeben war und man ihm riet, den Augenblick zu nutzen und ihn zu töten: „so wahr ER lebt, nur ER darf ihn treffen" (1. Sam. 26,10) und kämpfte mit dem Anruf Gottes die Wildheit des Begehrens nieder. Als der Syrerfürst Elischa zum Dank für den Rst, den er ihm gegeben hatte und dank dem er vom Aussatz frei geworden war, ein Geschenk anbot, schwur er: „so wahr ER lebt, vor. dem ich stehe, ob ich es nehmen würde!" (2. Kg. 5,16) und mit dem Anruf Gottes kämpfte er die naturgegebene Freude am Beschenktwerden nieder und erhielt sich in der Uneigennützigkeit". Das Ganze will im Gewände der Legende uns zum Bewusstsein bringen, daß jedermann täglich von neuem den Kampf mit allem Unedlen, das man in sich trägt, aufnehmen muß, und daß niemand so fest und sicher in sich ruht, daß nicht das Dunkle und Unbewusste in ihm seiner Herr werden könnte, daß man daher den Kampf um seine sittliche Selbstbehauptung immer neu durchkämpfen muß. Du sollst von ihnen reden. „Mache sie zur Hauptsache und mache nicht ein Nebensächliches aus ihnen; dein Tun und Lassen soll auf sie sich beziehen und du darfst nichts anderes hineinmengen. Du darfst nicht sagen, ich habe nun Israels Weisheit gelernt, jetzt will ich gehen und die Weisheit der Völker der Welt erlernen". Der Midrasch wendet sich nicht etwa dagegen, dal» man nichtjüdische Weisheit erlerne, sondern, daß ein Tag komme, an dem man glauben könnte, man hätte die Thora so von innen und aus/sen erlernt, dass man sich das Beschäftigen mit ihr ersparen und sich ganz anderer Weisheit zuwenden könne. Was man auch gelernt hat, sie bleibt das Zentrum, und in allem Lernen bleibt sie das Bewegende. Und nun noch eine Bemerkung zu dem Satz: unddu sollst sie schreiben an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore. „Artaban, der Perserkönig, schickte Rabbi Jehuda eine Perle von unschätzbarem Wert und wünschte, daß er ihm etwas dergleichen sende. Darauf sandte er ihm eine Mesusa. Da liess ihm Artaban sagen, ich habe dir einen Gegenstand von unschätzbarem Wert gesandt und du schickst mir etwas von Pfennigwert? Darauf Jehuda: Du hast mir etwas geschickt, worüber ich wachen muß, und ich habe dir gesandt, was dich bewacht und behütet". Das ist der Sinn des Midrasch: so wie hier Jehuda vom inneren Wert der Mesusa dachte, so muß jeder Jude vom inneren Wert jüdischen Seins denken.

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