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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-08-01 · 12 (8.1935) · p. Seite 454

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
12 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 454 (sequence 4)
Language
German
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Säite 454 eine Höhe von 18 m und bseteht aus 24 Lagen, deren neun untersten mit ihren großen Quadern sicher noch aus der Zeit des zweiten Tempels stammen. Unterhalb des Pflasters erstreckt sich die Mauer, wie Grabtingen ergeben haben, noch 19 Lagen tief, bis hinab zu dem Felsengrund des Tyropöön-Tales, das die Unterstadt von der Oberstadt trennte und das an dieser Stelle allmählich mit Schutt aufgefüllt worden ist- Auch horizontal reicht die Mauer noch um 20, m weiter als sie sichtbar ist. Die alten Lagen sind -ohne Mörtel zusammengefügt, in den Ritzen zwischen den Steinen sieht man hie und da vergilbte Papiere („Quittelach"), wie sonst auf Grabsteinen, worauf fromme Frauen ihre persönlichen Wünsche und Bitten an Gott niedergeschrieben haben. Höher hinauf, der Hand kaum mehr erreichbar, wächst spärlich Gras aus den Ritzen. An der niedrigeren Rückwand, gegenüber hocken Bettler und Bettlerinnen, meist blinde, die um milde Gaben bitten. Ein englischer -Polizist bewacht den Zugang zum Hof, Muslims benutzen den Höf als Durchgang zu ihrer Behausung, zu der. sie an der entgegengesetzten Seite auf Stufen hinab gelangen. Es ist schwer, bei einem ersten Besuch dieses Ortes sich zu sammeln. Aber wenn man dann an einem Freitag Abend wiederkehrt; ist das Bild verwandelt. Kein Bettler hockt mehr dort An dem vorderen Teil der Mauer, der den Frauen vorbehalten ist, stehen Jüdinnen mit dem „Scheitel" und dem Umschlagtuch und küssen während des Gebetes inbrünstig die Steine. Dicht an die Mauer geschmiegt, sich fortwährend neigend und beugend und die Welt um sich vergessend, stehen Männer in dunklen, vielleicht seidenen . Das S di Höre von Max Die sechs Verse aus dem fünften Buch, Kap. 6,4-10, eind kraft der Anordnung der „großen Versammlung" das Grundgebet der Gemeinde Israel geworden. Sie setzte diesen Abschnitt der Bibel als täglich zu rezitieren an. Damit schuf sie ein festes, nicht von der zufälligen Stimmung abhängiges Gebet, damit begründete sie im Bezirk des Gebetes die praktische persönliche Frömmigkeit des Einzelnen, Zugleich aber wurde damit dem ganzen jüdischen Gebetsgottesdienst Richtung gegeben. Dadurch, daß zum Hauptbestandteil, zum Mittelpunkt ein Stück genommen wurde, das nicht in Bitte, nicht im Ausdruck einer Stimmung gipfelte, wurde das jüdische Gebet über den Charakter eines Bittens hinausgehoben und ihm der Charakter einer Ansprache an den Betenden, eines von dem Betenden an sich selbst weitergetragenen Anruf Gottes gegeben. Alle Bitten der Gemeinde und des Einzelnen haben dem Gottesdienst jenen Grundcharakter nicht nehmen können, so ist es geblieben, und darauf beruht es, daß dem jüdischen Gebet das Bekenntnis und der Ausdruck des Gemeinschaftsbewusstseins zu eigen ist; und darauf beruht es dann weiter, daß die Teilnahme an ihm im ganzen Bekenntnis zur Gemeinschaft ist, und, daß er am wenigsten von der Zweifelsfrage des rationalistischen Denkens berührt worden ist, ob ein Gebet überhaupt sinnvoll sei, ob Gott seiner bedarf, ob Gott das Gebet erhört. Dieses Stück „Höre Israel", dessen Inhalt man als jedermann bekannt voraussetzen darf, ist ein grosser. Erzieher geworden. Jeder Satz wirkte in der Monumentalität seiner Sprache durch sich selbst. Um so selbstverständlicher war es, daß der Midrasch, die alte Bibelauslegung, an diese" Sätze anknüpfte und sie mit seinen Bemerkungen begleitete, sie in seiner Weise ausspann und erklärte. Einige dieser vielen Erklärungen seien hier genannt. „Höre Israel, ER ist unser Gott, ER ist einzig". So der erste machtvolle Satz, das Bekenntnis zur Einheit Gottes. Wer ist hier angeredet? Nach dem einfachen Wortlaut durch Mose das ganze Volk Israel, in Wiederholung seines Anrufes jeder Einzelne in Israel durch alle Geschlechter hindurch. Der Midrasch aber bohrt noch tiefer. Er erinnert daran, daß der erste Träger des Namens Israel unser Vater Jaakob war, und indem er ihn als Angeredeten hinstellt, erzählt er: „Als Jaakob, unser Kaftanen, große schwarze Plüschhüte oder Fuchspelzmützen („Streimel") auf dem Kopf, darunter prachtvolle hochgewachsene Gestalten mit langen schwarzen-oder blonden Barten und Schläfenlocken, neben ihnen Knaben mit Mädchengesichtern, bleich und mit Augen, die von Leid und Kummer wissen. Aber in dieser Stunde breitet über sie alle die Freude ihre Schwingen: sie begrüssen singend den bräutlichen Sabbat. Still verharren im Hintergrunde die Zuschauer aus aller Herren Länder, sichtlich ergriffen von dem eigenartigen Zauber dieser Szene. Am Ende rezitiert ein Alter wechselweise mit einem Knaben das Hohelied Salomos: „Stark wie der Tot ist die Liebe... ihre Brände Feuerbrände, Gottesflamme. Gewaltige Wasser vermögen nicht zu löschen die Liebe, Ströme sie nicht zu überfluten; und gäbe ein Mensch alle Habe seines Hauses für die Liebe — verachten, verachten würde man ihn". Der ewige Liebesbund zwischen Gott und seinem Volk, als dessen ewige Offenbarung das Lied der Lieder von diesen Frommen verstanden wird — er erhebt sich sieghaft über alle steinernen Trümmer vergangener Zeit und allen Druck der Gegenwart. Und wenn du dann durch die krummen engen Judengassen im taghellen Licht des Mondes heimkehrst, und aus allen Fenstern das stille Leuchten der Sabbatkerzen und der fromme Gesang deri Alten und Jungen dringt, dann spürst du, daß über jedem Sabbat der Juden etwas vom Hauche jenes einzigen Sabbats liegt, der auf den 9. Ab folgt, des Sabbat Nachamu, des Sabbats des Trostes. riftwort Israel! Dienemann Vater, aus dieser Welt abscheiden sollte, rief er nach seinen Kindern und ermahnte sie, jeden für sich; dann aber redete er sie alle insgesamt an und sprach zu ihnen: „Vielleicht habt ihr in eurem Herzen etwas wider den, der sprach und es ward die Welt, vielleicht wollt ihr, wenn ich abgeschieden bin aus dieser Welt, vor fremdem Gott euch bücken?" Darauf antworteten die Kinder alle eines Mundes: „Höre Israel, wie dein Herz und dein Sinn nur auf den Einen gerichtet ist, so ist auch unser Sinn ungeteilt nur auf den Einen gerichtet, ER ist unser Gott, ER, der Eine." Und leise sprach Jaakob darauf: „Gepriesen sei der Name seines herrlichen Königtums für Weltzeit und Ewigkeit." Und so spricht das Volk Israel jetzt immer noch: Höre Israel unser Vater! was du einstens uns geboten hast, danach führen wir unser Leben. ER ist unser Gott, ER, der Eine." Also der Midrasch. Und sein Sinn? Indem diese Erzählung Leben in uns gewinnt, wird die Richtung des Ausrufes geändert. Er geht im Namen Gottes an Jeden. Und zugleich rufen wir ihn in die Vergangenheit hinauf, in ihm lebt die Geschichte und ihre Verpflichtung auf, und der Vater Jaakob wird gleichsam mit unserem Anruf an ihn lebendig, er lebt in unserer Mitte und sein.Auge ruht mahnend und heischend, das Gewissen aufrufend auf ups. So verknüpft sich hier Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit und f liessen in eins zusammen. Noch eine Erklärung, die daran anknüpft, dass im Gebet dem Satz Höre Israel ein leise gesprochener Vers folgt: „Als Mosche nach oben stieg, die Thora zu holen, hörte er, wie die Engel des Dienstes Gott rühmten mit dem Worte: gelobt sei der Name seines herrlichen Königtums für Weltzeit und Ewigkeit. Diesen Ruf brachte Mosche Israel mit herunter. Warum aber sagt man, ihn nicht laut? Das ist zu vergleichen einem, der einen Schmuck aus dem Palast des Königs entwendet hat, er schenkte ihn seiner Frau, aber er sagte ihr, du kannst ihn nicht vor aller Augen tragen, du darfst ihn nur zu Haus tragen. Aber am Versöhnungstag, wo alle in Reinheit und Unschuld wie die Engel sind, da spricht man ihn, laut". Ein merkwürdiger Vergleich. Man darf sich daran nicht stossen. Der Midrasch, aus dem Leben greifend, liebt solche Vergleiche, die geradezu und schlagend sind. Was aber ist sein Sinn? Er will sagen: gut, du sprichst das Ein-

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