Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-08-01 · 12 (8.1935) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
12 (8.1935)
Date
1935-08-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094424--4780-3099581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

FRANKFURTER ISRAELITISCHES EINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich. Bezugspreis für Gemeindemitglieder Tierteljährlicb 45 Rpfg. (einschl. Zustellung!- und Erhebungskosten). — Preis der Einzelnummer 25 Rpfg. — Jahresbezug für Nichtmitglieder der Gemeinde RM. 3.— zuzüglich Porto. — Schriftleitung: Fahrgaste 146; Fernsprecher: Sammel-Nummer H. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 33521. — Anzeigenyer waltung: Annoncen-Expedition M. Iiaac 4 Co.. Rarensteinstraße 11, I., Fernsprecher 44868 und 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Aazeigeniduofl für nächste Nummer: 21. Aug. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die prefigesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 13. Jahrgang Frankfurt a. M., August 1935 Nr. 12 An der Klagemauer von Kabbiner Dr. Salzberger Wann und wo der religiöse Jude betet, ob am Werktag, am Sabbat oder am Feiertag, ob in der Synagoge, unter freiem Himmel oder „im stillen Kämmerlein", immer wendet er in unseren Breiten sein Gesicht nach Misrach, dem Sonnenaufgang, zu. Aber seine Gedanken suchen dabei nicht die Sonne, auch nicht den Orient, das Morgenland, von dem das Licht des Glaubens ausging, sondern Jerusalem, die heilige Stadt, ja nicht einmal diese, sondern Beth hammikdosch, das Heiligtum, den Tempel, den einzigen, den er so benennt. Seltsam! Denn dieser Tempel steht seit bald 1900 Jahren nicht mehr; was von ihm übrig blieb, ist eine Ruine, und wenn wir das sonst vielleicht vergessen, die drei Trauerwochen, in die wir mit dem 17. Tammus eingetreten sind und die mit dem 9. Ab, dem Tage der Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels enden, erinnern uns Jahr für Jahr schmerzlich daran. Kotel maarawi, die westliche Mauer, die Klagemauer heisst jene Ruine. Sie ist die einzige anerkannte heilige Stätte, die uns Juden in dem Lande, das einst unser war, gehört. Auch das ist schon zu viel gesagt : der Jude hat lediglich das Recht, hier jederzeit zu beten. Nicht einen' Stuhl, nicht eine Bank, nicht einen Vorhang, der nach strenger Sitte die Männer von den Frauen trennt, darf er hierher bringen; kein Schofarton darf am Ende seines Versöhnungstages hier erschallen. Die Mauer ist als ein Teil der alten Umfassungsmauer des Tempelplatzes Eigentum der Bekenner des Islam. Hoch über ihr, dort wo die Felsspitze des Moria ragt, wo einst Abraham seinen Sohn auf den Holzstoß band, wo nachmals wohl der Opferaltar des salomonischen Tempels stand, erhebt sich wie triumphierend der „Felsendom", den die Europäer irrtümlich Omar-Moschee nennen, eines der herrlichsten Bauwerke der mohammedanischen Welt. Auch die Christenheit hat nicht weit von hier ihr weltberühmtes Heiligtum: die via dolorosa hinauf, vorbei an den verschiedenen Leidensstationen, führt die Straße nach der Grabeskirche ihres Heilands. Die lange Schmerzensstrasse, die das Judentum, die Mutter jener beiden siegreichen Weltreligionen gewandert ist, wird symbolisch durch eine Synagoge dargestellt, die in der Altstadt Jerusalems steht und eigentlich Beth Jaakob, „Haus Jaakobs", heisst, aber wegen besonderer geschichtlicher Erinnerungen, die sich an sie knüpfen, Churba, Ruine, genannt wird. Ein ungleich stärkeres Symbol aber ist die Klagemauer — dort Kirche, da Moschee und hier nur eine kahle Wand. Sie ist deswegen nicht mit geringerer Sehnsucht gesucht, nicht mit minderer Inbrunst geliebt worden. Seit Jahrhunderten pilgern zu ihr die frommen Juden aus der ganzen Welt, reissen bei ihrem Anblick nach uraltem Brauch den Trauerriss in ihr Gewand wie um einen heissgeliebten Toten, küssen ihre Steine, klagen und weinen um die entschwundene Pracht ihres Heiligtums. Hierhin hat unbezwingbares Heimweh den Dichter Jehuda H a 1 e v i am Ende seines Lebens aus dem schönen Spanien getrieben — ob ihm der glühende Wunsch seines Liedes an Zion (wir rezitieren es am 9. Ab) „barfuss und bloss durch die Trümmerwüste zu wandern, die einst Dein Tempel waren", erfüllt worden, ob in dieser Erfüllung sein Mund für immer verstummt ist? Hier haben, um nun die Größten zu nennen, der Denker Maimonides, der Talmudgelehrte Nachmanides gestanden und vor und nach ihnen ungezählte Ungenannte, die alle Entbehrungen, Mühen und Gefahren gern auf sich nahmen, um nur einmal in ihrem Leben die heilige Stätte zu schauen, in ihrer Nähe zu atmen und womöglich in der Erde, in der sie wurzelt, begraben zu werden. Noch heute findet man die Mauer fast niemals verlassen; zu allen Stunden des Tages und der Nacht stehen hier Menschen im Gebet versunken. In Vollmondnächten versammelt sich hier eine neue jüdische Jugend, und zu den Wallfahrtsfesten, zumal am Rüsttag zu Pesach, ist der Strom der Pilger trotz sorglicher Regelung geradezu beängstigend. Ihren Gipfel aber erreicht die wehmutvolle Erinnerung, die um dies Gemäuer webt, am Vorabend des Tischa ba Ab: ein nicht endenwollender, dichtgedrängter Zug von Söhnen und Töchtern unseres Volkes zieht schweigend daran vorüber. Dann ist es, als ob eine alte, fromme Sage Wirklichkeit wird, als ob die grauen Trümmer selber weinen und mit Menschentränen sich mischend, „dicke Tropfen aus den grossen Steinen sickern". Es ist ein nicht zu beschreibendes Gefühl, das einen Juden überkommt, wenn er am ersten Morgen in Jerusalem betend, durch das geöffnete Fenster seinen Blick nach dem ehemaligen Tempel richtet: die ungeheuren Räume, die ihn von diesem Fleck Erde trennten, sind nun auf Blickweite zusammengerückt. Wie anders spricht da zu ihm jedes Wort des geläufigen Gebets, das von Jerusalem, von Zion, vom Hause Gottes und seinem Wiederaufbau redet! Es lässt ihm keine Ruh, er muß hin „und ihre Nähe schauen". Hinter dem alten Jaffa-Tor umfängt ihn mit einem Male, wie von der Zeiten Ablauf unberührt, der Orient: kein Auto, keine Pferdedroschke mehr zu sehen und zu hören. Durch enge, dumpfe, rchmutzige Gassen, auf holprigem und glitschigem Pflaster, vorbei an den offenen Kaufläden und dunklen Werkstätten der märchenhaften Bazare geht es hinab. Geschrei und Gerüche erfüllen die heiße Luft. Sinnverwirrend dringt auf den Europäer das bunte Getriebe von phantastisch gekleideten Männern,. verschleierten Frauen und zerlumpten Kindern ein, zwischen denen schwerbepackte Esel und hochbeladene Kamele unbekümmert sich hindurchzwängen. Durch die krummen Gassen des Judenviertels, die womöglich noch elender aussehen als die anderen, findet man sich mühsam bis zu dem Hause, unter dem hindurch sich der, Zugang zur Klagemauer öffnet. Obwöhl man das Bild schon oft gesehen, ist der erste Eindruck enttäuschend. Man befindet sich auf einem gepflasterten Hof, der wenig breiter als 3% m und noch nicht 30 m lang ist. Die Mauer selbst erreicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.