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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-07-01 · 11 (7.1935) · p. Seite 445

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
11 (7.1935)
Date
1935-07-01
Page
Seite 445 (sequence 31)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frahkfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 11___J"H "35 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die SchrifÜeitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, tu richten._ Beth Chaluz i. Unter den termini technici, die in den letzten 2% Jahren im Wörterbuch der deutschen Judenheit Eingang gefunden haben, hat der des „Beth Chaluz" sich wahrscheinlich am weitesten verbreitet. Fast alle Schattierungen des deutschen Judentums, die an einer Kekonstruktion verlorengegangener Werte interessiert sind, haben sich in der ihnen gemäßen Form zu diesem Begriff „Beth Chaluz" bekannt. Und dennoch ist es viel zu unbekannt, was sich hier abspielt und bildet; so kommt es nicht selten dazu, daß das Beth Chaluz, bezw. seine Bewohner als Objekt für die Entrümpelungsaktion des eigenen Bodens benutzt wird. Wollte man ein vollständiges Bild des Lebens, das sich liier abspielt, geben, so hieße es, die Situation einer Generation kennzeichnen, die auf dem Schnittpunkt vieler unglücklicher Entwicklungen basiert ist und die mit dem Elan der Jugend den Kampf aufgenommen hat, ihr Leben zu gestalten. In den folgenden Zeilen soll ein Ausschnitt aus den vielen Erscheinungsformen dieses Lebenskampfes gegeben werden. Das Bild, das die ins Beth Chaluz kommenden Menschen von ihm haben, ist verschiedenartig, in jedem Falle aber von ihrer früheren gesellschaftlichen Situation bestimmt. Im wesentlichen kann man einen Grundunterschied der Anschauungen feststellen, nämlich: Die Anschauung der jüngeren Menschen, die in den Lebensformen der Jugendbewegung groß geworden sind und nun versuchen, diese auf das Leben des Beth Chaluz zu übertragen, und die Anschauungen der Menschen die „bereits im Leben gestanden haben" und nach einer kurzen, oft nur halbjährigen Vorbildung, die sie in einer Organisation genossen haben, ins Beth Chaluz kommen, deren Gedankenwelt und Haltung im wesentlichen noch von ihrer früheren Umwelt bestimmt sind. In jedem Fall sind die Vorstellungen idealisiert. Das Idealbild ist stark vom früheren Leben bestimmt, und die Problematik beginnt, wo das Idealbild mit der Eealität zusammentrifft. Das Leben der Menschen, die nur in kurzer Zeit in einer chaluzischen Organisation ideologisch auf das Beth Chaluz vorbereitet sind, war bis dahin von zwei Komponenten bestimmt: Elternhaus und Beruf. Alles,, was diese beiden Punkte nicht erfüllte, galt dem „Vergnügen", das natürlich sehr verschiedenartig gestaltet sein konnte und der individuellen Befriedigung galt. (Dabei ist es erstaunlich, wie gering die Anzahl der Menschen mit ausgesprochenen Neigungen ist!) Unsere Generation bat verlernt ihre Aueren, Hände und Ohren zu gebrauchen, und die Zahl derer, die ihre Neigungen mit schöpferischem Tun erfüllen, ist eine verschwindend kleine Schicht. Durch die Ereignisse ist die junge Generation nicht nur um politische Erkenntnisse bereichert worden, sondern, was entscheidend ist, auch gezwungen worden, diese Erkenntnisse zu realisieren. Hier liegt ein entscheidender Punkt und auch die erste große Enttäuschung. An dem Tage, an dem der neue Chawer ins Beth Chaluz kommt, glaubt er, gesellschaftliche Erkenntnisse bei sich und allen mit ihm lebenden Chawerim erfüllt'zu wissen. Tatsächlich aber kommen doch alle Menschen mit derselben Hoffnung, ohne schon wirklich eine Revidierung ihrer persönlichsten Lebensformen vorgenommen zu haben. Man vergißt zu leicht, daß das Leben im Beth Chaluz nur ein kleiner, ein ganz kleiner Anfang zur Umstellung für ein künftiges Leben ist. Wenn man früher von „Chaweruth", erfülltester Kameradschaftlichkeit in jeder Beziehimg geträumt hat, so waren Dinge wie Antipathie und Sympathie, Gleichgültigkeit und Desinteressement dabei ausgeschaltet gewesen. Nun aber gilt es, diese im Leben jedes normalen und gesunden Menschen so ausschlaggebenden Gefühls momente zu erkennen und, was noch schwieriger ist, zu überwinden, zum mindesten aber zu objektivieren. Um dies zu bewerkstelligen, bedarf es in den 'meisten Fällen einer längeren Erziehung. Das enge Zusammenleben .vieler, oft durch den Zufall zusammengewürfelter Menschen ist das Kernproblem jedes Beth Chaluz, wobei unter Zusammenleben nicht etwa „Nebeneinanderleben" verstanden sein darf, sondern Kenntnis und Teilnahme und zugleich auch Verpflichtung für den neben sich lebenden Menschen. Bis hierhin ist ein langer Weg zu durchschreiten. Aber trotzdem wird es fast keinen geben, der ins Beth Chaluz kommt und nicht damit beginnt, die Form seiner menschlichen Beziehungen zu revidieren. Wie weit es dem Einzelnen gelingt, ist Frage der Persönlichkeit, der Stärke und der Phantasie, mit der man seine eigene Individualität zu gestalten weiß. Daran soll jede Kritik denken, daß hier etwas zu sein beginnt: eine Körperschaft von Menschen, die erst am Anfang sind, ihr Leben von Grund auf umzugestalten. Daß in dieser Uebergangsperiode nicht alles ebenmäßig und nach Programm verläuft, muß auch dem nur oberflächlich betrachtenden Menschen klar sein. In dieser Uebergangsperiode, auf diesem „Unterwegs" bilden sich gemeinsame Stimmungen, die sich zu Formen kristallisieren, zur Bildung einer „öffentlichen Meinung" führen können. Diese öffentliche Meinung bedeutet eine Stärke und einen ungemein wichtigen Selbsterziehungsfaktor, wenn sie zur Urteilsbildung, zur Bejahung und Verneinung der miteinander in Erziehungsgemeinschaft lebenden Menschen führt. Der neu hinzukommende Mensch muß sich an ihr orientieren körinen, die „öffentliche Meinung" muß ihm zugleich Wegweiser und Gradmesser für seine Haltung sein. Trotzdem birgt aber eine starke öffentliche Meinung eine Gefahr in sich; wenn sie in ihrer Stärke ihre Ursprungskraft und Richtung vergißt, sich somit zur Formalität degradiert, erstarrt und „angewandt" wird. Sie wird unecht, läßt sich von Pathos tragen und verliert jede Spur erzieherischer Kraft. Die Reaktion des Einzelnen darauf ist verschieden. Oft unbewußt, ungewollt, stellt man sich in vielen Kleinigkeiten in Gegensatz zur öffentlichen Meinung und erscheint so als Enfant terrible. Man hat es aber doch nicht mit geschulten Psychologen zu tun, und nur zu leicht kommt ein Junge oder ein Mädel, ohne es zu wollen, in eine sich ihm unglücklich auswirkende Stellung zur ganzen, wenn auch noch so schwachen Gemeinschaft. In den meisten Fällen aber unterwirft sich der Neuling diesem Regulator, weil er spürt, daß dies von der öffentlichen Meinung getragene Leben ihm den Weg in die Zukunft weist. Er versucht über die Anerkenntnis hinaus Träger dieser öffentlichen Meinung zu sein, sie an sich zu verwirklichen und von den Chawerim ihre Verwirklichung zu fordern. Die Gefahr, die das leichte Sich-einleben in sich birgt, wird oft verkannt oder gar nicht gesehen. Abgesehen davon, daß es nicht von tiefer Auseinandersetzung zeugt, wenn man bedingungslos alles hinnimmt, werden durch rückhaltlose Anerkennung aller Erscheinungen Menschen oft in eine Situation getragen, die weder ihrer geistigen noch ihrer seelischen Stärke zukommt. Sie können ihrer Stellung nicht gerecht werden, d. h. sie entsprechen weder den Anforderungen, die die Bewegung an sie stellt, noch denen, die die Menschen an sie stellen. So führt diese Position oft zur Selbsttäuschung, worunter am meisten der sich Täuschende leidet, oft erst in später Zeit; denn hohles Pathos, Selbstgefälligkeit, viel Reden und Geschmackfinden am vielen Gefragtwerden sind Dinge, die man sich leicht angewöhnt, die aber insbesondere drüben im Lande in der ganzen grausamen Wirklichkeit des Lebenskampfes wie nichts verfliegen. Wer hier eine große Rolle gespielt hat, kann dort im entscheidenden Moment versagen. Eine Erscheinung, die, wenn man nicht hier schon an die Wurzel geht, ihre ganze Tragik für den einzelnen erst drüben offenbart. So gilt es durch diese Gefahren mit großem Feingefühl und großer Aufmerksamkeit hindurchzusteuern, um dieses wichtige Erziehungsmittel der öffentlichen Meinung zu dem werden zu lassen, was es sein soll, zum stärksten, unausgesprochenen Erziehungsfaktor einer Anzahl Menschen gemeinsamen Wollens und gemeinsamer Hoffnung. Leo Jelesniakow (Schluß folgt)!

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