Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 11 (7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 444 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 444 Wie Edith Hirsch ausführte, ist der Mitgliederstand gegenüber dem Vorjahre ungefähr der gleiche geblieben, trotz Auswanderung und größerer Anspannung der Frau im beruflichen Leben. In einer Reihe von Orten konnten neue Gruppen gegründet werden. Gefördert wurden die Neugründungen durch Vortragsreisen von Frau Dr. Moses. Wenn irgend möglich, will man nunmehr auch Frau Steiner veranlassen, Propagandareisen innerhalb Deutschlands zu unternehmen und Vorträge zu halten. Für Mädchen konnte die Wizo im verflossenen Jahre 112 Zertifikate erhalten, die auf Grund dieser Zertifikate Ausgewanderten arbeiten und bewähren sich in den Institutionen der Wizo in Palästina. Zur- Organisierung und Vereinheitlichung der Arbeit hat man, wie Frau Hirsch weiter ausführte, in Deutschland mit dem Zusammenschluß der Ortsgruppen zu Bezirksverbänden begonnen. Es besteht ein nordwesldeutscher, ein oberschlesischer und ein rheinischer Bezirksverband, während man in Frankfurt a. M. bemüht ist, ohne besonderen Bezirksverband die umliegenden Ortschaften zu erfassen. Nicht leicht zu umreißen ist das Verhältnis der Wizo i ur Zionistischen Organisation. Die Wizo ist eine Organisation von Zionisten und Nichtzionisten, sie kann aber, da sie sich für den Palästinaaufbau einsetzt, keine Antizionisten als Mitglieder haben und muß sich auch als Frauenbewegung von dem auf Neutralität gerichteten jüdischen Frauenbund unterscheiden. Sie hat Föderationen, die dem Zionistischen Landesverband angeschlossen sind und solche, die es nicht sind. Die dominierende Bedeutung des KKL. (Jüdischen Nationalfonds), die wiederholt auf der Tagung zutage trat, erkennt die Wizo an und sucht den Fonds, wo nur immer nach Kräften zu fördern. Streben der Wizo ist, den Einfluß der Bewegung innerhalb der Zionistischen Organisation zu stärken. Seit längerer Zeit hat die Wizo im Palästinaamt bereits einen Sitz ohne Stimme, erstrebt wird ein Sitz mit Stimme, doch sind Verhandlungen darüber noch in der Schwebe. Sie will weiter auf die Gruppenverbandssitzungen, die die Z.V.f.D. abhalten wird, Vertreter entsenden. Wichtig für die Wizo ist in erster Linie auch die kulturelle Arbeit, die Erziehung zu bewußten Juden und Judentum und die Vermittlung von jüdischem Wissen. Während die Wizo in Palästina vorbildliche Institutionen, vor allem Mütter- und Kinderheime, geschaffen hat, ist ihr Ziel in der Galuth die wissensmäßige, seelische, aber auch nicht zuletzt die berufliche Vorbereitung für Palästina. Darum unterstützt sie auch die Arbeit des Hechaluz und hat sich im letzten Jahre intensiv um die Heime bemüht. Die Wizo konnte hier beachtenswerte Leistungen vollbringen und die Versorgung der Heime auf eine andere und sichere Basis stellen. In Berlin wurde u. a. eine Nähstube gegründet, die eine sehr erfahrene Leiterin hat. Nach den Rechenschaftsberichten der einzelnen Ortsgruppen schloß die Vormittagssitzung. Im Mittelpunkt der Nachmittagstagung stand der einprägsame und wohl durchdachte Bericht von Hannah Steiner über die bedeutsame Wizo-Konferenz in Tel Aviv. Am zweiten Tag wurden Fragen praktischer Arbeit erörtert (Jugendallijah, Mädchenhachscharah, Arbeit für Hechaluz, KKL, Kulturarbeit, Werbung, Jung-Wizo). Das große Verantwortungsgefühl der Frauen und die ernste Sachlichkeit, mit der diese Auseinandersetzungen geführt wurden, spornte die Delegierten zu weiterer Arbeit an und gab ihnen wertvolle Anregungen. Leni Rapp Alte Briefe Der nachstehende Brief und das Kapitel aus einer Familienchronik aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, sind uns auf die Aufforderung, die der „Brief — auch an Dich" in der Juni-Nummer des Gemeindeblattes enthielt, zugegangen. Wir freuen uns, daß auf diese Weise das Interesse an alten Familienpapieren geweckt und der Inhalt unseren Lesern zugänglich gemacht wird. Die Schriftleitung der Beilage „Für die Frau" Ein Stammbuchblatt In den Irrgängen des Lebens ist uns-eine Führerin zur Seite gegeben, die uns nie verlässt und stets mit ihrem Rathe und Beistand bereit ist. Sie erhöht jede Freude, lindert jeden Schmerz, stärkt uns in Noth und Gefahr und" zeigt uns den rechten Weg, wenn wir unsicher und zweifelnd an der Pforte der Zukunft stehen. Diese Führerin — die Religion —, die von Vielen verkannt und verschmäht wird, erscheint uns in jedem Lebensalter in anderer Gestalt und ist doch immer dieselbe. Je mehr wir an Erkenntnis und Erfahrung zunehmen, je mehr wir den Ernst und die Bedeutung des Lebens verstehen lernen, desto mehr erschliesst uns auch die Religion ihr inneres Wesen und desto inniger und fester soll auch das Band werden, das uns mit ihr verbindet. Was wir in der ersten Kindheit dunkel ahnten, was in späterem Jugendalter klarer und lebendiger in uns wurde, das soll uns auf unserem ganzen Lebenswege geleiten und sich zu immer grösserer Reinheit und vollendeter Reife entfalten. Wer so die Religion sich zur Führerin erwählt, dem verklärt sie das Leben von der Wiege bis zum Grabe mit immer hellerem Glänze, dem schenkt sie immer schönere Früchte des Segens und des Heiles. Zur freundlichen Erinnerung an Ihren Lehrer und Freund gez. Dr. Auerbach Frankfurt, im Mai 1861 Aus einer Familienchronik um 1830 Am 1. Juli wurde die neue Wohnung bezogen. Sie bestand in einem Vorderzimmer von zwei und einem solchen von einem Fenster, einer zweifenstrigen Hinterstube und einer Küche im Keller. Sie reichte aus, weil inklusive der Köchin der Hausstand nur drei Personen zählta Der jährliche Mietpreis war 130 Taler, und die ganze Einrichtung kostete kaum 500 Taler. Bei diesen bescheidenen Verhältnissen lebte das junge Paar höchst froh und vergnügt. Junge Leute, teils Verwandte, teils Bekannte, fanden sich jeden Abend, wenn die Geschäfte geschlossen waren, bei ihnen ein und amüsierten sich in bescheidener Weise durch Scherze und Spiele. Sie nahmen gern mit einem Tee und Butterbrot, oder Kartoffeln und Hering vorlieb, denn es war überhaupt nur auf die fröhliche Stimmung abgesehen. Der junge Mann, der sich erst einige Lokalkenntnisse schaffen mußte, ehe er sich fest etablieren -konnte, machte nur hin und wieder ein kleines Geschäft, durch welches er auch keine großen Revenüen erzielen konnte. Man richtete sich daher derart ein, daß der Gehrauch des ersten Jahres sich auf 1000 Taler beschränkte. Die junge Frau Hess hiei^ gleich ihren wahren inneren Wert erkennen; denn wiewohl es bei ihrem Vater wie in dem Hause eines sehr wohlhabenden Mannes und mit Recht geführt worden, so abstrahierte sie hiervon in ihrem neuen Verhältnisse, war mit ihrem Mann darin einig, daß man sich stets, wie man zu sagen pflegt, nach der Decke strecken müsse, und reduzierte ihre Ansprüche auf dasbescheidenste Mass.. Es war allerdings damals eine andere Zeit, und zu den Seltenheiten gehörte der leichtsinnige Charakter eines jungen Ehemannes, der, wie es bei der fortgeschrittenen Kultur in der Gegenwart gar zu häufig geschieht, die Hälfte cder den größten Teil der Mitgift seiner Frau zu einer höchst luxeriösen, ja fast verschwenderischen Hauseinrichtung verwendet, und in gleichem Verhältnis ein großes Haus geführt hätte. Dadurch findet sich dann sehr bald ein sehr unangenehmer nicht so leicht zu beseitigender Gast in einem solchen Hause ein — das Defizit. Man hätte nun glauben sollen, daß später bei sich mehr und mehr günstig und zuletzt glänzend gestaltenden Verhältnissen die Ansprüche der jungen Frau sich nach diesen gerichtet hätten; allein da wäre man sehr im Irrtum gewesen, denn die bescheidenen Ansprüche blieben nach wie vor dieselben. Sie betrachtete ihr Dasein als im Dienste der Menschheit gelebt; nicht für ihre Person, sondern für ihre Nebenmenschen zu sorgen, hielt sie für ihre Lebensaufgabe. Sie war die einzige ihrer Gesell w ister, we'.che hierin ihrer seligen Mutter, jener bereits früher erwähnten frommen Frau nachahmte. Soweit es ihre eigene Person betraf, konnte sie selbst karg, wo es sich jedoch darum handelte, anderen nützlich zu werden oder zu helfen, konnte sie sogar verschwenderisch sein. Nicht das Letztere, wohl aber das Erstere wurde ihr nach 46;ähriger Ehe noch von dem Manne, und mit Recht, zum Vorwurf gemacht. STICKEREIEN in Hand- und Maschinenarbeit Hebräische Schriften, Monogramme, Fahnen, Hohlsäume, Knopflöcher, Plissee. Anfert. compl. . Ausstattungen in Näh- und Stickarbeit. D. WEISSENSEE