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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-07-01 · 11 (7.1935) · p. Seite 425

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
11 (7.1935)
Date
1935-07-01
Page
Seite 425 (sequence 11)
Language
German
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Seite 425 Literarische Rundschau Franz Rosenzweigs Briefe von Eduard Strauß Wir; wissen, wenn wir einen Brief lesen, daß dieses beschriebene Blatt ein Notbebelf ist: Ersatz unmittelbarer Ansprache und Zwiesprache. Und doch hält der Brief den Charakter von Spruch und Widerspruch, Rede und Wechselrede (der natürlichen, nicht der in einer imaginary conversation erdichteten) fest; er ist genau so geheimnissvoll-offenbar, wie das Gespräch — vom „Streng vertraulich" bis zum „Möchte doch die ganze Welt uns hören". Das Ureigenste des) Briefes aber ist, daß er in der Dauerform seiner Geschriebenheit das rasch und spurlos an dem Sinn Vorübsrgehende der Sprechstimme aufbewahrt — nicht mechanisch, sondern als Stil: so tief klingend, daß man auch ohne Schallanalyse den Schreiber hört, und so die Gnadengabe des Scfiopfers, die Sprache, in sich hegend, daß sie auch noch dem Stummen zuteil werden mag, wenn er einen Brief schreibt: Daraus folgt das Besondere der Briefwirkung auf den Empfänger. Einen wirklich guten Brief liest man nicht wie eine Zeitung oder ein Buch, sondern man „horcht ihn ab". Man ertappt sich sogar dabei, daß man ihn sich selber vorlesen möchte oder daß man laut antwortet — etwas, das wie ein Selbstgespräch aussieht, aber schon an der Grenze des wirklichen Gesprächs steht. Hier wird uns stärker als sonst an Geschriebenem das Wesen alles Wortes als gesprochener Sprache kund. Mitteninne zwischen immer lautwerdender Rede und stets schon schriftlich erdachtem Buch, ihrer beider Art verbindend, steht der Brief. Sein sprechendes Wesen hat nun den Brief vom Intimen zum Oeffentlichen, vom Heilig-Heimlichen zum Geheiligt-Gemeinsamen und zum Profanen •sich entwickeln lassen; der Brief als Kunstform wird zu Sendbrief und Botschaft an. viele, zum „Offenen-. Brief", also zu Unteiweisung, Forderung, Rüge. Hier gibt sich die intime Form einem allgemeinen Inhalt hin; durch sie empfängt der objektive Gehalt die personale, aus dem Munde des sprechenden Menschen tönende Intention, die ansprechende Kraft des „Du bist gemeint". Bedeutsam ist ein nur andeutender .Vergleich. Im Jüdischen treten neben die Bücher der Weisung, die offenbares lebend-gesprochenes Wort bleiben, die aufgeschriebenen Reden der Künder: Sein Erlauten; im Christlichen treten neben die Bücher der Botschaft, die offenbares lebend-gegenwärtiges Geschehen sind, die offenen Briefe der Sendboten: ihre Lehre und Mahnung. In diesem Zusammenhang, in dem von Franz Rosenzweigs Briefen gesprochen werden soll, sei zunächst darauf hingewiesen, daß er selbst sich zweimal in wesentlichen Stücken seines Lebenswerkes des Briefes als Kunstform meisterlich bedient hat: er richtete an Cohen seinen ersten Sendbrief „Zeit ist's" aus dem Geiste des Lernens und Lehrens, an Buber seinen letzten „Bauleute" aus dem sehnsuchtsstarken Willen zum Tun. Hier wuchs mit der betont persönlichen Beziehung die allgemeinjüdische Absicht zum „Brief" zusammen. Nun liegen Rosenzweigs wirklichei Briefe vor, die er in erstaunlich großer Zahl neben unablässiger Arbeit und trotz stetig wachsender Behinderung durch sein Leiden in nimmermüder Bereitwilligkeit an viele Menschen hat ergehen lassen. Es erhebt sich uns die (vor jedem gedruckten Brief sich einstellende) Frage nach dem Recht der Veröffentlichung von Briefen überhaupt, da sie doch — „Gelegenheitsdichtung im höchsten Verstände" — wie im vorliegenden Falle dem Werke eines Menschen nur nebenhergehen und auch da, wo sie geradezu lehren und Grundsätzliches aussagen, die3 nur für den Privatgebrauch tun, also allein" den Empfänger etwas angehen.. Natürliche Briefe sind ja als Aeusserungen des Eigenmenschlichen gewiss nicht als „zu missbrauchende Liebesbriefe" in der unmenschlich-literarischen Nebenabsicht der Ver-Oeffentlichung geschrieben; in seinen Briefen gehört auch der sonst öffentliche Mensch nur sich selbst und dem, den er wirklich ansprechen will. Freilich wohl: ein Recht, die Veröffentlichung von Briefen zu verlangen hat Niemand, (vom Rechtsf all ist hier natürlich nicht die Rede). Nun aber erleben wir es als das Eigene an Rosenzweigs Briefen, daß sie selber von den Kundigen ihre Veröffentlichung verlangt zu haben scheinen, und zwar gewiss ohne im Ursprung offene Briefe zu sein. Sie heischen das Recht, heute und hier gehört zu werden, in ihrer vollen und ganzen Konkretheit als Zeichenreihe eines besonderen Lebens, das ein ergriffenes Leben gewesen, ist. Aus wirklich innerster Notwendigkeit, nicht vom bewussten Willen des Schreibers gelenkt, erheben die Briefe ihre eigene Stimme — Stimmen aus Freiheit und Arbeit und Freude, Stimmen aus überwindendem Kampf gegen den Zwang klingen auf: von dem ersten, den der musisch gestimmte Abiturient an die Freundin richtete, bis zxi dem aus einer überhellen Gewissheit erschütternd abbrechenden letzten des Sterbenden an den Freund. Solche innere Notwendigkeit und das fast wunderbare Selbständigwerden auch der persönlichen Aeusserung ist darin gegründet, daß an diesem ganzen Menschenleben sich eine Gegenständlichkeit ausgewirkt hat, zu der es in seiner Zeit und an seinem Platze auserkoren ward. Wenn wir vorhin meinten, daß sich in dem Brief als Kunstform die Intimität dieser Form um der lebendigen Ansprache willen dem objektiven Inhalt hingebe, so erfahren wir hier das Umgekehrte: ein wahrhaftig „objektiver" Gehalt prägt mit immer größerer Kraft alle Aeusserungen dieses Daseins zu sich h i n. Dieser Eine weihende, heiligende Inhalt ist (auch da, wo noch nicht ausdrücklich davon gesprochen wird) das Schicksal der jüdischen Gemeinschaft und des jüdischen-Menschen; dies ist es, was Rcsenzweigs Briefe in ihrer Gesamtheit zu einem einzigen gewaltigen Sendbrief macht. Schicksal und Anteil unserer jüdischen Gemeinschaft sind an diesem personhaften Leben manifest geworden; davon und deshalb sprechen die Briefe, nun aus dem Besitz der Einzelnen befreit — es ist fast als erlebten sie ihr Jahr der Heimholung — zu Allen. Wenn Rosenzweig einmal sagt: „Ich werde erst posthum meinen Mund ganz auftun" — die Briefe bewähren sein Wort. Sie tun dies wie alle echte Bewährung, indem sie zur rechten Zeit erscheinen. Wollten wir diesen Briefen mit einem historischen oder biographischen oder gar—Gott behüte gerade Rosenzweig gegenüber!— psychologischen Anliegen gegenübertreten, so würden wir ihre kostbare Stimme mit gleichgültigem Gerede übertönen oder sie augenblicklich zum Verstummen bringen. Sie dürfen nicht an uns als ,,objektive Beurteiler" oder als Bedenkliche oder als (natürlich falsch, weil tendenziös auswählend) Zitierende gelangen, sondern an uns als die echten und rechten Empfänger. Hier liegt nicht ein neues Buch neben vielen anderen Büchern vor; zum Bücherlesen haben wir vielleicht wirklich keine Zeit, auch wenn des Büchermachens noch kein Ende ist; aber an uns gerichtete Briefe müssen wir lesen, denn sie sind mehr als geschriebene — nämlich gesprochene Worte. Und wir Juden sollten wissen, was das heisst..... Franz Rosenzweig spricht erneut zu unserer Zeit. Nicht so als zeigten seine Briefe einen neuen oder gar einen anderen, bisher unbekannten Menschen: vielmehr umhüllen und tragen die Briefe in Einheit das ganze Leben und Werk dieses providentiellen Menschen und sie richten es durch ihre persönliche Form noch ^einmal, inniger und leiser oft, aber mit größter Eindringlichkeit und auch, wenn es denn sein muß, mit aller Schärfe, an uns alle. Sie sprechen; eine Stimme wird gehört; das seltsame Zwischenwesen des Briefes lässt den sprechenden Menschen auferstehen und erlöst alles geschriebene Werk zum lebendigen Wort. Franz Rosenzweigs Werk und Leben: als dessen Kennwort dürfen wir den Sinnglauben und die Erarbeitung

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