Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 409 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 409 gelernt, sondern vor allem! durch inneres Erleben empfunden werden müssen. Es genügt zum Beispiel nicht, dass die hebräische Sprache rein grammatikalisch gelernt werde, sondern sie muss durch Lieder, durch Gedichte, durch Literatur den Menschen des Bundes erfassen. Die Erziehung des Bundes geht darauf hinaus, daß die Menschen nicht nach Palästina gehen, um in Tel-Aviv oder Haifa 50 oder 60 Piaster zu verdienen und somit eine zweite Gallith zu schaffen, sondern daß sie auf das Land gehen, daß sie das Land erobern — sei es sogar unter den schwierigsten Verhältnissen. — Somit wurde den Eltern und Freunden gezeigt, dass der Bund keine Spielerei oder ein guter Zeitvertreib, sondern, dass er einen ernsten Weg vor sich sehe und dass deshalb die Eltern indirekt an dem Bau dieses Weges mithelfen und ihre K\nder nicht daran hindern sollen, Arbeit im Bunde zu leisten. — Als wichtigster Erziehung spunkt wurde die Selbstkritik genannt. Dadurch, dass der Bund in weitestem Masse Selbstkritik üben konnte, wurde es möglich, den chaluzischen Weg nach Erez Israel zu finden und zu gehen. Um den Weg des Bundes aber nicht nur in einer schönen Eede zum Ausdruck zu bringen, wurde noch eine Sichah Kuchanith (Geisterspiel) aufgeführt. Zum Schluss brachte der Sprechchor Worte von Alosoroff, welche die ganze Tragik, die Naturlosgerissenheit des Judentums ausdrücken und die Forderung erhoben „das jüdische Volk muss zur Arbeit zurück". Die Veranstaltung stellte einen Erfolg für den Bund dar. Er darf überzeugt sein, nicht nur einen Abend ausgefüllt, sondern auch Anerkennung für seine Arbeit gefunden zu haben. G. J. ftitifter'Gtfe Zwei Narren Ich besuchte als junger Arzt nach vielen Jahren das Dorf, jn dem meine Großeltern gewohnt hatten, und wo ich als kleiner Junge die Sommerferien zu verbringen pflegte. Nun waren alle Verwandten tot, die Jugendfreunde weggezogen. Aber es trieb mich, wieder einmal diese Landschaft, die Häuser, die Gärten, die Zeugen meiner kindlichen Erlebnisse, zu sehen. Meine Grossmutter war eine große Blumenfreundin und tüchtige Pflanzenkennerin gewesen. Sie war es auch, die in meinem jugendlichen Geist die ersten botanischen Interessen weckte. Sie öffnete mein Auge für Erscheinungen an Busch und Strauch, Garten und Wiese, Wald und Feld. Ihr Garten galt ihr als Heiligtum, sie pflegte ihn mit Liebe, und ich war glücklich, wenn ich ihr beim Giessen und Jäten helfen durfte, wenn ich <labei auch schnell ermüdete. — In Erinnerungen versunken, stand ich so am Garten des elterlichen Hauses, das nun schon lange von Fremden bewohnt war. Mein Blick ruhte lange auf einem Pflaumenbaum, der in meiner Kindheit eine besondere Rolle gespielt hatte. Nicht weit davon war die jetzt immer leerstehende Synagoge, die mit dem Baume in einer merkwürdigen Beziehung stand. Wenn ich als achtjähriger Junge (das zog jetzt alles durch meine Gedanken) die Gespräche der Erwachsenen mitanhörte, die in einer gewissen Unbekümmertheit darüber, ob sie auch für das Ohr Unmündiger geeignet seien, geführt wurden, so hörte ich fast täglich von dem eigentümlichen Gebaren zweier Narren, die dem Unterhaltungsbedürfnis der Dorfbewohner immer neue Nahrung lieferten. Die kleine (einst große) Gemeinde zählte nur gerade eben so viele Erwachsene, als zu einem Minjan gehörte. Dabei war es noch zweifelhaft, ob der eine Narr, den man den Golem nannte, voll zu rechnen war. Man tat es, wenn auch mit Bedenken, weil er fromm war. Allerdings zeigte sich dies mehr in einer Art religiöser Schwärmerei. Denn er war geistig zu arm, um im wahren Sinne des Wortes fromm sein zu können. Sein plumpes Aussehen, sein schleppender Gang mochte dem Phantasiegebilde gleichen, das man sich von dem berühmten Lehmklumpen des Prager hohen Rabbi Low machte. Schon eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes wartete der Golem, weil er keinen richtigen Zeitbegriff besass und nichts zu "tun hatte, auf die Oeffnung der Synagoge und belästigte den Schammes und den Vorbeter mit seinem aufgeregten „Es ist Zeit, es ist höchste Zeit". Wo der Golem sich blicken Hess, lief die Schuljugend höhnend und spottend hinter ihm her, sodaß der Lehrer oft mit Strafen eingreifen mußte. Der Golem war trotz seiner Gutmütigkeit — er tat nie jemand etwas zuleide — ein Element der Unruhe in der Gemeinde. Er besass allerdings einen Gegner, das war der zweite Narr der Kehilla. Er wurde Olam genannt. Seine Spezialität war entgegengesetzter Natur. Wenn der Gottesdienst beginnen sollte, hatte er gerade dringende Besorgungen zu erledigen. Man mußte ihn irgendwo herholen, und er gefiel sich darin, eine gesuchte Persönlichkeit zu sein. Er Hess die Gemeinde fühlen, daß sie ihn brauchte, und kam schliesslich langsam humpelnd — ein wenig hinkte er wirklich — herbei, um am Gottesdienst teilzunehmen. — Ich fragte den Grossvater, warum sie diesen Mann Olam nannten. Er erklärte mir, daß man beim Abzählen, der Zehnzahl im Gotteshause nicht die üblichen Zahlen benutze, sondern einen zehn Worte enthaltenden Bibelvers, dessen letztes Wort Olam laute. Daher die so oft gehörte Frage: Wo bleibt Olam? (Psalm 28,9) Die beiden Gemeindenarren, der gutmütige und der garstige, mieden sich. Aber bei allem Bestreben, sich auszuweichen, begab es sich doch eines Tages, daß sie aneinander gerieten. Aus belangloser Ursache kam es zu Streit und Tätlichkeiten. Golem, der körperlich Schwächere, unterlag, zog aber im Fallen Olam mit, und sie wälzten sich zusammen im Strassenschmutz. Zum Unglück kamen gerade zwei Gendarmen vorbei und verhafteten die beiden kurzerhand wegen groben Unfugs. Die ganze Gemeinde empfand es als eine Schmach, als die beiden Schmutzsäulen, rechts und links von einem Polizisten begleitet, nach dem Ortsarrest abgeführt wurden. Sie wurden allerdings, da sie ja nichts eigentlich Strafbares begangen hatten, nach wenigen Tagen wieder in Freiheit gesetzt. Selbstverständlich bildete am Abend dieses verhängnisvollen Tages die sensationelle Begebenheit den Gesprächsstoff für das ganze Dorf. Auch im Großelternhause sassen die Nachbarn beisammen. Es wurden verschiedene Ansichten geäussert. Einer meinte: Ein Glück, daß die beiden von der Strasse weg sind; sie waren keine Zierde der Gemeinde. Ein anderer sagte: Der Vorfall soll uns ein Anlass sein, für diese beiden Armen zu sorgen und ihnen eine passende Unterkunft zu verschaffen. Mitten in dieser Unterhaltung trat die Großmutter ins Zimmer mit den Worten: „An unserem Baume hängen zwei Narren". Ich empfand einen tödlichen Sehrecken. In meiner Einbildung schwangen im Winde, an dem Baume hängend, die beiden Unglücksmenschen. Ich wollte schnell nachsehen, bekam aber wie gewöhnlich die Türe nach dem Garten nicht auf. Ich Hess davon ab, sie gewaltsam zu öffnen, halb befriedigt, daß mir der Anblick erspart blieb. Ich eilte ins Haus zurück, wo ich es aber auch nicht aushielt und lief schliesslich in größter Erregung unschlüssig auf der Straße hin und her. Plötzlich empfand ich furchtbares Heimweh, und ohne lange zu überlegen, schlug ich den Weg nach meinem mehr als drei Stunden entfernten Heimatsdorfe ein. Ich war in vollkommener Verwirrung, sah und grüsste niemand. Nur weg von