Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 407 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 10___Juni 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Warum und wie jüdische Geschichte In den Kreisen der jüdischen Jugend unserer Tage macht sich erfreulicher Weise das Bestreben geltend, sich in die Geschichte unsrer Gemeinschaft mehr als vordem zu vertiefen. Aus dem Vorbild unsrer Ahnen müht sich unsere Generation, Lehre und Kraft für die Zukunft zu schöpfen. Denn das ist die grundlegende Neuerkenntnis unsrer Zeit, daß jüdische Geschichte mehr sei, als die Erinnerung an Auf-und Absteigen einer gehetzten Gemeinschaft. Unsere Geschichte unterscheidet sich grundlegend von der der Völker. Ist der Ablauf der Geschichte der Nation immer wieder von veränderten Einflüssen bedingt, immer wieder vom sogenannten „Zeitgeist" abhängig, so kennt unsre Geschichte dieses Abhängigkeitsverhältnis erst in zweiter Linie. Wir werden uns hiermit später noch zu beschäftigen haben. Wie verläuft Geschichte der Völker? Mit dem Wechsel der philosophischen Erkenntnisse und der soziologischen Bestrebungen ist Geschichte der Völker in eine ununterbrochene fliessende, auf- und abwärts sich bewegende Linie gedrängt. Es mag wohl den Anschein haben, dass auch Weltgeschehen eine Regelmässigkeit des Ablaufs zeigt, dass auch hier Geschehnisse sich wiederholen, doch mir will scheinen, dass das vermeintlich Gleiche sich doch vom Vorhergegangenen scheide, wie Ursache und Wirkung. Unzweifelhaft hat z. B. Neuromantik etwas gemein mit der früheren Romantik, deutsche klassische Dichtung mit griechischem Denken, aber niemand wird doch behaupten können, daß erste und zweite Erscheinungsform .sich glichen. Weltgeschehen entwickelt sich, bildet sich fort, strebt einem unbekannten Ziele zu. Daraus leitet sich die Erkenntnis ab, dass Geschichte der Völker stets neues, nie zuvor erfahrenes Erleben bildet. In der Schnelligkeit, in der weltanschauliche Systeme sich weiterentwickeln, soziologische Strukturen sich verändern, gestaltet sich Geschichte der Völker zu einer Geschehensfolge, die auch nicht andeutungsweise vorherbestimmt werden kann, solange nicht die sie bestimmenden Faktoren in einer bestimmten Regelmässigkeit erkannt sind. Wie anders bietet sich doch unsere Geschichte dar! Eine stete Bindung, die kein anderes Volk kennt, durchzieht sie von Urbeginn an bis in unsere Tage, und auch weiterhin ist sie Anfang und Ende, Ausgangspunkt und Ziel aller jüdischen Geschichte; es ist die Bindung zu Gott und seiner Lehre. Darin liegt auch die Lösung des Rätsels der Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft durch die Jahrtausende, weil wir uns — mehr oder weniger immer — dieser Bindung bewusst waren, überlebten wir Völker und Zeiten, die der Welt stärker und machtvoller erschienen als wir; diese Bindung war es, die uns Hellas und Rom, unter der Maske ihrer hohen Geistigkeit Völker wie alle, überleben Hess, sie, die von sich glaubten, die Unvergänglichkeit in sich zu tragen. Wir aber, die wir uns immer bewusst waren, daß nicht wir es sind, die uns die Kraft der Erhaltung immer wieder neu geben, die wir in unseren Bindungen unsre Kraft sahen, aus der Fessel unsere Freiheit herleiteten, wir wurden zur Gemeinschaft unvergleichlicher Art, wesensverschieden von den Völkern. Diese Verschiedenheit aber verpflichtet uns heute wie immer, uns dieser Bindungen bewußt sein, sie neu zu erkennen. Bald waren wir diesem Zentrum unseres Seins nah, bald ihm fern, . immer ihm aber verbunden. Vor Geschichte aber, die immerfort demselben Faktor beinahe allein unterworfen ist, muß man aussagen, daß sie sich zwangsläufig wiederholen müssv, so wie Geschichte der Völker, dauernd sich verändernden Bedingungen unterworfen, sich nicht Aviederholen kann, wie ich glaube eindeutig aufgezeigt zu haben. Haben wir aber zu der Erkenntnis uns durchgerungen, daß Geschichte der Völker sich dauernd im Flusse befindet, so ist es augenfällig, daß sie für 'junge Geschlechter die denkbar ungeeignete Lehrmeisterin ist. Wo sollte auch ein Weg für die Zukunft sich herleiten lassen aus einer Vergangenheit, die immer wieder nur von ihrer Epoche abhängig war, in einer Zeit, die selbst wieder neu, nie zuvor erfahren ist? Und genau wie wir zu diesem Ergebnis in Bezug auf die Historie an sich kamen, können wir behaupten, daß wir Juden aus unserer Geschichte wohl imstande sind zu lernen für unsre Zeit, weil unsre Vergangenheit eben nie ganz neue Bahnen einschlug, weil sie immer der gleichen Bindung unterlag. Für unsere jüdische Geschichte gilt fürwahr das Wort des Predigerbuches in vollem Ijmfange, daß es nichts Neues unter der Sonne gebe. Zwar sind wir, es wäre Blindheit dies nicht zu bemerken, den Geistesströmungen der Umwelt in gewissem Masse auch unterworfen, aber nie konnten uns diese uns restlos von der geraden, unverrückbaren Bahn, die uns vorschwebt, Gott nämlich gewissermassen als Herold voranzugehen — wie es schon die Genesis fordert von denen, denen sie gegeben ward — abbringen. Wir erleben denn, wo auch immer wir einen Blick ins Geschichtsbuch tun, den Versuch, der in allen Epochen mit mehr oder weniger großem Erfolg unternommen wurde, kulturelle Strömungen von draußen, soweit sie uns wertvoll erschienen, hereinzuziehen in unseren Kreis, m unsere unlöshare Bindung. Aber gerade in dieser Bindung lag letzten Endes immer der Grund, weswegen Assimilation, auch in ihrem edelsten Sinn nur Teillösung bleiben mußte, warum immer ein Bruchteil dessen, was uns im Augenblick erstrebenswert schien, aufgenommen werden konnte. Unsere Bindung ist in sich nahezu gesättigt. Wenig Raum bleibt auf unserem jüdischen Weg, der uns als ganze Menschen erfasst, für Erweiterung und Umbau. Streben wir also nach neuen Werten, so sind wir gezwungen, auch wenn wir es nicht zugestehen, alte Werte, erprobte Faktoren unserer Geschichte, als Kaufpreis zu geben. So zeigen sich uns die Assimilationsversuche aller Zeiten. Ernste Männer, sich dieser Situation voll bewusst, die die Tür öffneten, um von aussen her Werte in den jüdischen Raum zu ziehen, ich denke z. B. an die Bibelübersetzung Mendelssohns, kf.nnten nicht verhindern, daß ihre Nachfahren, denen der Weg <!es jüdischen Volkes zu eng erschien, hinaustraten aus dieser jüdischen Bindung, die unseren Weg uns führt. So war es im jüdisch-hellenistischen Alexandria, so war es während der russischen Aufklärungsepoche, Haskala, und so war es doch auch zu Beginn unserer Zeit, an deren Abschluß wir standen. Assimilation hat zwei Möglichkeiten. Entweder der Jude bleibt sich seiner Bindungen bewusst, er bewegt sich auch weiter im jüdischen Raum, dann wird er bald erkennen müssen, wie wenig es ist, was da vom Glanz der Umwelt Platz findet, oder aber, und das war der Weg unserer Assimilation, er sucht sich von den Bindungen jüdischer Geschichte zu lösen, um Raum für „Neuerwerb" zu finden. Damit verlässt aber der Jude, diese Erkenntnis kommt in vielen Fällen erst nach vollbrachter Tat, seinen, seiner Gemeinschaft Weg. Die Loslösung von jüdischer Tradition ist damit geschehen. Versucht er dann erkennend zu der ihm wesenseigenen, zu seiner jüdischen Gemeinschaft anrückzufinden, und im Moment der Umkehr vieler Tausende stehen wir heute, dann findet er nur . schwer das Tor;zu jener engen Gasse wieder, die den jüdischen Weg kennzeichnet. Er muß zurück, um den jüdischen Schicksalsweg wieder von vorn zu gehen, um den Anschluß an die Tradition Photo Ebrenfeld ist für Leica spezialisiert