Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 405 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 405 Es sind drei schön gebundene und gedruckte „Erinnerungen", wie sie um die Jahrhundertwende vielfach entstanden und nie über den engsten Kreis, für den allein sie bestimmt waren, hinausgekommen sind. Diese hier sind offensichtlich nie gelesen worden, und doch wären sie es heute wert: Es war in jenen Jahren blühenden bürgerlichen Wohlstandes, als sich eine Generation den sechzig näherte, die noch aus ganz andern schweren Zeiten; herkam, aus kleinbürgerlichen, sehr kinderreichen Familien. Man war sozial aufgestiegen, hatte Tüchtiges geleistet und hatte sich nun vom Geschäft zurückgezogen, um in einem allmählich ein wenig eng werdenden Bezirk der nachdrängenden jüngeren Generation Platz zu geben, trotzdem man sich noch gar nicht alt oder müde fühlte. Und nun, in einer ungewohnten und darum ein wenig unheimlichen Stille kamen die Erinnerungen an die so anderen Jugendtage und damit der Wunsch, für die Kinder und — mehr* noch — die Enkel etwas festzuhalten von all dem atemberaubenden Aufstieg, den man miterlebt hatte. So war der Großvater oder die Großmutter auf einmal wieder merkwürdig geschäftig. Die Jungen, die mitten im „Ernst des Lebens" schafften, sahen auf dies zwecklose Tun mit Rührung und Nachsicht herab — und zum siebzigsten, zum fünfundsiebzigsten Geburtstag war es in diesen wohlhabenden Familien, wo es kaum unerfüllte Wünsche noch gab, eine passende Aufmerksamkeit, wenn man diese anspruchslosen Niederschriften dann unverhältnismässig kostbar drucken und binden hess und natürlich nicht las! Man hatte diese Geschichten ja so unendlich oft schon am Familientisch gehört, und eigentlich interessierte man sich ebensowenig für diese ganze verschollene Kleinbürger-Welt, wie man deren Geschmack sonst teilte! Und wie nach dem Tode der alten Herrschaften ihr allzu altmodischer Hausrat zerstreut wurde, da er zu den modernen und eleganten Wohnungen garnicht passen wollte, so kamen auch diese „Erinnerungen" in ihren schönen Goldschnittbänden irgendwo in eine Ecke des Bücherschranks und blieben da, bis sie sich in irgend einer noch dunkleren Kiste wiederfanden. Verkaufen, wie die alten zerlesenen Klassiker, mochte man diese allzu persönlichen Dinge nicht — aber zum Lesen lockten sie auch nicht. Und docli enthalten sie für uns. die Enkel, so viel Ergreifendes und sogar Aktuelles! Uns interessiert wieder sehr lebhaft, woher unsere Voreltern denn eigentlich kamen, in der Zeit unserer Eltern sali man lieber vorwärts in die Zukunft als zurück in die Vergangenheit! Da entdeckt man nun auf einmal eine Biedermeierwelt mit zwar nicht mehr ungebrochenem jüdischen Bewusstsein, aber reichem Wissen um Sitte und Brauchtum, das wir neu zu erwerben uns sehr mühen. Wir sehen vor allem hinein in ein eingeschränktes Dasein, das an allen Kulturgütern viel innigeren Anteil nimmt als die weltbürgerlichere nachfolgende Generation und dessen Lebens- und Gemeinschaftsformen viel mit unserem eingeschränkten Dasein gemein haben: man hat sehr sehr wenig Müsse, besonders die Frauen sind unermüdlich tätig, aber man liest viel, wenn auch nicht immer alle Neuerscheinungen, man treibt Hausmusik, reist kaum, aber man schreibt viele und lange Briefe an all die verstreuten Familienglieder. Noch gibt es nicht viel Akademiker .unter den nächsten; die Söhne lässt man früh aus der Schule und als Handwerks- oder Kaufmannslehrlinge in fremde Familien: viel Frühreife und Verantwortungsbewusstsein scheinen sie zu haben, wenn sie als Kinder noch aus dem Elternhaus fortkommen, das ihnen doch schon so viel Entscheidendes fürs Leben mitgegeben hat! Und da man es dann so lange nur mit Heimweh und in sehnsüchtigen Gedanken vor sicn sah, hat sich das Bild des Elternhauses viel fester eingeprägt als bei der nächsten Generation, die ja überhaupt dem Zurück-Schauen eher abgeneigt war! An alles scheinen sich die Alten noch zu erinnern, an den Festtagstisch so gut wie an treue Hausgeister, an seltene Ausflüge und Ferientage: in diesen Büchern scheint über diesen lang vergangenen Jugendtagen ein stiller Glanz zu liegen, wie ihn der geschäftige Alltag, der dann sobald die Menschen ganz in Anspruch nahm, nie verdunkeln konnte. Ja, heute scheint uns fast, als hätten diese liebevollen Großeltern so ganz im Geheimen auch ein wenig Mitleid mit ihren allzu tüchtigen Kindern verspürt und ihnen etwas zeigen wollen, worüber d i e stolz und selbstsicher hinwegsahen. Mit ihrer ungelenken Feder ist ihnen das ja offensichtlich nicht gelungen. Aber da seltsamerweise die Pietät diese Bücher aufbewahrt hat, so können wir, die Enkel, die nun wieder nicht mehr selbstsicher in die Zukunft sehen, mit dankbarer leiser Rührung auf diese zagen Stimmen hören. Gerade wir Mütter, die mit so viel Sorge in die Zukunft unserer Kinder sehen, von denen wir uns schon so früh trennen sollen, können uns eigentlich nur die gesicherte Welt vorstellen, in die wir als Kinder hineinwuchsen. Und nun sehen wir hier lins ganz nahverwandte Menschen, oft mit Familienzügen, die wir an uns selber STICKEREIEN in Hand- und Maschinenarbeit Hebräische Schriften, Monogramme, Fahnen, Hohlsäume, Knopflöcher, Plissee. Anfert. compl. Ausstattungen in Näh- und Stickarbeit. D. WEISSENSEE BST» wieder entdecken, die ganz Ähnliches durchlebt haben, die so in stiller Weise mit all dem fertig wurden, daß wir heute kaum noch etwas davon wissen. Die über all das Tretmungsleid hin aber dann einen unfasslichen Wandel in ihrer Welt erlebt haben, der ihre Kinder an Ziele führte, die ihnen ganz iremd waren. Und daß, über all das Ferne und Fremde, die innere Verbundenheit bestehen blieb, so stark, daß sie über Generationen hin noch bis zu uns, den späten Enkeln dieser tapferen Frauen, reicht, die soviel Wandel und Veränderung ihrer Umwelt durchlebt haben. Unter den drei Büchern, die ich in Ihrer Kiste fand, schildert eines den langsamen und mühsamen Aufstieg einer Handwerkerfamilie in den ersten zwei Dritteln des vergangenen Jahrhunderts aus einem kleinen Familienbetrieb bis zu einem grossen gewerblichen Unternehmen, mit viel rührenden Einzelzügen aus den alten Wanderbüchern und Familienbriefen; das zweite das Leben in einer Kleingemeinde so bis etwa 1840, als der energische Sohn des kleinen Wollhändlers sich selbständig macht, das enge, traditionsgebunde Leben für immer verlässt; das dritte die Erinnerungen einer Großmutter, die aus einem süddeutschen Rabbinerhaus kommt und überraschend schnell ihrem „fortschrittlichen" Mann zu lieb, alles Altgewohnte aufgibt, nach dem sie aber sichtlich im Jahre 1906 noch solche Sehnsucht hatte, daß sie es in stillen Mussestunden für die Enkel aufschrieb. Gerade bei diesem Frauenbuch können wir sehen, wie scheinbar rasch die neue Zeit siegte, wie scheinbar leicht man über alle gefühlsmässigen Hemmungen hinwegkam — wie abeiim Alter aus dieser vergessenen und versunkenen Kindheitswelt beunruhigende Erinnerungen kamen, diel man nicht recht aussprechen, aber doch auch nicht völlig verschweigen konnte... Ich bin überzeugt, dass heute bei unsern vielen Umzügen, bei all den Umstellungen nocli eine Menge solch unbeachteter „Erinnerungen" zum Vorschein kommen und immer noch nicht recht gewertet werden, da sie noch nicht die ehrwürdig machende historische Patina haben. Aber durch die ßocbsommer-Xleider, ßocbsommer-Complets Wusen, Kinder-Kleidung in grosser Auswahl für jeden Geschmack — in jeder Preislage 6. Sichel LIEBFRAUENSTRASSE 6