Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 404 (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094422--4721-3099520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Ruth, die Moabiterin Das Hohe Lied, Ruth, Klagelieder, Kohelet und Esther, zusammengefasst unter dem Namen der „Fünf Megilloth" werden nach der alten Bestimmung der Synagoge der Reihe nach an Pessach, Schabuot, Neunten Ab, Schemini Azeret und.Purim gelesen. Schabuct "war ursprünglich, das Fest der Weizenernte,und eben weil in dem Büchlein Ruth die Erntezeit den Rahmen der Geschichte bildet, haben die alten Ordner des Gottesdienstes dieses liebliche Idyll zur Verlesung am Schabuotfeste bestimmt Spätere Ausleger wollten freilich aus dem schlichten Büchkin mystische, mit der Offenbarung in Zusammenhang gebrachte Klänge vernehmen. Wertvoller ist die interessante Antwort eines alten Weisen auf die Frage, warum das ganze Büchlein niedergeschrieben worden sei, da sich darin nichts von Erlaubtem und Verbotenem, Reinem und Unreinem finde. Seine Antwort lautet: Uni zu lehren, wie groß der Wert der Menschenliebe sei. Diese in ihrer schlichten Selbstverständlichkeit so rührende Menschenliebe ist es denn auch, die uns die Personen des anmutigen und gemütvollen Gemäldes so anziehend macht. Vor allem die Hauptperson, nach der das kleine Buch benannt ist, das Musterbild der Treue und selbstlosen Hingebung, der Bescheidenheit und Dankbarkeit, der unermüdlichen Arbeitsamkeit und Geduld, die reizvolle, liebliche Ruth. Sie ist eine Moabiterin. In das Nachbarland Moab war während einer, Hungersnot, die in der Richterzelt ausbrach, die Familie Elimelechs aus Betlehem in Juda ausgewandert, er selbst, seine Frau Naemi und seine beiden Söhne. Die Söhne nahmen sich moabitische Frauen, Orpa und Ruth. Im Lande Moab starben Elimeleeh und die beiden Söhne, so daß Naemi allein mit ihren beiden Schwiegertöchtern zurüekblieb. Da machte sich, die vereinsamte Frau, als sie gehört hatte, daß die Hungersnot in ihrer Heimat aufgehört habe, auf, um nach Betlehem zurückzukehren. Orpa und Ruth begleiten siex. An der Landesgrenze bittet Naemi ihre beiden Schwiegertöchter heimzukehren. Auf ihre dringende Bitte kehrt Orpa um. Ruth aber, in ihrer wunderbaren Treue, spricht die rührenden Liebesworte, wie sie sehlichter und liebevoller nie aus eines Menschen Mund gekommen sind: „Dringe nicht in mich, dich allein zu lassen und von dir wegzugehen. Wo du hingehst, will ich hingehen, und wo du bleibst, will ich bleiben. Dein Volk/ ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, will ich auch sterben und da begraben werden. Mag Gott mit mir vorhaben, was er wolle, nur der Tod kann mich von dir scheiden". Wer hört aus diesen schmucklosen einfachen Worten nicht die vollströmende Kraft der selbstlosen Hingebung, der Treue bis in den Tod, die der unvergleichliche Reichtum des weiblichen Herzens ist! . So wandern die Beiden zusammen nach Betlehem, arm, ohne zu wissen, wie sie den Hunger stillen sollen. Aber Ruth weiss Rat zu schaffen. Das Gesetz der Thora lässt die Armen nicht Hungers sterben. Es gibt ihnen das Recht, die Aehren hinter den Schnittern zu sammeln, ein schwer verdientes, kümmerliches Brot. Aber Ruth scheut nicht die mühsame, peinliche Arbeit. Und sie findet gute, hilfreiche Menschen auf dem Felde, die ihre Unverdrossenheit und Sittsamkeit vor dem Besitzer des Feldes, .Boas, rühmen. Da spricht Boas sie freundlich an, und aus dieser ersten Begegnung entspinnt sich ein ländliches Liebesidyll, das von Scene zu Scene sich immer reizvoller und spannender gestaltet und seinen Höhepunkt in der Vermählung des vornehmen und reichen Boas mit der aus der Fremde gekommenen, in bitterer Armut lebenden Ruth erreicht. Ganz Betlehem gönnt der sanften, still bescheidenen Ruth ihr Glück und segnet sie mit dem Glückwunsch: „Möge dich Gott werden lassen, wie Rahel und Lea, welche beide das Haus Israel Wir wollen die Dinge weder belachen noch beweinen, sondern uns bemühen, sie zu verstehen. Spinoza erbaut haben". Und Ruth wurde durch den Sohn, den sie dem Boas gebar, die Stammutter des Königs David. Man hat schon in alten Zeiten in dem Büchlein Ruth mancherlei Tendenz erblickt. Die Einen sahen in ihm eine Tendenzschrift, die der Versöhnung zwischen Ephraim und Judas Wort redete, andere eine Verherrlichung der Humanität, einen Preis der Duldsamkeit gegen Fremde, indem einer Moabiterin, einer Fremdstämmigen, das schönste Liebeswort in den Mund gelegt und sie als Ahnherrin des Königs David gefeiert wird. Uns aber kümmert diese Frage wenig, wir nehmen die Erzählung, so wie sie ist. Das Bedeutsame ist uns die Heldin Ruth, so ~wie sie im Rahmen ihrer Umgebung uns vorgeführt wird. Wir erfreuen uns an einer Schilderung, die auch Goethe als „das Lieblichste" erschien, „das uns episch und idyllisch überliefert worden ist". So stellt sich Alexander von Humboldt das Buch als „ein Naturgemälde dart von der naivsten Einfachheit und von unaussprechlichem Reize". So urteilt der christliche Verfasser der „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Hebräer": „Es ist eine Dorfgeschichte, ein idyllisches Familiengemälde, voll der lieblichsten, sich selbst genügenden Beschränkung und der innigsten Natureinfalt und Naivität. Ein seliger Friede geht durch das Ganze und teilt sich von selbst auch dem Leser mit. Die Seele der ganzen Erzählung ist eigentlich das Gefühl des tiefsten Familienzusamenhangs, der hier umso sittlicher und schöner erscheint, als er zugleich auf freier Selbstbestimmung beruht. Wir können hier einen Blick tun in die Gediegenheit und Ehrenhaftigkeit des Familienlebens, in ein gemütvolles, innig frommes Stilleben, das bei aller Einfachheit doch so reich und anziehend ist. Auch das spätere jüdische Schrifttum hat diese charakteristischen Züge stets anerkannt. — Ruth wird überall mit den schönsten Farben geschildert. Namentlich wird hervorgehoben, wie sie, obwohl eine arme Ausländerin, doch wegen ihrer Tugend in die Gemeinde Israels gekommen und wie die Bewohner Betlehems, gleichsam ihre Wichtigkeit ahnend, über ihre Ehe mit Boas freudig den Segen sprechen. Und Wünsche in seinem Buche „Die Schönheit der Bibel" schliesst seine Betrachtung über unser Buch und seine Heldin mit den Worten: „So wird das wohltuende idyllische Gemälde, das uns das Ruthbüchlein entrollt, für alle Zeiten eine Perle in der Weltliteratur, bleiben und so lange es noch ein Familienleben auf der Welt gibt, wird man es mit spannendem Interesse lesen. Vor allem wird der heranwachsenden Jungfrauenwelt die edle Moabiterin in ihrer sittlichen Reinheit und freudigen Selbstlosigkeit als leuchtendes Beispiel vor Augen gestellt werden". Ella Seligmann Ein Brief - auch an Dich s Liebe Freundin! Endlich konnte ich Ihren Auftrag erfüllen und die Bücherkiste aus dem Nachlass Barer. Cousine nachsehen. Sie hatten recht; es ist eine Menge dabei, was aufzuheben nicht lohnt bis Sie einmal wieder zu einem eigenen Bücherschrank kommen. Manches wird sich noch zum Geschenk für Bibliotheken eignen, einiges habe ich als ziemlich wertlos ausgesondert. Vielleicht kann ich es für Sie noch verkaufen. All das wird Sie nicht überraschen, so ungefähr. hatten Sie sich ja den Inhalt der Kiste vorgestellt, und deshalb schreibe ich Bönen auch garnicht, sondern nur, weil da noch ein paar Sachen waren, die ich sehr interessant fand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.