Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 388

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 388 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094422--4705-3099504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 388 Uraufführung des Schauspiels „Channa" . Der Kulturbund R Ii c i n - M a i n brachte im Gesellschaftsbaus am Mozartplatz das Schauspiel „Channa" von Marta Wertheimer zur Aufführung. Im ersten Buch Samuel hat die Verfasserin den Stoff zu ihrem Werk gefunden. Aus dem Kreis ländicher Stille und schlichten Familienlebens, in den uns der Anfang des biblischen Buches führt, wird mit wenigen, aber ergreifenden Zügen das Bild der frommen Channa herausgehoben. Ganz knapp erzählt die Bibel von ihrem Schicksal: von ihrer Kinderlosigkeit, von der Gottesfurcht, die sie und ihren Mann Elkana erfüllt, von der innigen Liebe, die Elkana für Channa empfindet, von den Kränkungen, die ihres Mannes andere Frau, die kinderreiche Pennina, ihr zufügt, von Channas Leid, von ihrem Gebet zum Ewigen, von ihrer Erhörung, von der Geburt ihres Sohnes und von ihrem Dank an Gott. Kur einmal verweilt die rasch fortschreitende biblische Erzählung: da, wo sie Channas tiefstes Wesen enthüllt. Als Channa im Tempel zu Schiloh Gott ihr Leid klagt und inbrünstig betet, da beobachtet sie der Priester Eli und hält sie für eine Trunkene, denn „Channa redete in ihrem Herzen, nur ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme wurde nicht gehört". Selbst dem Hohepriester ist ein solches lautloses Gebet des Herzens etwas Seltsames und umsomehr erschüttert es ihn, als er von der ernsten, bescheidenen Frau in schwer losgerungenen Worten hört, dass sie ihre leiderfüllte Seele vor dem Ewigen ausgeschüttet hat. Und dies wenige sagt Channa nur, um nicht für eine Berauschte gehalten zu werden; ihr Wesen ist nicht Reden, sondern schlichte Innerlichkeit. Marta Wertheimer hat versucht, aus dieser einfachen Frauengestalt eine Heldin, aus dem biblischen Idyll ein Schauspiel zu machen. Die Verfasserin hat aus der Erzählung der Bibel allein kein Drama schaffen können. So hat sie den Rahmen erweitert: das Familiengemälde mit dem Problem der kinderlosen Frau tritt zurück hinter dem nationalen und religiösen Gegensatz zwischen Israel und den Philistern, zwischen Gottesglauben und wüstem, blutigem Götzendienst. Auf diesem Hintergrund spielt sich eine frei erfundene Handlung ab. Während Pennina heimlich eine eifrige Dienerin des Dagon und der Aschtaroth, eine Ergebene des Dagonpriesters ist, tritt Channa in völkischem und religiösem Heroismus dem Abfall ebenso wie der gleichgültigen Friedfertigkeit entgegen und sucht Elkanas ältesten Sohn, den ihr schwärmerisch anhängenden Knaben Elihu, zum Helden zu machen. Als Timnat, der Bruder des ebenfalls für Channa in Liebe begeisterten Philisterfürsten Gasan, schwer verletzt ist, rettet ihm die heilkundige Channa das Leben. Aber während dieser Tat der Menschenliebe zündet Elihu den Dagontempel an, wird ergriffen und soll unter Martern sterben. Die so angeknüpfte Handlung geht aber nicht der Anlage der Personen entsprechend weiter: Gasan, der Channa doch liebt, wagt aus Schwäche nicht das Opfer dem Götzen zu entreissen, Channa, die etwas für den Knaben erreichen könnte, tut es nicht, weil Elihu unter den Foltern nicht nach ihr, sondern Mutter, Mutter ruft und dadurch bei der Kinderlosen die alte Wunde aufreisst. Der letzte Akt zeigt, die Sclbstvorwürfe Channas, die sich vor ihrem Mann anklagt, weil sie im Groll Elihu nicht gerettet und weil nun Pennina zur Versöhnung des Götzen den jüngsten Sohn Elkanas der Aschtnroth zum Opfer gebracht hat. Trotz allem aber überraschend ein glückliches Ende: Elihu wird doch noch von Gasan den Seinen zurückgegeben. Als dann Elkana die götzendienerische Frau, die ihm den Jüngsten geraubt hat, von sich stossen will, tritt Channa für sie ein. Ergriffen von dieser menschlichen Güte segnet Pennina die Nebenbuhlerin und wünscht ihr, daß sie Mutter werden möge. Damit ist der Fluch von Channa genommen, und das Stück kann mit der Verkündigung des Sohnes, den ihr Gott schenken wird, schliessen. Es ist schade, daß diese Handlung nur stockend, oft durch uberlange Gespräche gehemmt, abrollt und daß die Einzelheiten dieses Geschehens uns teilweise unnatürlich, nicht aus einer Notwendigkeit erfolgend, erscheinen. Das Haus Elkanas, als Schauplatz des religiösen Zwiespalts, — des Frommen Frau, die Mutter seiner Kinder, dort in eifriger Verhandlung mit dem Götzenpriestcr — das wirkt nicht glaubhaft. Mag man die Schwärmerei Elihus für Channa gelten lassen, so ist es auf keinen Fall glücklich ausgedacht, daß noch ein zweiter, ähnlicher, wenn auch reiferer Schwärmer — und einer aus dem Lager der Philister — zu Channa in Liebe aufsieht: Gasan. Das hat zu einem, Parallelismus allzulyrischer Szenen geführt: dem Zwiegespräch zwischen Elihu und Channa im ersten entspricht das unwirkliche Liebesgestehen von Gasan und Channa im zweiten Akt. Und das dazwischen dargestellte Sichfinden von Elihu und Gasan gewinnt kein Leben, weil es zu deutlich aus demselben Gedanken heraus verstandesmässig konstruiert ist. Der ' gut angeschlagene Ton versöhnender Menschlichkeit, wie sie Channa und Gasan vertreten, bricht zu jäh ab, als Gasan nach Elihus Gefangennahme doch, Angst vor dem Zorn der Philister hat und als Channa, vorher noch die Gütige, die ihren Feind liebt, ganz plötzlich die ob ihrer Kinderlosigkeit Erbitterte, Unversöhnliche wird. Nach diesem Abreissen der erwarteten Handlung wirkt die Lösung, die der dritte Akt wieder mit der Rückführung Elihus durch Gasan und dem Sieg menschlicher Güte und Selbstüberwindung bringt, überraschend. Und wenn der Segen, der Channa in der Bibel für ihre Frömmigkeit zuteil wird, in dem Schauspiel als Lohn für die Abkehr von Haß) und Stolz dargestellt ist, so ist das ein schöner Gedanke. Aber allzukühn ist es — auch bei der Einräumung aller dichterischen Freiheit —, wenn die am selben Tag noch durch ihre Kinderlosigkeit schwer leidende Channa allein von der seelischen Befreiung die Gewissheit hat, daß sie ein Kind zur Welt bringen wird, und wenn sie sogar den Namen des Kindes, Schemuel, der in der Bibel mit Recht erst nach der Erhörung erfolgt, schon verkündet. Auch durch die Tatsache, dass Channa schon im Talmud eine Prophetin genannt wird, ist das nicht gerechtfertigt, denn die talmudische Deutung bezieht sich auf das Danklied, das Channa nach der Geburt ihres Sohnes singt. ~ Der Handlung von Marta Wertheimers Schauspiel mangelt neben der dramatischen Kraft auch die überzeugende Wahrheit, weil die Gestalten, die Träger des Geschehens sein sollen, keine wirklichen Menschen sind. Bei ihnen allen überwiegt das Deklamatorische. Nur bei Pennina ist der Versuch einer gewissen Realistik zu erkennen. Channa ist zu wortreich und lehrhaft; sie spricht zuviel und zu bewusst zu einem Publikum unserer Zeit. Auch die für die Handlung so wichtige Elihu und Gasan sind blutlose, unkörperliche Gestalten. Es spricht für die Leistungen aller, die auf der Bühne an der Aufführung der Channa mitgearbeitet haben, daß der Abend doch den Künstlern wie der Verfasserin den starken Beifall eines zahlreichen Publikums brachte, das an manchen. angerührten Stimmungen und Fragen gefühlsmässig Anteil nahm. Die Regie von Franz Oppenheim er, die jeden auf den richtigen Platz gestellt, die alle Schwierigkeiten der kleinen Bühne überwunden hatte und ein erfreuliches Zusammenspiel erreichte, verdient Lob, sowie auch die sorgfältige Arbeit des Inspizienten ITans Erwin Rüde 11 hervorgehoben werden muß. Leni Steinberg war eine anmutige Channa. Liebenswürdig, reizvoll, in zarter Fraulichkeit Hess sie das Heldische ihrer Rolle zurücktreten, fand aber im letzten Akt auch den Ausdruck der Erregung. Magda L enz-H ab er m ehl spielte realistisch, wirkungsvoll ihre in dem Stück einheitlicher geratene Nebenbuhlerin, die hassende, eifersüchtige, im Aberglauben ängstliche P e nn i n a. Hugo Schuster traf gut den Ton des allen gerecht werden wollenden Elkana; Rudolf Ganz war als der fromme Priester 0 t n i e 1 sehr würdig. Heinz Friede b e r g wusste die jungenhafte Schwärmerei und Tatensehnsucht des Elihu lebhaft darzustellen. Norbert Schiller war mit seiner eindrucksvollen, natürlichen Sprachkunst und seinem reifen Spiel vortrefflich als Gasan. Den wüsten Priester des Dagon verkörperte Max Koninski in unheimlicher Maske und mit wirksamer Drastik. In kleineren Rollen reihten sich Marietta Lupescu als Tehilla, Ludwig Neugaß als Timnat und Bert Bär (Hanns Berk) als Hauptmann der Pelichtin und als der drollige Kaie b geschickt dem Zusammenspiel ein. S. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.