Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 10 (6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 382 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 382 Zeitgenössische jüdische Tqnsetzer v. Die romanischen Kulturkreise *) von Artur Holde Kegionale Abgrenzungen haben gerade in Fragen des Kunstschaffens der europäischen Juden einen problematischen Wert. Unter den Vertretern aller Kunstgattungen ist der Musiker durch die Art seiner Tätigkeit der am wenigsten Sesshafte, an die Scholle Gebundene. Versucht man die Einordnung eines jüdischen Tonkünstlers, so bestehen oft Zweifel, ob man ihn dem Lande zurechnen soll, in dem er geboren ist, oder dem, aus dem seine Familie stammt, oder gar jenem, das ihm später Bürgerrechte gewährt hat. Müsste man ihn nicht wiederum, um die tieferen inneren Beziehungen voranzustellen, dem Kulturkreis eingliedern, in dem er wichtige, für seine Entwicklung entscheidende Etappen durchmessen hat? Sollen etwa Jacques Fromental Halevy, dessen Vater aus Fürth in Bayern stammt, oder Jacques Offenbach, (ein Sohn des aus Offenbach a. M. gebürtigen Kantors Eberst) der das Kölner Elternhaus früh verliess und sich in Paris ansässig machte, hoch zu den deutsch-jüdischen Komponisten zählen? Äbhlich wie man Frederic Chopin, obgleich er, der Sohn eines in Polen lebenden Franzosen, jung nach Paris übersiedelte und dort bis zum Tode blieb, stets als Polen bezeichnet. Die Mängel einer von räumlichen Begriffen abhängigen Klassifizierung lassen sich eben auch dadurch nicht beheben, daß man das Schwergewicht auf die geistige Entwicklung und auf die der ganzen Persönlichkeit verhafteten Stilbindungen legt. Besonders jüdische Künstler machen, von Natur feinnervig und anpassungsfähig, oft grundlegende Wandlungen durch. Sie nehmen häufig schnell die künstlerische Atmosphäre eines Volkes in sich auf, in dessen Mitte sie Fuss gefasst haben. Für diese Tatsache tritt niemand mehr als Jacques Offenbach den Beweis an: gerade er wird Exponent eines von Herold, Adam vorbereiteten spezifisch französischen Singspiels. In den für die Musikgeschichte wichtigsten romanischen. Ländern setzt die Beteiligung der Juden am musikalischen Schaffen :zu ganz verschiedenen Zeitpunkten ein. Am frühesten in Italien. Schon um 1600 finden in dem regen Kunstleben des Mantuaner Hofes mehrere jüdische Komponisten ein Wirkungsfeld, unter ihnen Salomone Rossi, der hohen Rang unter den Musikern seiner Epoche einnimmt. In Frankreich dagegen erseheinen Juden als Tonsetzer erst nach 1800, also an dem Zeitpunkt, an dem in Deutschland Meyerbeer und Mendelssohn auftreten. # /p * bürgt für: 4? /D v Gescbmack / Mfa^dyMvtm / Preiswardigkeit Der äussere Prozess der. Eingliederung vollzieht sich in beiden Ländern unter ähnlichen Umständen: Zunächst das unvermittelte Einsetzen bedeutender schöpferischer und nachschaffender Naturen, eine Folge des durch die Emanzipation ermöglichten Eindringens in die geistige Kultur der Umwelt. Allerdings handelt es sich in Frankreich, wie erwähnt, um Künstler, die sich mit gleicher Berechtigung Deutschland zuordnen lassen. Nach glanzvollem Anfang dann bald ein Abgleiten derhohen Linie: Talente knapp mittleren Grades (die auch wieder aus dem Auslande gekommen sind) tauchen auf. Henri Herz, ein um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hochgefeierter Pianist, bietet jene elegante Virtuosenkunst, die heute kein Echo mehr hat; neben ihm: Julius Schul hoff, für dessen brillante Salonmusik *) Siehe Jahrgang XII Nr. 9 und 11, Jahrgang XIII Nr. 1 und 6 des Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatts. ebenfalls kein Boden mehr vorhanden ist. Sie haben, der eine Wiener, der andere Böhme, wie Chopin in Paris ihre zweite Heimat gehabt. Nach einem längeren Zwischenraum setzt sich die Kette der jüdischen Musiker in Frankreich durch Paul D u k a s fort. Er gehört als nunmehr Siebzigjähriger zu den Senioren der zeitgenössischen französischen Tonkunst. Dukas beginnt seine Laufbahn mit einer Ouvertüre zu Corneilles „Polyeucte", die dem Stil Wagners nacheifert. Bald erkennt er die von dem großen Magier drohende Gefahr und er. unterwirft sich noch einer strengen kontrapunktischen Schule. Die Sinfonie in C-Dur ist das Ergebnis dieser Wandlung. Mit dem sprühenden, geistvollen Orchesterscherzo „Der Zauberlehrling" (nach der Dichtung von Goethe) gelangt Dukas 1897 zu internationalem Ansehen. Dieses wird befestigt durch das zehn Jahre später erscheinende lyrische Drama „Ariane und Blaubart", das mit Debussys „Pelleas und Melisande" die Meisterleistungen moderner französischer Opernkunst darstellt. Während Debussy Musik und Dichtung als gleichberechtigte Komponenten betrachtet, gibt Dukas dem Klang das Uebergewicht Besonders durch die Raffinesse der Instrumentierung gewinnt der Komponist starken Einfluss auf die jüngere französische Generation. Ihr ist er auch als Lehrer der Komposition am Pariser Conservatoire unmittelbar verbunden. Fast zwei Jahrzehnte bringt das französische Judentum keinen Tonsetzer von nennenswerter Bedeutung hervor. Erst 1880 stellt die französische Schweiz ein Talent mit starkem, selbständigem Profil: Ernest Bloch. Seine Entwicklung und sein Schaffen ist gerade in dieser schicksalhaften Phase des Judentums aufschlussreich für die geistigen Energien, von denen zunehmend die künstlerische Arbeit auch der westeuropäischen Juden erfasst wird. Bloch beginnt, getreu den Stilformen seiner Jugend, mit sinfonischen Dichtungen. Bald erwacht der Drang, das, was ihm aus Seelenregungen seines Volkes zuströmt, in Klang umzusetzen. Er geht hierbei nicht in der Weise vor, daß er etwa aus dem Orient oder aus dem Osten stammende volkstümliche und kultische Melodien heranzieht und damit in mehr äusserlicher Form eine originale jüdische Musik schafft. Der Komponist greift vielmehr tiefer: er. versucht, aus den charakterellen Eigenschaften und aus den geistigen Anlagen des Juden zu gestalten. Die innere Wandlung und neue Zielsetzung realisiert sich in den „Trois Poemes juifs" für Orchester. Fortgesetzt wird dieser Weg in zwei Sinfonien: „Israel" und . „Schelomo" (hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester). Auf der gleichen Linie befinden sich die Psalmen für Gesang ZCrtirOCtiene FeDSlerSCtieitlßD? Glaserei Rechneigrabenstr.lO Bildereinrahmungen Dann nur ClßlDODS KflllD Gegn°i877 & und Orchester und das grossangelegte Chorwerk „Avodath hakodesch". In diesem „heiligen Gottesdienst" sind Gebete der Sabbat- und Festliturgie benutzt worden. Bloch sprengt jedoch, ähnlich wie die Messenkomponisten, den engen Rahmen des kultischen Geschehens; er umkleidet die Bibel- und Psalmenabschnitte mit mächtigem Klanggefüge. In seiner Sprache finden sich die Eigenschaften des'östlichen Chasonus und der orientalischen Melismatik, ebenso die Stilgehalte moderner französischer Musik zusammen. Mit diesem, imposanten Werk betritt Bloch verheissungsvolles Neuland synagogaler Musik. Unter den Instrumentalwerken stehen ein Concerto grosso für Streicher und Klavier und ein Klavierquintett an bevorzugter Stelle. Im Gegensatz zu den meisten französischen Komponisten, die entsprechend den Lebensgewohnheiten ihrer Landsleute die Heimat nur selten verlassen, ist Ernest Blochs Weg ganz international. In Genf geboren, geht er nach Studien bei Jacques