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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 380

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 380 (sequence 6)
Language
German
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Säte 380 Ausgaben, Erklärungen und Uebersetzungen, mit alten hebräischen Drucken bekannt. Lessing verbessert ein berühmtes Gelehrtenlexikon seiner Zeit durch neue richtige Angaben über Abraham Usque und, seine grossen Marannenbibel. Mit Liebe verweilt er bei der Ausgabe, die Samuel de Cazeres 1661 von diesem Werk besorgt hat, und sagt: „Ich sollte meinen, daß ein Theologe nur dieser Bibel zum Gefallen Spanisch lernen müsste, indem die größten Gelehrten darinne übereinkommen, dass keine einzige andere Uebersetzung die natürliche und erste Bedeutung der hebräischen Wörter genau so ausdrücke als diese". Und weil Lessing bei jedem Buch auch den Menschen, der daran gearbeitet hat, miterleben will, weil er immer Vergessene hervorzieht und Verkannte verteidigt und rettet, so tadelt er es, daß im Gelehrtenlexikon über Samuel de Cazeres nur unvollständig und unverständig berichtet wird, daß man die mannigfaltige Arbeit des Mannes und die Art seines Todes übergangen hat. Lessing weist auf diejüdischdeutsehe Bibelübersetzung des Josel Witzenhausen hin. Er führt in seinen Randbemerkungen zu Jöchers Gelehrtenlexikon einen Druck von Raschis Bibelkommentar an. Die Veröffentlichung aus Werken des klassischen Philologen und Hebraisten Reimarus bringt Lessing wieder zu dem „Verständigsten aller Juden", zu Maimonides, und macht ihn mit dem schönen Ausspruch des Weisen bekannt, daß auch der Ger Toschab, der eingesessene Fremdling, der sich von Vielgötterei und Abgötterei fernhält und den wahren Schöpfer des Himmels verehrt, Anteil hat an der zukünftigen Seligkeit. Wenn Lessing durch Zitats in den „Papieren des Ungenannten" auf jüdische Literatur hinweist, wenn er sie in eigenen Arbeiten nennt — den Talmud, das phantastische Geschichtswerk des Joseph ben Gorion, die Midraschsammlung Jalkut Schimoni, den Pflichtenkatechismus Leckach tob, ein Maasebuch und manches andere — so spürt man, daß es sich hier nicht um ein Auskramen antiquarischen Wissens handelt, sondern daß Lessing aus den alten Büchern lebendige Werte für sein Denken und Ringen finden will. Lessing in seiner Wahrhaftigkeit, in seiner Ablehnung von eitlem Gelehrtenprunk betont es immer, wenn er sich nicht selbst einen Begriff von einem Buch verschafft hat und es darum Das Sdiriftwort In dem Thoraabschnitt, den wir am ersten Sabbat nach dem Wochenfest lesen, ist ein Stück, das zu den gekanntesten Sätzen der heiligen Schrift gehört, nicht nur im Gottesdienst seinen Platz hat, sondern eine der stärksten Stützen der persönlichen Gebetsfrömmigkeit ist, das nicht nur in der jüdischen Frömmigkeit zur Geltung kommt, sondern auch im christlichen Frömmigkeitsleben eine große Bedeutung hat. Es ist der sogenannte Priestersegen (4M. 6,24-26). An jedem Morgen wird in unserem Gebetsritus dieses Segens gedacht, er wird vom Vorbeter zitiert als Segen der Priester; an den Festtagen wird er, falls der Tag nicht auf einen Sabbat fällt, feierlich von den Priestern verhüllten Hauptes gesprochen, da wo man den Priestern die Ausübung dieses Amtes gestattet. Im Lande Israel wird er nach dem dortigen Ritus alltäglich in der vorgeschriebenen Form vom Priester, dem Hohen, gesprochen. Man kennt seinen Wortlaut: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Antlitz dir leuchtenundseidir gnädig. Gott wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden". Wir sind an die Worte gewöhnt, fast könnte man sagen, man denkt sich beinahe nichts mehr bei ihrem Klang. Man ist so ganz und gar Empfindung und Gefühl, so ganz und gar nur Hören und In-sich-eintrinken bei ihnen, daß man nach dem inneren Sinn kaum fragt. Und fragt man schon' danach, so begnügt man sich mit dem Verstehen des einfachen Wortsinnes, ohne nach einem tieferen Sinn, nach einer Ausdeutung zu fragen. Aber die Alten begnügten sich nicht mit Hören und Empfinden, mit Andacht und mit Entrücktsein, sie fragten nach einem inneren Sinn, nach einer bestimmten Bedeutung jedes in dem Segen gewählten Ausdruckes. Sie wollten wissen, was ist .Segen? Was heisst, Gott sei dir gnädig? Womit soll er begnaden? Wovor nicht als Quelle werten kann. So etwa - bei der Erwiderung an einen Theologen, „der im Sohar und anderen midraschischen Büchern die deutlichsten Spuren von allen christlichen Glaubensartikeln will gefunden haben." Lessing hat die angeführten jüdischen Werke nicht gelesen; darum sagt er vorsichtig und scharfsinnig zugleich: „Wenn das wahr ist — was ich nicht beurteilen kann, — so waren die Verfasser besagter Bücher zuverlässig keine eigentlichen Juden, sondern es waren Juden-Christen, welche ihre christlichen Ideen in die Propheten hineintrugen aber nicht aus ihnen herholten." Es ginge weit über die Grenzen eines Aufsatzes hinaus, wollte man sich nicht mit einer ganz kleinen Auslese aus Lessings jüdischen Studien begnügen. Das vortreffliche, aufschlussreiche Register, das den Bau der grossen Lessingausgabe vollendet und krönt, wird — das Schlusswort des letzten Bandes sagt nicht zu viel — in der Ausdehnung seiner Umschau auf Lessings reiche wissenschaftliche Arbeit ein wertvolles bibliographpisches Hilfsmittel der Gelehrtengeschichte überhaupt bleiben. Aus diesem Lebenswerk ist die Erwähnung und Würdigung jüdischer Literatur nur ein ganz bescheidener Ausschnitt. Aber auch für dieses Gebiet kann aus der neuen Ausgabe und ihren Registern noch auf manches wichtige Problem neues Licht fallen, so auf die bedeutungsvolle Frage nach Lessings Verhältnis zu Spinoza. Vor allem kann die Stellung Lessings zu Juden und Judentum in all ihren Einzelheiten nun nach den klaren und vollständigen Hinweisen des Registers treu erfasst und dargestellt werden. Nicht eine Anwaltschaft für das Judentum ist es, was die Lessingausgabe quellenmässig zeigt, wohl aber ein grossartiges Verstehen, eine Anteilnahme mit Kopf und Herz, die Lessing der jüdischen Literatur ebenso entgegenbringt, wie den einzelnen Juden, die ihm nahetreten. Aus beidem, aus der Vertiefung in jüdisches Geistesleben wie aus dem Freundesbund mit dem Manne, der ihm das beste Wesen seiner Gemeinschaft verkörperte, aus beidem ersteht, in eigenem Leid und frommer Ergebung, dem Dichter Lessing die unvergängliche Gestalt des edlen Juden, dem sein Gott von allen Gütern dieser Welt das größte: Weisheit in vollem Mass erteilt hat. soll der Mensch behütet werden? Und nur zu erklärlich,. daß os nicht bei einer Erklärung, einer Deutung blieb, dass mancherlei Erklärung und' Ausdeutung gegeben ward. Und diese Einzelerklärungen und verschiedentlichen Deutungen haben ihren besonderen Reiz. In ihnen enthüllt sich der Wunschtraum der Deutenden, aus ihnen kann man ablesen, was als Sehnsucht und Wunsch in den Herzen lebte. In der Zeitlosigkeit dieser Wünsche, dieser Hoffnungsbilder liegt ihre stete Gegenwartsgeltung, durch Geschlechter und über unsere Zeit hinaus. Aus ihnen kann man lernen, wonach die jüdische Seele sich sehnt und was sie erstrebt.—' Wir nehmen jeden Teil des dreigeteilten Segens für sich und fügen ihm aus der Fülle der Deutungen einige hinzu. Gott segne dich und behüte dich. Was bedeutet das? „Gott segne dich mit irdischem Besitz und behüte dich vor den schädigenden Drängern, die dich umringen.' Andere Deutung: Gott segne dich — d. h. mit Söhnen, und behüte dich — wenn du Töchter hast, denn diese bedürfen besonderer Hut. Gott segne dich — mit irdischem Besitz, und behüte dich — daß du mit ihm Gutes tust. Behüte dich, oder wie man auch übersetzen kann: wahre dich, das bedeutet, er bewahre dir den Bund, den er mit den Vätern geschlossen. Bewahre dich, das bedeutet, er bewahre dir das verheissene Ende der Zeiten. Bewahre dich — vor dem bösen Trieb". Dann wird das ganze nochmals zusammengefasst in folgendem Gleichnis: „Denk dir einen irdischen König, er residiert in Rom und hat einen Freund in Syrien. Der König lässt, den Freund zu sich kommen, schenkt ihm hundert Pfund Goldes, gibt sie ihm mit. Er geht des Weges, da fallen ihn Räuber an, nehmen ihm alles, was der König ihm geschenkt hat, er konnte ihn nicht vor den Räubern bewahren,, darum gehört zum vollen Segen das Behüten, das Bewahren". - Der Priestersegen von Max Dienemann

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