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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 379

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 379 (sequence 5)
Language
German
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Seite 379 — sie bestände nicht mehr, wenn sie glauben müßte, daß er nicht mehr bestände. Keine noch so schmerzliche Erfahrung, die wir mit Menschen und Völkern machen, kann die Ueberzeugung erschüttern, daß Gott mit uns ist, wie er mit unseren Vätern war, uns nicht verlässt und nicht verwirft, solange wir ihn nicht verlassen und verwerfen. Das mittlere der drei ehemaligen Wallfahrtsfeste ist das Wochenfest; und. so anspruchlos es zwischen dem Fest des Frühlings und der Freiheit und dem Fest des Herbstes und der Wanderung steht, Offenbarung und Gesetzgebung, Auserwählung und Bundesschliessung, die es erinnernd und zukunftweisend zu einer großen Einheit verschmilzt, machen es zu dem bedeutendsten geschichtlich-religiösen Fest unseres jüdischen Jahres. Leasings Beschäftigung mit jüdischer Literatur Von Dr. Siegmund Hirsch Ueberraschend und erheiternd dringt in einem Jugendlustspiel Lessings der Name des Maimonides an unser Ohr. Der junge Gelehrte, Damis, ein eingebildeter, vom toten Wissen lächerlich und töricht gewordener Pedant, ist unwillig, weil sein Bedienter ihn beim Lesen stört. Der schlaue Bursche aber weiss, wie er seinen böse gewordenen Herrn wieder umstimmen kann. Er muss ihm nur Gelegenheit geben, seine Gelehrsamkeit an den Mann zu bringen. Darum fragt er mit scheinheiligem Staunen: „Aber sagen Sie mir nur, was lesen Sie da für ein Buch? Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche Krakelfüsse, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist--ach, man weiss es ja wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.--" Dieser geheuchelte Schrecken verfehlt nicht seine Wirkung: Damis wird munter, weil er sich im Glänze seines Vielwissens zeigen kann, und herablassend beruhigt er den Bedienten über das geheimnisvolle Werk: „Du guter Anton! Das ist ein Buch in hebräischer Sprache. Des Ben Maimon Jad chasak a." Wie stolz ist Damis! Er hat ja soviel in sich hineingepfropft, obwohl er erst 20 Jahre alt ist. Sogar das Hebräische ist bei den sechs Sprachen, die er alle vollkommen besitzt. Aber er ist ein weltfremder Bücherwurm, ein trauriger Wirrkopf. Ein Mädchen kennen zu! lernen, hält er für etwas, was unter der Würde eines Gelehrten ist, und als ihn sein Vater verheiraten will, ist er mit seinen Gedanken so weit weg, daß er die unsinnigsteu Antworten gibt und sich schliesslich entschuldigt: „Verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig zerstreut geantwortet habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Eabbinen das Schurek M'lo Pum heissen." Der 18jährige Student Lessing hatte mit dem Stück, das eine . solche Karikatur dem Gelächter preisgab, einen großen Erfolg. Er hatte der Gestalt Eigenschaften gegeben, die er selbst gehabt, aber überwunden hatte. Auch Lessing war ein ganz in Büchern eingesponnener, dem Leben fernstehender Jüngling gewesen. Aber die Augen waren ihm aufgegangen. „Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nie zu einem Menschen machen", schrieb er in dem gleichen Jahr, in dem „der junge. Gelehrte" aufgeführt wurde, seiner Mutter. So vollzog sich bei Lessing eine Entwicklung, deren Grossartigkeit vor allem darin besteht, daß aufgeschlossenes tätiges Menschentum, frohe Teilnahme an Welt und Leben sich mit einem unermüdlichen, erobernden Lernen und Forschen vereinigt. Aus dem Studenten, der sich lachend von dem Staub einer unfruchtbaren Scheingelehrsamkeit befreit hatte, ward der Mann, der sich entdeckend und anregend die weitesten, verschiedenartigsten Gebiete geistigen Schaffens zu eigen machte. Der Spötter, der sich und anderen das Zerrbild des Büchernarren vor Augen gestellt hatte, ward der unvergleichliche Freund und Kenner der Bücher, der große Bibliothekar, der mit Scharfblick unbekannte Schätze ans Licht hob. Wer das in seinem ganzen Umfang überschauen, wer neben dem Dichter auch den seiner Zeit weit vorauseilenden Denker und Forscher Lessing, erkennen will, der greife zu der nun abgeschlossen vorliegenden, vollständigen Ausgabe Lessings Werke in 25 Teilen. Deutsches Verlagshaus Bong} & Co. Professor Julius Petersen und Dr. Waldemar v. Olshausen haben sie in vieljähriger Arbeit herausgegeben, zusammen mit einer Eeihe von angesehenen Germanisten. Unter ihnen ist auch der unserer Gemeinde wohlbekannte Studienrat Dr. Albert Hirsch; er hat den wichtigen Band, der Lessings Schriften zur deutschen Sprache und Literatur enthält, herausgegeben, eingeleitet und erklärt. Von Albert Hirsch sind auch Vorarbeiten für ein Kegister geleistet worden, das gerade bei der erstaunlichen Weite von Leasings Gedankenwelt unbedingt notwendig ist. Nun liegen, von Waldemar von Olshausen geschaffen, die beiden Kegisterbände vor, eine erstaunliche Leistung von bleibendem Wert. Keine tote Gelehrtenarbeit, sondern Bücher, aus denen der bahnbrechende Kritiker, der Gelehrte von überwältigendem Wissen ebenso wie der Sprachforscher und Sprachschöpfer Lessing lebendig vor uns tritt. Wer auch nur ein ganz kleines Gebiet der geistigen Arbeit Lessings, seine Beschäftigung mit jüdischer Literat u r, betrachtet, der empfindet dankbar, was diekritische Ausgabe des Bong'schen Verlages mit ihren abschliessenden Registerbänden auch hier bedeutet: sie übermittelt ein unverfälschtes Bild von Lessings Liebe und Verständnis für jüdisches Schrifttum. Die Bibel hält ihn sein ganzes Leben lang in ihrem Zauber. Er studiert und beherrscht sie nach Sprache und Geist, nach ihren kleinen und großen Zügen. Der Kämpfer und Wahrheitssucher Lessing verlangt eine philologische Bibelkritik auch deshalb, weil sie dazu führt, sich immer wieder in die heilige Schrift zu vertiefen. Einwürfe gegen biblische Dinge sind ihm nicht Einwürfe gegen die Religion. Aber dieses Forschen im Sinne der Aufklärung erfolgt bei Lessing voll Wärme und Ehrfurcht für das ewige Buch; er ist stolz auf die geringe Arbeit, mit der er so am Tempel Gottes beschäftigt ist. Der Kulturkenner Lessing würdigt die Bibel als Geschichtsquelle. Der Erzieher des Menschengeschlechts betont ihren unvergänglichen Wert für die sittliche Bildung der Jugend: der Pädagoge soll den Kindern früh aus der Bibel das vermitteln, was ihren Einsichten und Umständen angemessen ist, und soll so aus der heiligen Schrift die Grundlage aller Religionen schöpfen. Früh erschliesst sich dem künstlerisch und dichterisch empfindenden Lessing die Schönheit und die Weisheit des biblischen Schrifttums. Als der 14jährige Schüler in der „Glück - wünschungsrede" auf das Jahr 17-13 dem Vater entgegentritt, der glaubt, dass die Menschen immer schlechter werden, und als er demgegenüber den Gedanken ausführt, dass die Menschen und die Zeiten sich gleichbleiben, da beruft sich der frühreife Knabe auf den Prediger Kohelet, „einen Zeugen, durch den der Geist der Wahrheit redet, den König, dessen Weisheit nicht nur ehemals die Welt bewunderte, sondern welchen auch jetzt noch Juden und Christen in tiefer Ehrerbietung verehren." Der gereifte Mann, der nun auch kritisch forschend die Bibel betrachtet, empfindet bei der Besprechung eines zeitgenössischen Gedichts, das sich seinen Stoff aus dem Buch Kohelet geholt, mit derselben Wärme die Unvergleichlichkeit des Orginals, „die edelen Bilder, die tiefsinnigen Anmerkungen über der Menschen Tun und Lassen und die vortrefflichen Lebensregeln, die man ini den „Sprüche n", in dem „Predige r" und in den, übrigen Büchern antrifft, welche gemeiniglich dem S a 1 o - m o n zugeschrieben werden." Lessing beschäftigt sich immer wieder mit dem Buch H i o b, mit den Propheten, mit allen Büchern der Bibel; sie ist und bleibt neben den Schriften der Antike die Grundlage seiner Bildung. Der Theologe und Sprachforscher Lessing hebt immer wieder die Wichtigkeit einer Kenntnis des, Urtextes hervor. Der Sammler und Bibliothekar geht der Verbreitung der Bibel in den verschiedensten Sprachen nach, er macht mit wichtigen

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