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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-06-01 · 10 (6.1935) · p. Seite 378

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
10 (6.1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 378 (sequence 4)
Language
German
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Seite 378 durch Propheten sich je und je offenbart haben, einein Volke ist es nicht früher und nicht später jemals widerfahren. Für dieses Volk war es die Geburtsstunde seiner Religion, und auf die Ueberlieferung dieses Erlebnisses von jenem Geschlecht, dasam Sinai stand, durch alle folgenden Geschlechter gründet ein Jehuda Haie vi den Glauben an die religiöse Wahrheit, zu der er sich bekennt. Und die Offenbarung vom Sinai hat nicht nur Israel den Weg erhellt: sie ist die wahre Welten wende, das größte Geschehnis der Weltgeschichte, die als solche erst von da ihren Ausgang nimmt. Welcher Art ist nun diese Offenbarung? Sie ist keine Selbstenthüllung einer Gottheit. Eben daß der Ewige, ewig Unsichtbare unter keinem Bilde und unter keinerlei Gestalt dargestellt und verehrt sein will, ist eine seiner ersten Forderungen (2. Gebot). Aber auch was er hören lässt, verrät nichts von seinem Wesen. Wenn er nicht einmal seinem treuesten und demütigsten Knecht verstattet, seine Herrlichkeit zu schauen — „denn kein Mensch schaut mich, der da lebet" —, wie sollte er's einem ganzen Volke vergönnen? Selbst was das Volk von Gottes „Wegea", von seinem Walten in der Geschichte erfährt, ist nichts, was ihm vollkommen neu wäre; ausdrücklich an Bekanntes und Erlebtes knüpft es an: „Ich bin der Ewige dein Gott, der ich dich aus dem Lande Aegypten herausgeführt habe, aus dem Hause der Knechte". Was Er in Wahrheit offenbart, das ist: Seinen Willen, wie Er ihn im Gebot und Gesetz, in einem immer, wiederholten „du sollst" und „du sollst nicht" in eindeutig klaren, denkbar knappen und unvergleichlich wuchtigen Worten kundtut. Nicht was oder wo oder wie Er ist, sondern was dies Volk, das da am Fusse des Sinai steht, sein oder werden soll, ist hier in zehn lapidaren Sätzen wie in Stein gehauen: ein Reich von Priestern und ein heilig Volk, d. h. eine religiöse Gemeinschaft, um dem einzigen Gotte im Geist zu dienen, seinen Namen zu heiligen, seinen Sabbat nach göttlichem Vorbild zu feiern: eine sittliche Gemeinschaft zugleich, in Ehrfurcht vor Vater und Mutter und in Achtung vor den unveräusserlichen Gütern jedes Menschen, seines Lebe n s, seiner Familie, seines Eigentums und seiner Ehre bis in unser geheimstes Fühlen und Begehren. So stellt sich die göttliche Offenbarung als göttliche Gesetzgebung heraus, und in dem zweiten Namen unseres Festes „S'man mattan taurosenu wird das Gesetzais Kern der Thora begriffen. Von liier aus lässt sich die Kennzeichnung der jüdischen Religion als Gesetzesreligion rechtfertigen. Nur darf man unter Gesetz nicht allein die kulturellen und rituellen Vorschriften verstehen und darf nicht vergessen, daß der Glaube an Gott Voraussetzung, Grundlage und Ausgangspunkt aller Gebote ist. Gerade das Judentum spricht nicht von den „zehn Geboten", sondern von den „zehn Gottesworte n", weil das erste kein Gebot, sondern die Kunde vom Dasein eines gerecht und gütig waltenden persönlichen Gottes ist. Die Anerkennung der sinaitischen Gebote bleibt das Fundament jeder menschlichen Gemeinschaft, so sie dauern will. Alle Versuche, andere Grundsätze an ihre Stelle zu setzen, sind zum Scheitern verurteilt. Aber es ist nicht zu verkennen, daß sie sich zunächst an Israel, und nur an dieses wenden. Das „du", das hier angeredet und dem Dauer verheissen wird wie etwa in dem Satze „auf daß du lange lebest in dem Lande, das der Ewige dein Gott dir gibt", meint das Volk, das Gott aus der Knechtschaft Ägyptens befreit hat. Damit stehen wir vor der Tatsache, daß Gott unser Volk als einziges unter den Völkern der Erde auserwählt hat, ihm seine Offenbarung zuteil werden zu lassen. Warum gerade dieses, ein kleines, schwaches, noch dazu semitisches Volk? Die Antwort, die man zuweilen liest und hört, er habe gerade das widerspenstigste und schlechteste Material sich ausersehen, um seine Macht daran zu erproben, mutet seltsam an — wer käme wohl auf den Einfall, die Griechen seien mit Kunst, Wissenschaft und Philosophie begabt worden, weil sie sich hierfür am wenigsten eigneten? Wir müssen es schon Gott selber überlassen, weshalb er gerade diese Wahl getroffen hat, indessen wird's die Welt uns nicht verübeln, wenn wir darin mit Mose einen Beweis für Gottes Liebe und für die Treue sehen, die er dem mit den Vätern geschlossenen Bunde hielt (V. Mose 7,7). Daß die recht verstandene Auserwählung Israels kein Anstoss für die anderen Völker zu sein braucht, ist von jüdischer Seite schon viele Male mit guten Gründen dargelegt worden. So oft der jüdische Mann an Werktagen, Sabbaten und Feiertagen zur Thora herantritt, preist er Gott, der uns dadiirch vor allen Völkern erwählt hat, daß er uns seine Thora gab. Es wird ihm dabei immer von neuem zum Bewusstsein gebracht, daß er sich nicht einer Auserwählung seines Volkes schlechthin zu rühmen, sondern für die ihm gewordene Gnadengabe einer Thora, einer „Weisung" zu danken habe. Diese Weisung aber ist eben nicht bloß eine religiöse Wahrheit, Lehre oder Bekenntnis, auch nicht ein bloßer Glaube, sondern verpflichtendes Gebot. Gottes Gebot zu erfüllen in einem Umfang und mit einem Ernst, wie er von keinem andern Volke gefordert wird, darin beruht die Erwählung zum Gottesvolke. Die Thora selber drückt den Gedanken mit dem Gleichnis von einem Bunde aus, den Gott auf Grund der beiden „Tafeln des Bundes" mit dem Volke damals und noch für seine spätesten Geschlechter geschlossen hat. In der Sprache des Jesaja: „Dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der Ewige: mein Geist, der auf dir ruht, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Kinder und aus dem Munde deiner Kindeskinder, spricht der Ewige, von nun an bis in Ewig- Jceit". Dieser Bund bindet jeden, der von einer jüdischen Mutter' geboren ist, vom ersten Tage seines Lebens an, er gibt aber auch jedem lebenslang das Gefühl der besonderen Verbundenheit mit Gott und damit ein unvergleichliches Gefühl der Geborgenheit. Aus solchem Gefühl heraus konnte ein Psalmendichter singen: „Wäre Gott nicht mit uns gewesen, spreche Israel, wäre Gott nicht mit uns gewesen, als sich Menschen wider uns erhoben..." Gewiß, der Bund, dem Gott die Treue hält, Israels Untreue kann ihn brechen; und wie in .alten Zeiten die Propheten, so haben später Weise und Rabbinen oft genug mahnend und drohend ihre Stimme erhoben wegen der Sünde wider den Geist, auch wider die Worte des Bundes. Aber auf's ganze gesehen, hat die jüdische Gemeinschaft unter unsäglichen Opfern an Gut and Blut, unter heroisch erduldeten seelischen Martern den „alten Bund" gewahrt 1 1 1 1 p Die Frankfurter Bank, Neue Mainzerstrafye 69 gegründet 1854 Tel. 20901 übernimmt die Ausführung aller bankmässigen Geschäfte Spareinlagen gegen Sparbuch Hinterlegungsstelle für Mündelvermögen

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