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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-05-01 · 9 (5.1935) · p. Seite 368

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
9 (5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 368 (sequence 30)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt "_Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 9___MAI 1935 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgasse 146, zu richten. Uber die Glaubensformen der jüdischen Jugend Obwohl wir diese Einsendung aus Gründen ihres Inhalts und ihrer Form nur mit Vorbehalten billigen, stellen wir sie in unserer Beilage „Jugend und Gemeinde" zur Diskussion. Die Schriftleitung Wenn wir an dieser Stelle sprechen, so deshalb, weil das zusagende gesagt werden muß: in dieser Situation der jüdischen Jugend, heute und jetzt. Zuvor: Wir sprechen von dem Teil der Jugend und jungen Generation, der nicht aus konservativem Hause kommt, der keine weittragende Tradition in sich trägt und der auch keine heute gültige „religiöse Praxis" annehmen kann, die in fester Form auf ihn gekommen ist. : Man hat heute schon in den weitesten Kreisen erkannt, daß ein Einordnen dieser Jugend in bestehende Formen (Liberalismus, Gemeindekonservatismus, Orthodoxie und Schattierungen) unmöglich ist, ja eine Unsauberkeit wäre, denn man würde diese Mensehen zur Lüge vor sich selbst führen. Der Weg zur „gefüllten" Synagoge ist also kein Weg. Und kein Ausweg! Wie gesagt: dies alles ist schon erkannt, ja wir geben fast nur Bericht des Erkannten. Doch wie sieht der wirkliche Weg aus? Wir können hier nicht von einer Gruppe aus sprechen. Denn hier gibt es keine Gruppen und Verbände. Es gibt nur, quer durch die Bünde hindurch, einige Menschen, die zu einem Glaubenserlebnis durchgedrungen sind. Franz Rosenzweig sagt einmal in „Die Schrift und Luther", dass es immer wieder Generationen gibt, die die SCHRIFT neu, ursprünglich erleben. Wir haben hier Menschen vor uns,, die die SCHRIFT neu erlebt haben und deshalb auch zu neuer Gestaltung drängen. Menschen ohne religiöse Belastung (in ihrem vollen Ernste) erlebten die SCHRIFT neu und beginnen den Weg nach neuer Form zu gehen, wie sie ihn vor der Wirklichkeit ihres bisher gelebten Lebens und ihrem Erlebnis der SCHRIFT ehrlich erleben können. Die Formen, die heute noch tradiert werden, werden geprüft, abgewogen, erfüllt oder verworfen. Richtstab kann nie die „Notwendigkeit" einer Form, sondern nur die volle Verantwortlichkeit sein. Suchen nach der Form ist aber nur möglich, jüdisch nur möglich, wenn sie in Gemeinschaft geschieht. Nicht der Einzelne kann eine wirklich verantwortliche Form leben (sagen wir den Schabbat) sondern nur in Gemeinsamkeit kann .sie erfüllt werden. Hier beginnt die Gefahr, auf die dieser Artikel liinweisen will: Es bemühen sich in den einzelnen Bünden Menschen darum, eine für ihre Gruppe mögliche Form zu finden. Und das ist die Gefahr der Sekte. War vorhin davon die Rede, daß es eine Unmöglichkeit ist, daß der Eine religiöse Form verwirklicht, so ist es eine Unrichtigkeit,wenn einzelne Gruppen, die Menschen derselben Generation umfassen, versuchen, eine religiöse Form zu finden, gleichgültig was in dem anderen Bund geschieht. Wir bekämen so eine religiöse Form des B. d. j. J., des Verbandes, der einzelnen zionistischen Bünde . Da die Menschen, die diese Bünde erfassen, im Grunde alle derselben Problematik ausgesetzt sind, ist es falsch, dass jede Gruppe, mit den wahrhaftig nicht stark zur Verfügung stehenden Kräften, selbst eine Lösung versucht. Es bedarf also eines Kreises, der all diese Menschen vertritt, eines Kreises, der sich zusammensetzt 1.) aus den Menschen mit religiösem Erleben, gleichgültig welche Stellang sie sonst in den Bünden haben und 2.) der Menschen, die für die Bünde und aussenstehende Gruppen junger Menschen verantwortlich sind. Dieser Kreis von Menschen muß geschaffen werden. Die Gefahr, daß die politische Gespaltenheit auch auf die letzten Fragen übergreift und so aus falsch entstehender Kompetenz Lösungen versucht werden, ist ungeheuer. Die religiöse Spaltung, die sich hieraus bilden würde, wäre Wahnsinil und Verbrechen zugleich. Da in den einzelnen Bünden verständlicherweise bis heute in diesen Fragen noch wenig geleistet wird, und die Frage jetzt erst stärker in den Vordergrund drängt und Gestalt annimmt, Gestaltung will, ist jetzt die letzte Zeit. Wird dieser Moment versäumt, so kann er für immer versäumt sein, und die Jugend und junge Generation steht in kurzer Zeit auch noch vor einem Glaubens- und Glaubensformdillemna, das vielleicht die ganze Ehrlichkeit des Erlebens umwirft und eine Krankheit ohnegleichen schafft. Konkret: Wir glauben, daß der Jugendrabbiner dazu fähig sein sollte, diesen Kreis zu schaffen; trotzdem wir diesen Plan seiner Wesentlichkeit und Wichtigkeit halber nicht an eine Person haften möchten, so glauben wir doch, daß er in Manchem die Voraussetzung zur Verwirklichung bringen sollte. Wie gesagt: In dieser Stunde muß begonnen werden! Wolfgang Edinger Paul Frank Bund, Elternhaus und Schule In einem Augenblick, in dem sich die Schicksalsfragen unserer jüdischen Gemeinschaft entscheiden, in dem Augenblick, in dem das deutsche Judentum erschüttert und doch wieder durch seine eigene Kraft neu belebt wird, erscheint es müssig von einem Problem zu sprechen, das oft erörtert und doch nie zu einem endgültigen Ergebnis geführt wurde. Und "doch glaube ich, daß dieses Problem „Verhältnis der Jugend zu Erwachseneninstitutionen" sehr viel zur Klärung der inneren Situation im deutsehen Judentum beiträgt. I. Zunächst müssen wir die Frage .prüfen, was der Bund im allgemeinen überhaupt darstellt. Wir wollen es so ausdrücken: Der Bund ist organisatorisch der Zusammenschluss von Menschen ungefähr gleichen Alters. Politisch ist er Träger einer Idee, die er entweder von einer Erwachsenenorganisation übernommen und sie seiner Art entsprechend ausgebaut hat, oder die von ihm autonom ausgeht. Der Bund erstrebt in allen Fällen eine eigene menschliche Grundhaltung. Er hat sich seine eigenen Formen gesahaffen. Kunst, Kultur und gesellschaftliches Leben haben bei ihm eine gänzlich andere Bedeutung gewonnen wiebei unseren Eltern. Bei dem gesellschaftlichen Leben prallt der Gegensatz der Generationen am stärksten aneinander. Uns scheint das Leben der vorigen Generation nicht immer ganz wahr. Durch das große Gemeinschaftserlebnis der Fahrt, des Heimabends und des Zusammenseins unserer Kameraden wollen wir uns von den Anschauungen unserer Eltern frei machen. II. Iiier ist also der erste Trennungspunkt und woher kommt er?

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