Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 9 (5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 366 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 366 der Blüten und Blumenhälse, aus Sehnsucht nach Stil. Man könnte von lyrischer Schwermut oder von einer neuen Eomantik sprechen. Diese leise Wehmut gibt den Bildern die pikante Note. Sie ist echt. .Sie gehört zum Wesen von Ruth Cahn. * „Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein". Eosy Lilienfeld lebt in einer besonderen Welt. In der Wirklichkeit fast immer an einem Ort, in Frankfurt, ihrer Vaterstadt, im unwirklichen Leben der Kunst in Nord und Süd, Himmel und Hölle, im Grenzenlosen. Wie ein Arbeiter täglich trotz Wind und Wetter in seine Werkstatt geht, so Eosy Lilienfeld in ihr Atelier im Staedel. Meistens sogar zweimal im Tag. Dazusitzen mit dem Stift in der Hand und hinr inzuhorchen in sich selbst auf die Stimmen, die da lebendig werden durch die Anregung eines Buches oder das Gesicht einer Vorstellung bedeutet Lebensinhalt, zu gestalten, was man schaut: Lebensfreude. Diese Inbrunst ist es, die uns in Bann hält, wenn wir ihre Zeichnungen betrachten: der heisse Atem, der aus den Körpern aufsteigt, der Rhythmus, der anhebt und weiterschwingt von Gestalt zu Gestalt, von Blatt zu Blatt. Als ich sie das erste Mal in ihrem Atelier besuchte, hatte sie sich an die schwierigsten Motive des alten Testaments gewagt. Sie stand unter ihren großformatigen Bildern, ein kleines, scheues, blondes Mädchen mit weit aufgerissenen, blauen Kinderaugen, Schon damals war Emphase in all den grossartig gezeichneten Bildern, die beklommen machte. Ich bewunderte sie und hatte zugleich Angst, ob das zarte Geschöpf dem Ansturm der inneren Gesichte gewachsen sei. Es ging rasch bergauf mit ihr. Ugi Battenberg, ihr fürsorglicher Lehrer, verschaffte der Lebensungewandten den mittleren Saal des Kunstvereins für ihre erste Ausstellung. (Später konnten ihre Arbeiten im Kupferstichkabinett des Staedel dargeboten werden.) Und dann als eine Arbeit neben der anderen "-hing, zeigte sich die Fülle ihrer Einfälle. Sie hat den ganzen „Baalsehem" Bubers, die „Drei gerechte Kammacher" und das „Tanzlegendchen" Gottfried Kellers, Legenden von Allan Edgar Poe, den „Hiob" von Joseph Roth, die „Verwandlung" von Franz Kafka, chassidische Geschichten, den Sabbatai Zewi und ein Buch von Agnon illustriert. Auch Bilder stellte sie damals aus, ganz ihre Eigenart spiegelnd. Die Welt in Grau und Nebel gehüllt. Keine "Üppigkeit der Farben, keine in Sonne schimmernde Welt. Blasse Sterne und fahler Mond, überirdisches Licht, unser dunkles Dasein erhellend. Romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Die Dezenz des Grau führte sie zur Graphik und Illustration. Aber auch vom Geiste her, von der Substanz des Worts und der Biidkraft der Sprache aus, kam sie zur Sehwarzweisskunst. Rosy Lilienfeld weiss von einer Welt, die hinter den Träumen ist. Die wirklichen Dinge, die Gegenstände, der Raum und das Licht, sind klar und wahr in ihren Zeichnungen, doch ihre Beziehungen zueinander sind visionär, aus Ahnung geboren. Etwas von dem extatischen Geist chassidischer Schwärmerei webt in diesem eigenartigen Künstlertum unserer Zeit. Ein bekannter jüdischer Schriftsteller schreibt zu dem soeben erschienenen ersten Band ihrer „Bilder zu der Legende des Baalschem" (R. Löwit-Verlag, Leipzig und Wien) in der ungarischen Zeitschrift „Mult. Es. Jovo": „Es ist die Pflicht der jüdischen Welt solcher Gestaltung durch aktives Interesse den weiteren Weg zu ebnen und durch eine Resonnanz, die sich nicht auf die platonische Gebärde beschränkt, in der Künstlerin den Mut zu weiterem Schaffen zu stärken. Wir sind nicht so reich mit jüdischen Künstlern gesegnet, als daß wir es uns leisten könnten, dieses Stück wirklicher, jüdischer Kunst zu übersehen". Möge seine Mahnung gehört werden. * Auch bei Amalie Seckbach strömt die Begabung aus der Intuition. Sie erzählt mir bei einem Besuch in ihrem Atelier auf meinen Wunsch hin ihren Lebenslauf. Ein verträumtes Kind in der Schule, das gerne Geschichten erzählt, kein Interesse am Zeichenunterricht hat, aber aus Spielerei Figuren aus Wachs und Stearin knetet. Erstes, primitives Anzeichen eines Gestaltungstriebes. Später, in ihrer Ehe mit einem Architekten, Avird ihr Tasten nach Kunst intensiver. Sie lernt ostasiatische Kunst kennen und sammelt aus Bewunderung für das Ursprüngliche eifrig japanische Holzschnitte und chinesische Plastik. 1922 stirbt ihr Gatte.. Sie ist einsam. Plötzlich modelliert sie, die Frau in den fünfziger Jahren, ohne je das Technische der Bildhauerei erlernt zu haben. In Entrückung entstehen Köpfe, Plaketten und Masken, über die sie selbst erstaunt ist. Ein visionärer Vorgang! Sie gestaltet weiter, sich immer leidenschaftlicher der Arbeit widmend. Diese in Ton, Plastolin und Bronze geschaffenen Inspirationen gehen auf unbewusste Eindrücke aus aegyptischer, klassischer und ostasiatischer Kunst zurück. Es sind Frauenköpfe mit zartem Ausdruck, aus tiefen Augenhöhlen melancholisch blikkende Greise, Mädchen- und Jünglingsbüsten von süsstrauriger Gläubigkeit und Sehnsucht und grotesken Fratzen mit lüsternen Mäulern und weitgeöffneten, gierigen Nüstern. 1929 reist Frau Seckbach nach Belgien. Dort lernt sie den bedeutenden Maler E n s o r kennen. Er ist entzückt von ihrer Kleinplastik und stellt sie zusammen mit seinen Bildern in Brüssel aus. So wird sie schon bei ihrer ersten Schau von der Presse des Auslands vollwertig behandelt und später wiederholt aufgefordert, in den westlichen Hauptstädten auszustellen. Ein Jahr darauf fängt sie, angeregt durch Michelangelos „Jüngstes Gericht" zu malen an, mit derselben naiven Unbekümmertheit, mit der sie ohne Erlernung des Handwerklichen modelliert. Und wirklich: es werden Aquarelle, Pastelle und Oelbilder geboren, die Färb- und Raumsinn zeigen, vor allem die Blumenstilleben. Ob es hochaufragende, dunkle Äste mit starkroten Beeren sind, eine niedrige Vase mit ein paar Veilchen, sonnendurchtränkte, gelbe Blütenzweige oder schlingpflanzenartiges, grünes Gezweig: immer ist eine sensible Frauenhand spürbar, die ihren an Ostasien geschulten Geschmack beweist. Auffallend ist ein lebensgroß gemaltes Mädchen in rötlichem Gewand mit gelbblonden Haaren und türkisblauem Turban: das Gesicht geisterhaft bleich. Wie ein Ensor! Man fragt sich: liegt, hier Wahlverwandschaft vor oder die mimikryhafte Einfühlungsfähigkeit der Frau in die von ihr verehrte Welt eines Künstlers? Sieht man Amalie Seckbach vor sich: diese rundliche, mütterliche, fast matronenhafte Gestalt, so könnte man sie bei oberflächlicher Betrachtung für eine behagliche Bürgersfrau halten. Aber die Augen sind jung und weit geblieben. Da lodert das Feuer, das diese künstlerische Leistung heizt und diesen Menanfacht von Werk zu Werk. Dr. Sascha Schwabacher Öotbsommer-Xleider, ßofysommer-Complets Wissen, Kinder-Kleidung in grosser Auswahl — für jeden Geschmack — in jeder Preislage LIEBFRAUENSTRASSE 6 6. Steffel