Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 9 (5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 365 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Atelierbesuch bei Frankfurter Künstlerinnen Am längsten kenne ich Erna Pinner von den vier Frauen. Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich sie zuerst sah. Das „geistige Frankfurt" traf sich damals auf Atelierfesten „über den Dächern" unserer Stadt. Sie stammt aus gutbürgerlichem Hause, ist ohne Not und Zwang aufgebrochen zu Studium und Arbeit in einen freieren Lebensbezirk. Zuerst studierte sie bei Louis Corinth in Berlin, dann in der Akademie Ransson zu Paris. Schon ihre ersten Arbeiten, die Kultur atmeten, fanden Anklang und Freunde. Bald entdeckte sie, nachdem sie sich mit der menschlichen Gestalt und der Landschaft beschäftigt hatte, das edle Spiel des bewegten Tierkörpers für ihre Darstellung. Sie machte Studien über Studien nach dem lebendigen Modell, besuchte zoologische Gärten aller Städte, durch die sie reiste, wie diese Frau überhaupt immer viel arbeitete. Ein so starkes Können will erkämpft werden. Was aber nicht durch Fleiss zu erwerben ist und ihr eigenstes Talent bedeutet, zeigte sich schon in den frühen Zeichnungen: die Fähigkeit, die realistischen Erscheinungen des Daseins zu stilvollem Gebilde zu verschmelzen, hinter dem doch die Erfassung des Lebendigen und Wirklichen spürbar ist. Diese Kunst, Leben in rhythmische Arabeske einzufangen, führte sie mit Konsequenz zur Graphik, zum Plakat. Hier konnte sie mit ihrer Begabung zum dekorativen Flächenaufbau im Zwei- und Dreifarbendruck schöne Erfolge erzielen. Einfühlungsfähigkeit, Leichtigkeit und Sicherheit der Hand waren Erna Pinner von Natur gegeben, um die technischen Gegebenheiten des Buchschmucks schnell zu beherrschen und sich so persönlich in diesen angewandten Arbeiten auszudrücken wie in den vorangegangenen, freien Zeichnungen, Radierungen und Lithographien. So hat die Künstlerin ein halbes Dutzend Bücher illustriert, darunter einige Luxusdrucke und Reisebücher, eine jüdische Lesefibcl, einen Gedichtband Klabunds und ein Propagandawerk für unseren zoologischen Garten. Daneben gab sie eine selbstverfasste, märchenhafte Satyre unter dem Titel „Das Schweinebuch" heraus. Erna Pinner will, was sie kann und kann, was sie will. Sie ist ein Mensch, der sich in einem ihm adäquaten Bezirk bewegt. Weit ist sie in der Welt herumgekommen, in alle Länder Europas und darüber hinaus nach Kleinasien, Afrika und Südamerika. Nicht nur als Weltkind geniessend, sondern mit dem Fotoapparat, dem Zeichenblock -und Füllfederhalter, Strapazen und Schwierigkeiten nicht scheuend. Ganze Serien von Fotographien und Zeichnungen -entstanden auf diesen Fahrten. Am wärmsten zeigt sich ihre kräftige und tüchtige Persönlichkeit in den Lithographien zu einem Indianerbuch, das in dem Verlag der Darmstädter Presse erschien. Mit knappen und sumarischen Strichen ist doch die ganze trächtige Animalität dieser wilden Männer, Weiber und Tiere festgehalten. Es hat Charme, mit Erna Pinner in ihrem Atelier zu plaudern und dabei die Augen durch den Raum gleiten zu lassen, der durch ihre neuesten Linoleumschnitte und exotische Kunstsachen reiches Leben hat. Ich freue mich an einem plastischen Krokodil STICKEREIEN in Hand- und Maschinenarbeit Hebräische Schriften, Monogramme, Fahnen, Hohlsäume, Knopflöcher, Plissee. Anfert. compl. Ausstattungen in Näh- und Stickarbeit. D. WEISSENSEE!ÄS'M',Stok Es kommt nicht darauf an, glücklich zu leben, sondern alles Menschliche zu erschöpfen und sein Schicksal zu vollenden. Caroline von Humboldt aus glattem Ebenholz, das ich wie eine Katze in den Arm nehmen darf, an asiatischen Schattenfiguren, goldenen Indianermasken und javanischen Batikstoffen und erinnere mich an Schilderungen aus ihrem Buche „Ich reise durch die Welt": an Sachliches und Amüsantes, Buntes und Einfarbiges, an Frauen, Männer und Kinder, Extravagantes und Ewigmenschliches. Auch Ruth Cahn lebte längere Zeit in Paris. Auch sie ist eine schlanke, mit Farbsinn gekleidete Dame, die viel von französischer Kultur in sich aufgenommen hat. Die Räume, in denen sie wohnt und arbeitet, sind von subtilem Geschmack; ererbtes Mobiliar von Eltern und Vorfahren, Sessel aus schwarzer Seide mit Gold und ein edelsteifes Sopha und ebensolche Stühle mit großblumigen, alten Chintzbezügen. Man glaubt, die Zeitseistillgestanden. Ruth Cahn passt in diese Zimmer, in die Traditionsgebundenheit dieser Umwelt. Die stilvolle Haltung der Möbel scheint ihrem künstlerischen Formsinn wohlzutun. Sie ist viel zu Hause, trägt nicht leicht am jüdischen Schicksal, eine Frau mit spanischem Einschlag im Blute, eine Sef ardin. Wenn sie schwarze Kleider trägt und bleich ist, sieht sie wie ein Bild eines altspanischen Malers aus. — Auch sie ist in Frankfurt geboren. Sie studierte zuerst in München bei Feldhauer, später in Paris bei Van Dongen und Othon Friesz. Als ich das erste Mal zu ihr ins Atelier kam, ungefähr 1920, stand die soeben vollendete Aktstudie eines Negers auf der Staffelei, ihre erste, selbständige Arbeit: die braune Gestalt plastisch hervorgehoben bei aller malerischen Betonung der Farben. Aus derselben Zeit stammt ihr lebensgroßes Selbstportrait in Zinnober, ganz auf starke Kontrastwirkung und dekorative Ornamentik aufgebaut. Auf dieses kühne, fast das Plakat streifende Werk folgte eine Reaktion: eine Freude an feinen Nuancen, an dezenten Details. Voll Süssigkeit ist das Bildnis eines jungen Mädchens mit leuchtendem, fein geädertem Inkarnat in einer Symphonie von hellen Tönen, unter denen ein renoirhaftes Blau blüht. Auch andere Arbeiten, Frauenportraits mit dem Ledern- Leblosen zu stark geschminkter Haut fallen in dieselbe Periode subtiler Koloristik. Das Gestalten der Künstlerin geht immer von der Farbe aus. Ruth Cahn war in den Frankfurter „Künstlerbund", der fortschrittlichsten Vereinigung unserer Stadt, als aktives Mitglied aufgenommen, — eine Ehre und Auszeichnung damals für einen weiblichen Künstler. So konnte man bei den Frühjahrs¬ und Herbstausstellungen regelmässig ihre Bilder neben den Werken der vorwiegend männlichen Collegen sehen: Portraits, Blumenstüleben und Landschaften, die südliche Gärten und üppige Parkanlagen mit tropischer Vegetation in teppichhafter Verwobenheit boten. Am klarsten kam ihre Begabung in einer Kollektivausstellung der „Gedok" zur Geltung, die vor ungefähr drei Jahren stattfand. Die Auswahl der Werke war ausgezeichnet, jedes einzelne besonders gut gehängt. Zum ersten Mal wurde die einheitliche Handschrift der Künstlerin evident, unter kräftigen und zarten Farben eine gemeinsame Stilgebung erkennbar: in den Portraits und Bildnissen ein leichtes Neigen der Köpfe, verbunden mit resigniertem oder verzücktem Ausdruck in den Gesichtern und Gebärden. Auch die Äste der Pflanzen und die Stengel der Blumen zeigten dieselbe charakteristische Linienführung, eine sanfte Biegung nach der einen Seite hin oder sogar eine abrupte Knickung oder Brechung