Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 9 (5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 354 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 354 Annette Merholm: Gedichte und Spiele. Verlag Orell Füßli, Zürich und Leipzig. In einem gut ausgestatteten Bande erscheinen im obigen Verlage Gedichte von Annette Merholm. Drei Spiele (der Tod und die Liehe, das Lied vom Erbarmen, Totentanz) bilden den Abschluß. Die in ungekünstelter, von Verzerrungen, Verrenkungen und Verkrampfungen freien Sprache geschriebenen Gedichte sind Ausdruck eines tiefen Erlebens und einer starken Sehnsucht. Im Grunde sind sie mehr oder weniger durch die Erkenntnis jener Wechselwirkungen bestimmt, die zwischen Mensch und Natur vorhanden sind. Sie bilden einen harmonischen Gleichklang, sei es, daß sie Natur stimmungerweckender Faktor ist, sei es, daß seelische Empfindungen in die Aussenwelt hineinprojiziert werden. In beiden Fällen sind in den Merh olmsehen Gedichten Harmonie und sinn- und gefühlsvolle Synthese erreicht worden. Damit ist einiges vom Rhythmus, vom Gehalt dieser naturgebundenen Lyrik gesagt, nur das Lesen in ruhiger, besinnlicher Minute wird uns ihr Letztes an Sinn und Wollen erschliessen, wird zeigen, wie sehr Seele und Aussenwelt hier sich begegnen, sich durchdringen und sich vereinen. Dr. Max Salomon Das Atlantis-Buch der Musik In einer Betrachtung der Entwicklung der musikalischen Kunst kann das Jüdische nicht ausser Acht gelassen werden. Die vorliegende neue Musikgeschichte des Atlantis—Verlages widmet ihm einige beachtenswerte Seiten. Es ist ja so, dass das alte Testament, namentlich die Psalmen und das Hohelied, den verschiedensten Komponisten aller Zeitalter zur textlichen Vorlage gedient haben. Schon die lateinische Motette der Zeit der a—capella—Chöre hat althebräische Poesien vertont. Orlando di Lasso und vor allem Palestrina müssen genannt werden, der neben einer Anzahl Psalmen auch die Klagelieder des Jeremia in Musik setzte. In diesen Psalmen waren Wechselgesänge und Refrains, wie „Denn seine Güte währet ewiglich" im 136. Psalm, sehr beliebt. Von Musikinstrumenten kamen besonders Harfen und Cymbeln zur Anwendung. Dieser chorische Wechselgesang, dessen Ursprung aus dem Judentum nicht zu leugnen ist, wird in der späteren Entwicklung unserer Kunst immer häufiger, bis dann schliesslich Papst Gregor der Große um das Jahr 600 die in bunter Menge vorhandenen Melodien sammelte und in dem sogenannten „Gregorianischen Gesang" eine einheitliche musikalische Liturgie schuf. In den folgenden Jahrhunderten traten Juden wiederholt in der Musik'auf den Plan; von großer Bedeutung ist der um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts am Hofe zu Mantua lebende Salomone RossL, der neben einem großen Chorwerk auch die Musik zu der Oper „Maddalena" von Andreini geschrieben hat. Das Schaffen jüdischer Tonkünstler wurde jedoch stark behindert, und erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts traten wieder jüdische Tonkünstler an die Oeffentliehkeit. Aus der. Fülle der Komponisten ragt Felix Mendelssohn-Bartholdy hervor, dem der virtuose Komponist einiger berühmter Klaviersonaten, Ignaz Moscheies, zur Seite tritt. Auch der farbenfreudige Karl Goldmark gehört dieser Epoche an, der mit seiner Oper „Die Königin von Saba" und anderen Werken große Erfolge erzielte. Eine andere Richtung repräsentiert Giaeomo Meyerbeer. Als Schöpfer einer mehr parodistisehen Abart verschafft sich der Kölner Kantorssohn Jacques Offenbach einen bedeutenden Namen. Jüdischen Ursprungs ist auch Gustav Mahler. Als Vertreter des musikalischen Expressionismus erweist sich Arnold Schönberg. Einerder fruchtbarsten jüdischen Komponisten der Gegenwart ist Darius Milhaud. Auch an der praktischen Musikausübung haben Juden in allen Zeiten großen Anteil gehabt, wie nicht nur der hohe Prozentsatz jüdischer oder aus dem Judentum hervorgegangener Dirigenten als auch der Virtuosen der verschiedensten Instrumente zeigt. Diese und viele andere Tatsachen vermittelt das Atlantis-Buch der Musik, das denen, die sich mit der Geschichte der Musik vertraut machen wollen, aufs wärmste empfohlen werden kann. Dr. B. Zu Kompositionen eines jungen jüdischen Musikers HerbertFromm, ein geborener Bayer, 30 Jahre alt, unter anderem Schüler der Meisterklasse für Komposition an der Münchener Akademie der Tonkunst, die der zu früh verstorbene feinsinnige Komponist Walter Courvoisier leitete, dann Theaterkapellmeister in Bielefeld und Würzburg, nun, wie so viele junge Künstler, aus der Bahn geworfen, legt eine Anzahl Kompositionen vor, Orchesterwerke, Chöre, Lieder, Kammermusik und, vor allem wichtig und wertvoll, Bearbeitungen von Volksliedern aller Länder: 30 Volkslieder europäischer Länder, 30 deutsche Volkslieder und als letzte grössere Arbeit das „Opus Judaicum". Der Komponist schreibt selbst über dieses überaus bemerkenswerte Werk: „Dieses abendfüllende Werk verarbeitet — teilweise in ganz freier Form —t Lieder der Juden Ost-Europas und Palästinas. Es gliedert sich in Chöre mit Vorsängern und Klavier (oder Instrumente), Frauenchöre, Sololieder, Duette, Jugendchöre (mit Geigen), Klavier- und Orchestermusik. Den Abschluss bildet eine Hymne für Massenchor, Orgel (evtl. Orchester) und Trompeten. Das ganze Werk kann evtl. auch nur mit Klavierbegleitung ausgeführt werden, doch sind je nach Möglichkeiten und Eignung auch Streich- und Blas-Instrumente, Streichorchester oder freie Zusammenstellung zu denken. Jedes Stück des Werkes ist in sich abgeschlossen und kann auch einzeln aufgeführt werden. Inhaltlich wurde ein möglichst umfassendes Bild vom jüdischen Volksleben erstrebt, das gerade im Osten durch die niemals unterbrochene Verbindung mit einer heiligen Tradition und Durchdringung des täglichen Lebens mit religiösen Elementen noch bis in unsere Zeit schöpferische Gestaltungen in Lied und Wort hervorgebracht hat." Die üblichen Bearbeitungen jüdischer Volkslieder haben sehr oft den Fehler, dass sie aus diesen meist einfachen, schlichten, gemütstiefen oder sehr humorvollen Melodien, deutsch-romantische Lieder im Sinne von Brahms oder gefühlvollen Kitseh im Sinne von Franz Abt machen. Herbert Fromm, der, wie so viele junge Musiker, von der Jugendmusikbewegung herkommt, belastet diese Musik nicht mit der effektvollen harmonischen Schwere des 19. Jahrhunderts. Er will — das leuchtende Vorbild aller dieser Jungen ist Hindemith — weg von der Gesellschaftsmusik, weg von der „dicken" Musik der Vätergeneratiön, er schreibt einen ganz durchsichtigen, zum Teil pylophon gehaltenen und sehr gut klingenden Satz, der nicht aus Füll-, sondern aus linearen Melodiestimmen besteht. Die reine absichtslose Sphäre des Volksliedes ist nicht gestört, sondern möglichst in einer künstlerisch gültigen Form dargeboten. Fromm ist zur Zeit in Frankfurt am Main in jüdischen Musik Vereinigungen beschäftigt. Vielleicht nimmt sich auch das Berliner Kulturbund-Orchester der Kompositionen dieses (uud noch anderer jüdischer) Komponisten an; denn für die zeitgenössische Musik wird noch immer, besonders in Berlin viel zu wenig getan. Vorhanden ist sie. Es kommt aber nicht darauf an, ob das Publikum sie will. Die Besucher müssen dazu erzogen werden, neue Musik zu hören; dann werden sie sie allmählich auch verstehen und schätzen lernen, wie jede wertvolle Musik, die ja auch einmal „modern" war.— Dr. Oskar Guttmann-Berlin WolfNetter&Jacobi-UUerke Frankfurt a. M. Tal. 30026 Taunussir. 5 3nferate im A/flemefnfre* Waft"- ■M &effe Werbemittel META S IM EN AUER ^Äb*; Katharinenpforte 2!ikL>^ Moderne Handarbeiten Wolle