Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 9 (5.1935)
- Date
- 1935-05-01
- Page
- Seite 347 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094412-3094421--4659-3099457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 347 KAUFEN SIE ix^iv^i lin «JH. Qerrenwasc&e,Damenwascöe,KinderwasGlie,Krawallen,Bade-Ariikel,Strümpfe,Hondscbolie/Wollwaren/Modewaren im Spezialhaus Y)C IlTliUlll6 f^OttzbCUTI ZEIL 93 u. Stadt-Filialen Beschreibung, sondern die Quellen für eine solche gibt, so kann man an dem von ihm dargebotenen Stoff eine Betrachtung anstellen, welchen Einfluss und welche Wirkung diese Geschehnisse auf die deutsche Geschichtsentwicklung ausgeübt, haben und von welcher Bedeutung sie für den Verlauf der Geschichte des Judentums geworden sind. Unsere Aufgabe an diesem Orte muß sich naturgemäss auf einige Bemerkungen zu diesem Thema beschränken. Kobler beginnt sein Werk mit Berichten aus der Zeit von 1648 bis 1750, die er „das Ende des jüdischen Mittelalters" nennt, mit dem Zeitraum also, den man üblicherweise als das Zeitalter des Barock in der Kultur und Geistesgeschichte zu bezeichnen pflegt. In der Tat zeigen die von ihm angeführten Berichte, Briefe von Kaufleuten und Gelehrten, eine geistige Haltung, die der des europäischen Barocks auf das Auffallendste gleicht. Spinoza, aus dessen Briefwechsel mit Oldenburg und Fabricius Kobler einige der wesentlichsten Stellen anführt, ist einer der Vorkämpfer der europäischen Aufklärung geworden, der Chassidismus hat unverkennbare Aehnlichkeit mit der Mystik des deutschen Pietismus, diese Andeutungen mögen genügen, zu zeigen, wie irreführend das Wort vom jüdischen Mittelalter ist, das erst mit der Emanzipation beendet wurde. Denn wenn auch die Ghettotore erst nach der französischen Eevolution fielen, das was sich innerhalb -der Tore ereignete, war garnicht so verschieden von dem, was in dem weiteren Raum der europäischen Geschichte sich zutrug. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß die pseudomittelalterliche Form, in die eine starre Gesetzgebung die Juden wie andere soziale Stände zwang, den Geist der Zeit, der stets mächtiger ist als die Gesetze des Staates, von den Mauei'n der Ghetti ausgeschlossen hätte. So wie das jüdische Kunsthandwerk immer abhängig war von den Formen, in denen eine freiere Umwelt ihre Werke schuf, so ist die Geschichte der deutschen Juden im siebzehnten Jahrhundert mit der äusseren Umwelt „gleichzeitig" gewesen, wie die jüdische Geschichte im Galuth immer denselben Tendenzen unterworfen war und ist, wie die Geschichte der Völker, in der sie eingebettet war, was eine isolierte Betrachtung 'jüdischer Geschehnisse oft zu vergessen Gefahr läuft. Auch die Emanzipation der deutschen Juden mit ihren religiösen, kulturellen und sozialen Folgen wird man kaum verstehen können, wenn man sie nicht aus dem Ablauf der deutschen Geschichte heraus sieht. Sie vollzog sich im Anschluss an die geistige und soziale Emanzipation des deutschen Bürgertums im achtzehnten Jahrhundert. Während im siebzehnten Jahrhundert das Bürgertum durch die Kriege verarmt und politisch ohn- Rödlorr- Ehrmonn Ruf: Brüder- 43233 Gr immstr. 7 mächtig war, die deutsche Kultur ein höfisches und theologisches Gepräge trug, wurde im Jahrhundert der Aufklärung das Bürgertum die tragende kulturelle Schicht. Da der soziale Standort der Juden der des Bürgertums war, wurden sie von selbst mit dem Bürgertum emporgetragen. Die Geschichte der deutschen Juden ist bis zum heutigen Tag mit dem Schicksal des deutschen Bürgertums stets parallel gelaufen. Historische Entwicklungen sind nicht an Personen geknüpft, aber von Personen b e e i n f 1 u s s t. Es ist lehrreich bei Kobler zu sehen, wie sich die Befreiung des Bürgertums im jüdischen Raum, im jüdischen Menschen spiegelte, mit welcher Kraft und Inbrunst die Ideen des Zeitalters wie in einem Brennspiegel auf jüdische Menschen wirkten und durch jüdische Menschen wirksam wurden: wie der Kosmos Goethes, die Erkenntnisse der idealistischen Philosophie, der Zauber der Romantik, die Wunderwelt deutscher Musik, der Glauben der deutschen Wissenschaft, die Forderungen der deutschen Politik von Juden wie in silbernen Schalen aufgefangen, bewahrt und einer dankbaren Umwelt übermittelt wurden. „Der überströmende Eros der Emanzipation" erstreckte sich auf alle Gebiete deutschen Wesens und Wirkens. Es ist schwer, der Versuchung zu widerstehen, an Hand des von Kobler gebotenen Stoffes eine jüdische Geschichte des deutschen Geistes im neunzehnten Jahrhundert anzudeuten. Auch eine andere, hier näher liegende Betrachtung, lässt sich leicht an Kobler anschließen: eine Typologie des deutschen Juden zu geben: Der Bekenner, der Zweifler, der Gläubige, der Abtrünnige, der Geistige, der Künstlerische, der politische Mensch, sie alle können ihre Ahnen in dem Buoh von Kobler verzeichnet finden und es wäre ein leichtes Spiel, diese Stammbäume aufzustellen. Uns geht heute die Frage näher an, welche Bedeutung dieser so glänzenden Epoche jüdischer Geschichte in dem Gesamtablauf der jüdischen Geschichte zukommt. Ich glaube, daß zwei Momente es vor allem sind, die vor dem Gericht der Geschichte für das Jahrhundert der Emanzipation der deutschen Juden zeugen werden: die Entstehung und Entwicklung der Wissenschaft des Judentums und die Vorbereitung und Verkündung der Idee des Zionismus als einer politischen Forderung. So wie das deutsche Bürgertum im neunzehnten Jahrhundert als größte Tat deutschen Geistes sich in den großen Werken der Wissenschaft verewigte und dem lang erhofften Traum eines deutschen Reiches seine politische Form gab, so sind die Namen von Z u n z und H e r z 1 in dem Buch jüdischer Geschichte mit unauslöschlichen Lettern eingeschrieben. Man möge nicht einwenden, daß das Werk jener beiden Großen und ihrer Nachfolger angeregt und aufgebaut war auf Gegenkräften und Gegenforderungen zu den Grundtendenzen der Emanzipation; es ist gespeist und getragen von Ideen und Mächten, die aus der Berührung und Vermählung mit deutschem Geist und deutschem Wesen kamen. Denn ich glaube nicht, daß ohne die deutsche Romantik und Jakob Grimm das Werk von Zunz möglich gewesen wäre und ohne das deutsche Reich und seine Schöpfer die Forderung Herzls. Es mag heute schwer sein für einen jüdischen Leser des Buches von Kobler, sich nicht dessen zu erinnern, was deutsche Juden als Deutsche glaubten für Deutschland und die deut- ZerHroGliene FensterscIieilieB? Bildereinrahmungen Dann nur Glaserei Rechneigrabenstr. 10 Tel 2014t Gegr. 1877 V sehe Kultur geschaffen haben. Aber Hektor mag nicht für Hektorn zeugen, und es darf und kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Namen und diese Werke aufzuzählen. Doch es darf und muß — und gerade der jüngeren jüdischen Generation in Deutschland — gesagt werden, daß jene große und glänzende Epoche jüdischer Geschichte, der glänzendsten seit der Vertreibung aus Spanien, erwachsen war aus der Welt der deutschen Kultur, gespeist von dem Geist der klassischen Literatur, durchglüht von von dem Zauber deutscher Musik und erhellt von dem Lichte der deutschen Wissenschaft. Es mag gut sein, sich heute dessen zu erinnern, und keine Bitternis .und kein Leid des Tages sollte dieses Gedenken verdunkeln dürfen.