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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-05-01 · 9 (5.1935) · p. Seite 346

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
9 (5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 346 (sequence 8)
Language
German
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Seite 346 Dr. jur. Hugo Hoff mann Generalvertreter der Victoria-Versicherung Kaiserstraf}« 2 + Fernsprecher 24641/2 Der die Antwort gab: bis Hoschea, hatte auch nicht die Meinung, daß Hoschea, der Mann, der zu den Frühesten der gewaltigen Künder gehörte, ein Abschluß und Ende war. Sollte etwa mit ihm die Urgeschichte Israels ihre Wirkung eingebüßt haben? Auch er war dem Antwortenden Verkörperung einer typischen Seelenhaltung, einer typischen Forderung. Welcher wohl? Hoschea war der Künder der versöhnenden Liebe, er hat— das ist der Schluß seiner Reden — den starken Euf ergehenlassen: ..kehre zurück, Israel, bis zu Adonaj, deinem Gotte, wenn du auch gestrauchelt warst in deiner Sünde"(14,2). Und in der Antwort: bis Hoschea wirkt das Verdienst der Väter, birgt sich der Sinn: solange in Israel Kraft und Wille zur Umkehr und Rückkehr lebendig ist, zum Wiederbeginn, zu neuer Anknüpfung an besteUeberlieferung, zu neuem Aufhorchen auf Gottes Anruf, ist das Verdienst der Väter in uns wirksam und in unserem Willen ihn stärkend lebendig. Auch Chiskijahu, so sehr ihn die Liebe der biblischen Ueberlieferung umhegt, so sehr er als würdiger Erbe frommer Ahnen gilt, ist nicht in seiner Person als Ende und Abschluss gedacht, auch er symbolisiert eine typische, immer wieder- Reparaturen in eig. Werkstätte Alle Dnmod. Uhren nehme ich bei Neokaul in Zahlung er TEL--25325 Biebergasse. kehrende Seelenhaltung. In seinem Leben gibt es einen Augenblick, in dem er die Mißbilligung seines überragenden Zeitgenossen Jeschajahu erfährt. Eine Gesandtschaft des Königs von Babylon war zu ihm gekommen, angeblich um ihn zur Genesung von seiner Krankheit zu beglückwünschen, in Wirklichkeit, um ihn zu einem Bündnis aufzufordern gegen Assyrien. Hiskia hatte sich in Verhandlungen eingelassen, und Jeschajahu, der gegen jede Einmischung Judas in die Händel der Weltpolitik war, gegen jede Verstrickung in den Knäuel der Machtbündnisse, der Juda ganz und gar auf sein inneres Leben konzentriert wissen wollte, war ungehalten über Hiskias Entschlüsse und kündete ihm, daß diese Verbindung mit Babylon dazu führen würde, daß Juda Babylons Gefangener und Knecht werden würde. Darauf gab Chiskijahu zur Antwort (2 Könige 20,19): „Gut ist Gottes Rede, die du geredet hast; und sprach weiter: nicht wahr, wenn nur Frieden und Beständigkeit bleibt in meinen Tagen". Das ist der Chiskijahu, der ein Abschluß des Verdienstes der Väter wäre. Wenn jemand in eine solche Seelenhaltung käme, daß er spräche, mag nach mir kommen, was kommen mag, wenn ich nur mein Leben in Ruhe und Frieden beschliessen, wenn jemand so Schicksal und innere Haltung der Kommenden preisgibt und nur auf sein Leben schaut, dann ist er nicht mehr Glied in der Kette, dann ist er Ende und Abschluß, dann hört mit ihm das Wirken der Väter auf, mag in ihnen noch so viel Fülle gewesen sein. Damit sie fortwirken, muß unser Leben uns als minder wichtig erscheinen als das der Kommenden. Dann aber kommt die letzte umfassende Anw ort: in W e 11z e i t ragt der Väter Verdienst, d. h. es ragt hinauf in Urzeit, alles ist lebendig in uns, und ragt hinab in fernste Fernen und greift und packt den Einzelnen und bestimmt ihn, ob er es will oder nicht, und reisst ihn hinein in die Kette, und es gibt kein Ende und kein Erlöschen. Hier fügt sich zum Wollen oder Nichtwollen das Geheimnis. So der Sinn des Midrasch und der vielerlei Antworten. Aber die Menschen, die über der Väter Verdienst sprachen, wußten zugleich, daß es kein Allheilmittel ist, auf das man bauen darf, daß es überhaupt kein Recht verleiht, auf das man sich stützen dürfe. Darum fügten sie der Aussprache noch eine Bemerkung hinzu: „wenn du siehst, daß der Väter Verdienst wankt, daß der frommen Mütter Verdienst schwindet, dann bleibt nur eines,, geh und klammere dich an die Gnade", so heisst es auch (Jeschajahu 54,10): „ja denn, die Berge mögen weichen, die Hügel mögen wanken, meine Gnade weicht nicht von dir, der Bund meines Friedens wankt nicht, spricht dein Erbarmer, Gott". Das ist aller Weisheit Schluß, nur auf Gottes Gnade kann man sich stützen. Losgelöst aber von dem Vers, auf den es Bezug nimmt, kann man das Wort des Midrasch D^OfD ^sStDil aber auch übersetzen: „mühe dich um Liebeserweise". Das ist das Letzte, wenn alles wankt und weicht, ist der einzige feste Anker, der Halt bietet, das eigene Mühen, Liebe zu bezeugen, Liebe in die Welt einzupflanzen und anderen mit der Kraft der eigenen Liebe beizustehen, aus der Kraft der Liebe, die Schwächen und Fehler zu verdecken und zu verzeihen. Juden und Judentum in deutschen Briefen von Dr. Rudolf Heilbrunn Es ist eine auffallende Erscheinung des zeitgenössischen Schrifttums, — und nicht nur des deutschsprachigen — daß die Werke schöngeistiger Art an Zahl und Güte von Jahr zu Jahr zurücktreten vor solchen mit geschichtlichen Inhalten. Was auch immer der Grund dieses Wandels der literarischen Stoffe sein mag, ob der Leser nur Belehrung sucht in der Schilderung der Vergangenheit, ob er Trost und Hoffnung aus dem Ablauf scheinbar ähnlicher Zeitepochen wie der unsrigen schöpfen will, ein aufmerksamer Beobachter der Geschehnisse unserer Tage wird an dieser Verbreitung des historischen Wissens nicht vorbeigehen können. So sind denn.auch in den letzten Jahren eine Reihe von Werken erschienen, die jüdische Geschichtsstoffe zum Inhalt haben. Aber wie die Geschichtswissenschaft und die Geschichtsbeschreibung eine in hohem Masse — bewusst oder unbewusst — wertende Wissenschaft ist, so sind diese Schilderungen meist nicht frei von — apologetischen oder judenfeindlichen — Tendenzen. Es ist daher eine bedeutungsvolle Bereicherung der Literatur, wenn ein Werk erscheint, das nicht durch Beschreibung des Ablaufs der geschichtlichen Ereignisse, sondern durch Aufzeigung der Quellen und Anführung von zeitgenössischen *) Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten. Hrsg. von Franz Kobler. Wien. Saturn-Verlag. 19-35 Schilderungen es unternimmt, ein Bild der Entwicklung des deutschen Judentums und seiner hauptsächlichen Vertreter vom siebzehnten Jahrhundert bis heute zu geben.*) Mit einer grossen Kenntnis der Personen, Geschehnisse und Tendenzen dieser für das deutsche Judentum so wichtigen und umstürzenden Epoche seiner Geschichte sind hier Dokumente zusammengetragen, die farbiger und plastischer als umfangreiche Beschreibungen es vermöchten, den Weg zu schildern, der aus dem Ghetto des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts über sin Zeitalter verbriefter Freiheiten zu der Ariergesetzgebung des dritten Reiches führen sollte. Es ergibt sich aus dem Thema des: Werks, daß sein Hauptstoff aus dem neunzehnten Jahrhundert genommen ist, jenem optimistischen Jahrhundert eines gläubigen Liberalismus, der von einer Aufhebung der Freiheitsschranken eine Befreiung von allen jenen Nöten und Plagen erhoffte, die eine dem Zeitgeist nicht mehr verständliche Gesetzgebung geschaffen zu lmben schien; oder mit anderen Worten gesagt, der Inhalt des Koblerschen Buchs ist die heute so vielfach geschmähte sogenannte Emanzipation der Juden in Deutschland. Von zwei Gesichtspunkten kann die Geschichte der jüdischen Emanzipation in Deutschland betrachtet werden: von einem deutschen und von einem jüdischen Standpunkt. Da Kobler keine

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