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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-05-01 · 9 (5.1935) · p. Seite 345

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
9 (5.1935)
Date
1935-05-01
Page
Seite 345 (sequence 7)
Language
German
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Seite 345 Das Schriftwort Sechut awot — Das Verdienst der Väter von Max Dienemann Das dritte Buch der Thora schliesst mit dem Abschnitt ab, der die große Strafrede — Tochecha — enthält, in der des sündigen Israel künftiges Schicksal gekündet wird. In ruhigen Zeiten liest man dies Kapitel nur mit dem Schander und dem Erschrecken, der sich aus der "Wucht des Inhaltes auch dann ergibt, wenn nur Erinnerung an vergangenes Leid aufsteigt. In bewegten Zeiten spürt man die Ewigkeit und Gegenwärtigkeit dieser Worte. Ein Satz wie dieser (26,36): „ich bringe Verzagtheit in ihr Herz im Land ihrer Feinde, es jagt sie Geräusch5 eines verwehten Blattes", packt dann mit erneuter Unmittelbarkeit. Wofür Israel gestraft wird, wird nicht im einzelnen benannt, der Abfall wird nicht in Teilhandlungen zerlegt, aber was als der schwerstwiegende Abfall empfunden wird, kann man aus den folgenden Versen ablesen (26,34.35): „dann wird das Land seine Sabbate abtragen, die ganze Zeit seiner Verödung, dieweil ihr im Lande eurer Feinde seid; dann wird das Land feiern und seine Sabbate abtragen. All die Zeit seiner Verödung wird es nachfeiern, was es nicht gefeiert hat an euren Sabbaten, als ihr darin wohntet". Wobei dahingestellt bleiben mag, ob der Schwerpunkt auf, der Nichtbeachtung der Sabbatfeier jähre für den Acker oder der Sabbate überhaupt liegt, beides verschmilzt in eines, und heraus bildet sich die Verlebendigung des Landes, des Bodens als eines beseelten Wesens, das durch die Sünde der Bewohner befleckt wird. Es ist die Eigenart und die Kraft biblischer Rede, daß sie nicht bei der Strafandrohung stehen bleibt, daß diese nicht ein Endgiltiges, Letztes ist, daß vielmehr der Weg zur Abkehr, zur Wendung und Wandlung gezeigt wird und mitten im Strafen Trost gespendet wird. So fehlt denn auch in dieser Schau künftigen Leides nicht die Aufrichtung (26,42): „ich werde gedenken meines Bundes mit Jakob, und auch meines Bundes mit Jizchakund auch meines Bundes mit Abraham werde ich gedenken und des Landes werde ich gedenken". An diesen Vers, an diesen Hinweis auf das fortwirkende Verdienst der „Väter der Welt" knüpft nun ein Midrasch an, der den Bund Gottes mit den Vätern so versteht, daß ihre Tat und die Fülle ihrer Leistung den Nachfahren noch zugute kommt. Er stellt die Frage: flÜ^p HDK 1TDT TÖ IV »"wie weithin reicht der Väter Verdienst?" Darauf werden allerlei Antworten gegeben. Wir geben sie erst der Reihe nach wieder, dann soll versucht werden, ihren Sinn zu ergründen. Einer antwortet: Bis Jehoachas, denn so heisst es (2 Könige 13,24): „Gott wurde ihnen gnädig, erbarmte sich ihrer, wandte sich ihnen zu, seines Bundes mit Abraham, Jizchak, Jaakob halber, er wollte sie -nicht verderben, er verwarf sie bis jetzt nicht von seinem Antlitz hinweg"; bis jetzt also reicht der Väter Verdienst. Ein zweiter antwortet: bis Elijahu, denn so heisst es (1 Könige 18,63): „und es geschah, als man das Mehlopfer brachte, da trat Elijahu, der Künder, heran und sprach: Adonaj, Gott Abrahams, Jizchaks und Israels, heute werde erkannt, daß Du Gott bist in Israel und ich Dein Knecht bin". Wieder ein anderer gibt die Antwort: bis Hoschea reicht der Väter Verdienst, denn so heisst es (Hoschea 2,12): „Jetzt offenbare ich ihre Schmach vor ihrer Liebhaber Augen, nicht wird ein Mann sie meiner Hand entreißen. „Mann", so wurde Abraham genannt — (gib zurück des Mannes Weib 1. M. 20,7) — „Mann", so wurde Jizchak benannt — (wer ist dieser Mann? 1. M. 24,65) —„Mann", sowurde Jaakob benannt (Jaakob war ein schlichter Mann 1. M. 25,27). Ein Vierter gab die Antwort: bis Chiskij a h u reicht der Väter Verdienst,'' denn so heisst es — von seiner Geburt — (Jeschajahu 9,6): „Zu reicher Fürstenschaft und zum Frieden ohne Ende". Und schliesslich noch eine Antwort: für Weltzeit wirkt der Väter Verdienst, so heisst es denn auch (5. M. 4,31): „denn ein erbarmender Gott ist Adonaj, dein Gott, er wird dich nicht sinken lassen und nicht verderben, und wird nicht vergessen den Bund mit deinen Vätern, den er ihnen beschworen". So der Midrasch in seiner Wörtlichkeit und Naivität. Wenn man die Sprache des Midrasch kennt, dann weiss man, es kommt bei all diesen Antworten nicht auf die Begründung an, die hier gegeben wird, es kommt auch nicht auf den Mann an, der als Endzeit des Wirkens der Väter genannt wird, d. h. auf den Mann als geschichtliche Erscheinung, sondern mit jeder Antwort will ein bestimmtes typisches Denken, eine typische Situation bezeichnet werden. In der ersten Antwort kommt es nicht auf den im ganzen wirklich höchst gleichgiltigen Jehoachas an, einen der unbedeutendsten in der Reihe der israelitischen Könige, sondern der Schwerpunkt liegt auf dem Wort: bis jetzt. Und dies „bis jetzt" ist in jedem Geschlecht wirklich und kann unter Umständen in jedem Geschlecht eine Grenze, einen Abschluß bedeuten. Bis jetzt? bis heute wirkt der Väter Verdienst in uns nach, wenn wir ihre Haltung in den Lebenssituationen in unserer Seele bewahren, wenn wir ihre Würde, ihre Ungebrochenheit, ihre Zielfestigkeit auch selbst bewähren. Die Linie des Schicksals und der Bewährung zieht sich von den Vorfahren bis zu uns, sie ist nie gerissen, und es ist Aufgabe, sich dessen bewusst zu sein. Insoweit reicht der Väter Tun und Sinnen bis heute. Aber zugleich liegt es an uns, daß es nicht nur bis heute reicht, daß dieses Heute und Jetzt keine Grenze und kein Abschluß ist; erlahmt unser Wille zur Nachfolge, zur Uebernabme der Verpflichtung, zur Fortsetzung des geistigen Erbes, dann hat der Väter Verdienst eben nur bis zu uns, bis jetzt gereicht. So ist jene Antwort in jedem Geschlecht für jeden, der sie hört oder liest, zugleich Tröstung und Mahnung. Photo Ehrenleid Biel IlUIU-Abteilung bei entwickelt und vergrößert Ihre Films wirklich vorzüglich Der die Antwort gab: bis Elijahu, meinte wahrhaftig nicht, daß mit ihm und in seinen Tagen die Kraft des Fortwirkens unserer Väter zu Ende ging, erlosch, wie sollte das denkbar sein? Aber Elijahu war ihm der Mann einer typischen Situation, einer ewigen Forderung. Elijahu ist die Verkörperung der Forderung, sich zu entscheiden. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens, als er auf dem Karmel dem Volk entgegentrat, das zwischen den Baalspriestern und ihrem Dienst und den Priestern und Kündern des einen Gottes haltlos hin und her schwankte, rief er ihm zu: „wie lange noch wollt ihr auf den zwei Aesten hüpfen?"; er verlangte die klare und feste Entscheidung. Um diese Entscheidung handelt es sich in jedem Geschlecht. Entscheidet man sich für die Hinwendung zu Israel, seiner Geschichte, seiner Forderung, seiner Zielsetzung, dann ist, dann empfindet man das Nachleben der Vorfahren in uns als |"fl2T ^' ^- als Verdienst, als etwas, das zu unseren Gunsten ist, unserem Leben den Sinn und die Würde gibt, sonst ist es nur Tatsache und Strafe.

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