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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-04-01 · 8 (4.1935) · p. Seite 330

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
8 (4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 330 (sequence 40)
Language
German
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Seite 331 zweckmässig gehängte Malereien, hat leider auf deren Kunstwert sehr wenig Einfluss gehabt. Dieses geringe Verantwortungsgefühl dem Kunstwerk gegenüber gibt zu denken Anlass. Eine nur teilweise ausgebildete Geschmackskultur ist nicht denkbar, nur wäre zu überlegen, ob nicht einerseits die gegenwärtige Interesselosigkeit an der Kunst, anderseits eine große Unsicherheit in der Beurteilung künstlerischer Werte, die Ursache der so häufig schlechten Wahl der Bilder ist. Wenn man der ersten Ursache, der Interesselosigkeit nachforscht, so ist schwer einzusehen, warum derselbe Mensch, der Freude hat an der gestalteten Materie, dem edle Linien und Farben der Gegenstände, die er zum Leben braucht, etwas bedeuten, diese Schönheit nicht auch da sucht, wo sie am reinsten und geistigsten sich darstellt — im Bilde, d. h. dort, wo der „Rythmus an sich" noch erhöht ist durch die Schöpferfreude des Künstlers, der ihn beseelt hat. Wie immer die Sehnsucht des Menschen dahin geht, an den Ursprung der Dinge heranzukommen, die Vielheit der Erscheinungsformen auf ihre letzte Einheit zurückzuführen, des zweckmässigsten, augenfälligsten Mittels, das ihm durch das Kunstwerk gegeben ist, dessen bedient er sich heute nicht mehr. Er betrachtet vielmehr das Kunstwerk als leicht zu entbehrenden Luxus, als „quantite negligable". Auch die oben erwähnte zweite Ursache, die Unsicherheit in der Beurteilung ist nicht leichter begreiflich. Das Verständnis für die Gesetzmässigkeit der Erscheinungswelt ist vorhanden, dazu kommt gegenwärtig ein starkes Bedürfnis, sich der Natur zu nähern. Die Freude am Organischen, sei es verkörpert in der Pflanze, im Tier, in der Landschaft ist weit lebhafter, als sie etwa noch vor einigen Jahrzehnten gewesen ist. Man zieht die Natur in die nächste Umgebung. Die absonderlichen Formen der Kakteen, die schillernden Farben der exotischen Fische und Vögel sind zum fast unentbehrlichen Schmuck bürgerlicher Wohnungen geworden, und man findet oftmals eine geradezu künstlerische, geschmacksichere Eingliederung dieser fremdartigen Lebewesen in die deutsche Häuslichkeit. Aber auch über die alltägliche Umgebung hinaus ist ein innigeres Verhältnis zur Natur zu beobachten. Der Wunsch, die Landschaft zu durchstreifen, ihr in möglichst imrnittelbarer Weise näher zu kommen, ist so groß, daß dieser Genuss selbst mit dem Verzicht auf jede Bequemlichkeit erkauft wird. Was die Welt an Schönheit zu geben hat, wird gierig aufgenommen. Aber die Natur ist vergänglich. Die Pracht eines Sonnenunterganges, die Frische eines Frühlingsmorgens, der glühende Sommertag, ein phantastischer Wolkenhimmel, all ihr Zauber dauert nur kurze Zeit: Tage, Stunden, Minuten. Nietzsche sagt einmal in einem Lied: „doch alle Lust will Ewigkeit, — will tiefe, tiefe Ewigkeit". Warum also kein Verständnis für die Gestaltung des Ephemeren, noch für das künstlerische Erlebnis des Naturgesehehens, das stark genug war, das Vergängliche festzuhalten, der Freude an der flüchtigen Schönheit Dauer zu verleihen. Wer einmal den göttlichen Schöpfungswillen in der Natur erkannt hat, der sieht auch dessen Abglanz im Menschenwerk, er spürt den Duft der Blume in deren künstlerischen Abbild, und er vermag auch in der gemalten Landschaft erholsam zu wandern. Wenn sein vages Gefühl mitschwingt in den kräftigen, klaren Schwingungen des künstlerischen Erlebnisses, dann wird er nicht mehr zweifeln, ob er Kunstwert vor sich hat oder nicht. Abschliessend sei nun noch vom Kunstwerk besonderer Art die Rede, von der Gestaltung jüdischer Themen. Den Juden ist in den letzten Jahrzehnten das jüdische Geistesgut entfremdet. Gesättigt von den Reichtümern der deutschen Kultur ist ihnen die Freude und das Verlangen verloren gegangen, ihre eigenen Geistesschätze zu pflegen. Nun, da sie ausgeschlossen sind, wäre es an der Zeit, die vergessenen und vernachlässigten Kostbarkeiten aus den eigenen Truhen hervorzuholen. Hier wäre es wiederum der bildenden Kunst vorbehalten, als augenfälliges Zeugnis sie stets an ihren eigenen Reichtum zu erinnern. Die unendlich mannigfaltigen Vorwürfe, die ihnen ihre Religion, Geschichte und Dichtung bieten, sind noch kaum verwertet. Der jüdischen Jugend ist es vorbehalten, dieses reiche Erbe würdig anzutreten, gemäss dem Worte: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen". Wie gefordert wurde, die Niederschrift der kostbaren Offenbarung ihres religiösen Lebens an die Pfosten des jüdischen Hauses anzubringen, so sollte auch die Wand mit dem Kunstwerk geschmückt sein, das im grauen Alltag der Seele den tröstlichen Ausblick in eine hellere gotterfüllte Welt bietet. Rosi Lilienfeld Jüdische bildende Künstlerinnen IV Else Meidner — Julie Wolfthorn Mit der Feststellung, daß Else Meidner die Gattin des bekannten und berühmten Malers, Graphikers und Dichters Ludwig Meidner ist, sagt man zwar nichts über ihr Künstlertum aus— denn dieses ist von erfreulich selbständiger Prägung — wohl aber etwas über ihr Künstlerschicksal. Nicht um das Ringen um Bekanntwerden, Beachtet werden des Namens handelt es sich hier, sondern im Gegenteil um den kraftbeanspruchenden Versuch, den allzubekannten Namen bei Publikum und Kritik vergessen zu machen, als selbständige, eigenwüchsige künstlerische Persönlichkeit vorurteilsfrei gesehen zu werden. Mit ihren eindrucksvollen Porträts vor allem weist sich Else Meidner als Künstlerin aus: große starkknochige Köpfe auf eine glühende Hintergrundfarbe gestellt, ein Blau wie vom Glasfenster alter Dome ist unvergesslich. Dabei spricht aber oft aus den riesigen Augen, der Inbrunst des Ausdrucks, der gelösten Haltung etwas, was das Wort „jüdische Kunst" zwangsläufig in die Vorstellung drängt. Jedes dieser Bildnisse — der Kopf des Dichters Max Hermann- Neisse, das Porträt ihres Mannes und Selbstbildnisse ragen besonders hervor — hat seine persönliche warm und tief empfundene Atmosphäre, ist aus einer ehrlichen Einstellung, ganz ohne Hinblick auf gefällige Wirkung entstanden. Ausserdem sind ein paar Landschaften, z. B. aus dem Schwarzwald sehr beachtenswert, und Stilleben mit großen schweren Früchten, aus Kraft und Fülle der Anschauung geboren. — Sehr wesentlich sind ferner Else Meidners Zeichnungen, oft großfigurige phantastisch-dramatische Scenen, oder einfach hingeschriebene Porträts von einer vibrierenden Nervosität im Strich. Das Thema „Mutter und Kind", immer in ganz unkonventioneller Auffassung gegeben, kehrt oft wieder und schlägt die Brücke zu der warmen Menschlichkeit dieser sympathischen Künstlerin, die es tatsächlich verdient, mit eigenem Masse gemessen zu werden. Der Kunst dieser bedeutenden Vertreterin der jüngeren Generation steht die im ganzen mehr akademisch gerichtete, in gewissem Sinne bereits historische Malerei von Julie Wolfthorn als etwas Wesensverschiedenes gegenüber. Großfigurige Familienbilder und repräsentative Porträts kennzeichnen ein Hauptgebiet ihres Schaffens, das im Besonderen auch durch ihre vielfachen Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten seinen Reiz erhält. Von all diesen Zusammenkünften mit den nicht immer leicht za behandelnden gewaltigen Persönlichkeiten weiss die Malerin mit viel Frische und Humor zu erzählen. Daß sie auch in ihrer Kunst jxing und elastisch geblieben ist, zeigen manche formal gewagtere Arbeiten, die von einer überraschenden Wandlungsfähigkeit dieses reifen Künstlertums sprechen. Da sind z. B. Gestalten kühn vor den Tiefenraum einer Landschaft gestellt, das Motiv der Massenversammlungen wird malerisch erstaunlich bewältigt, ebenso Scenen von dramatischer Spannung. Ausserdem finden sich aber auch hie und da Ansätze zum Intimen, vielleicht noch äusserst Entwicklungsfähigen: da bricht in einem locker aufgebauten Blumenstilleben etwas von verhaltenem Jubel durch, da liegt etwas von überirdischem Glanz auf dem verklärten Antlitz einer jungen Mutter. In den aus farbig bewegtem Weiss der Kissen hervorleuchtenden Kinderköpfchen gibt sie mit ihr Bestes, manchmal wird man an ein wohl unbewusstes Vorbild erinnert: Paula Modersohn. Der Blick für feinste Nuancen gibt auch den zahlreichen Landschaftsbildern ihren Wert, diesen „Tagebuchblättern"

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