Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 8 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 299 (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 299 fung. Nun ist freilich nicht jeder der vollen wissenschaftlichen Erkenntnis fähig. Aher die Kenntnis ihrer Grundlagen ist allerdings unerlässliche Voraussetzung für den Dien3t des „einen Gottes". Daher schickt Maimuni einen Ahriss des wissenschaftlichen Weltbildes (des aristotelisch-ptolemäischen natürlich) dieser Darstellung des jüdischen Gesetzes voran. Er fordert also elementare Kenntnis der Ergehnisse der Wissenschaft im Namen der Keligioa Und wer gegen den rein geistigen Gotiesbegriff verstösst, den das Judentum lehrt und die Wissenschaft bestätigt, wer sich also Gott zwar als einzig, aber als körperlich denkt, steht nach Maimuni mit einem Abtrünnigen (Min) auf einer Stufe. Die Nichtphilosophen fanden das Urteil zu streng; aber hatte Maimuni unrecht, wenn er gerade hier nicht nur eine Forderung der Wissenschaft, sondern auch die Eigenart des Judentums zu vertreten glaubte? Maimuni geht einen Schritt weiter. Beine Wissenschaft verwirft den Geisterglauben. Auch der Bibel gilt „Opfer an Dämonen" soviel wie Götzendienst. Aber in talmudischer Zeit hat selbst ein Geistesriese wie Plotin diesen Glauben geteilt. Daher zeigt sich seine Wirkung auch im. talmudischen Schrifttum. Solche Stellen sind für Maimuni nicht massgebend. Nach dem Talmud soll man keine einsamen Ruinen betreten; man gefährdet dadurch seinen Ruf, seine Gesundheit (wegen der Baufälligkeit), ja, sein Leben (wegen der Geister, die dort hausen). Maimuni bringt die Warnung und die ersten beiden Begründungen; die letzte lässt er fort. Zum Verständnis dieser Kühnheit ist daran zu erinnern, daß arabische Lehrer damals darüber stritten, ob man Geister (Dschinnen) zu der vorgeschriebenen Zahl der Beter hinzurechnen darf. Im Talmud befindet sich eine Aeusserung, daß das Schofarblasen dazu diene, deri Satan in Verwirrung zu bringen. Maimuni neigt im allgemeinen nicht dazu, im Mischne Thora die Gebote zu begründen. Aber hier macht er eine Ausnahme. „Wenn auch das Schofarblasen göttliche Anordnung ist, so ist doch ein tiefer Sinn in ihm enthalten, nämlich die Mahnung: erwachet, ihi. Schlummernden, aus eurem Schlaf; prüfet eure Werke, tut Busse und denkt eures Schöpfers". So tritt anstelle des magischen das ethische Motiv. Sehr deutlich ist auch Maimunis Stellung zu Zauberpraktiken. Das Besprechen einer Wunde bezeichnet er freilich nicht als verboten; „es nützt nichts, aber es beruhigt den Patienten". Wer jedoch Aberglauben und Religion vermengt, den trifft sein voller Zorn. „Wer im Innern der Mesusa Engelnamen und dergl. anbringt, hat seinen Anteil am Jenseits verwirkt. Denn diese Narren — nicht genug, daß sie gegen das Gesetz Verstössen, sondern sie ändern das hohe Gebot der Anerkennung der göttlichen Einheit, der Gottesliebe und des Gottesdienstes derart ab, wie wenn es sich um ein Amulett zu ihrem Nutzen handelte, wie ihr einfältiger Sinn es ihnen einredet." Aber auch wo es nicht gilt, abergläubische Vorstellungen zu bekämpfen, zeigt sich Maimuni um eine Vertiefung der Frömmigkeit bemüht. Bekanntlich steht einmal im Talmud, man möge am Purim trinken, bis man zwischen den Rufen „Heil Mordechai" und „Fluch Haman" nicht mehr unterscheiden kann. Ob es unsere alten Lehrer gerade mit diesem Gebot peinlich gewissenhaft genommen haben, lässt sich bezweifeln. Maimuni jedenfalls hält es nicht für verbindlich. Man mag trinken, meint er, bis man unter der Wirkung des Weines einschläft. Aber „besser ist die Erhöhung der Gaben an Arme, als die Bereicherung der Mahlzeit und die Steigerung der Geschenke an Freunde. Denn es gibt keine höhere, rühmlichere Freude, als Unbemittelte, Waisen, Witwen und Fremde zu erfreuen. Wer das Herz dieser Armen erquickt, gleicht der Gottheit; denn es heisst: aufleben zu lassen den Geist der Niedrigen, aufleben zu lassen das Herz der Gebeugten." Auch aus solchen Stellen spricht gewiss der Denker Maimuni, der die Verbindung zwischen der Lebensordnung des Judentums und menschheitlichen Idealen sucht. Aber wenn anders, schon nach dem Talmud, „die Gebote dazu da sind, die Menschen zu läutern" — durfte er sich nicht sagen, daß er durch sein Denken der Religion zur Besinnung auf ihr eigenes Wesen verhalf? * Allein hier erhebt sich ein Einwand. . „Die Grundlage der Grundlagen und die Säule der Weisheit „J^imtHh^OHHUHfr 3en guten LUNA 6 leicht und mild Stumpen Handarbeit MEISTER¬ MISCHUNG im Metall- Etui 10 ist das Wissen von dem ersten Wesen", beginnt der Mischne Thora. „Am Morgen ermanne sich der Mensch wie ein Löwe zum Dienst seines Schöpfers", beginnt der Schulchan Aruch. Scheint es. nicht, daß dieser den Sinn jüdischer Frömmigkeit rein wiedergibt, während Maimuni das hellenische Ideal der Erkenntnis anstelle der dienstbereiten Tat setzt, die das Wesen des Judentums bildet? In der Tat mag man in Maimunis Schriften gelegentlich eine Ueberschätzung des Rationalen finden. Insbesondere im 3. Buch des More gilt ihm die Erkenntnis höher als selbst die Sittlichkeit Verständlich ist diese Schätzung, wenn man bedenkt, daß jenes Zusammenwirken von Religion und Wissenschaft, das Maimuni sucht, nur mit äusserster Anspannung des Denkens erreichbar ist. Kein Zweifel: auf dieser Schätzung des Denkens, das zur religiösen Liebe führt, beruht die Einheit des Systems Maimunis. Aber nicht die Einheit seiner Persönlichkeit. Denn neben die Schriften tritt; ergänzend — das Leben. Für Aristoteles ist die „Theoria", die philosophische Betrachtung, „das liebste und schönste". Das „theoretische Leben" hat er gepriesen und in reiferen Jahren auch gelebt. In sein „Museion" gebannt, dient er der Forschung und führt seine Schüler in die Mysterien der strengen Wissenschaft ein. Anders Maimuni. Dem ersten Träger seines Namens gleich, steigt er herab zu seinen Brüdern, sie zu erleuchten, zu erziehen, die Einzelnen und die Gemeinden zu beraten. Und wenn er auch gelegentlich die Forschung als Höchstes pries, so geht gerade hier die „innere Form", die er seinem Judentum verdankte, nicht völlig ein in die griechische Formel. Der Mensch ist größer als das System Darin aber, daß er, der Aristrokrat, der er war und blieb, sich seinem Volke verbunden wusste und hingebenden Dienst an ihm geleistet hat, liegt die Wirkung zum wesentlichen Teil begründet, die er im Judentum geübt hat. Es mag uns mit Stolz erfüllen, daß Maimunis Kritik an Aristoteles' Schöpfungslehre auf den größten Dogmatiker der katholischen Kirche gewirkt hat, seine Lehre von der Unerforschlichkeit Gottes auf Meister Eckhart, der gerade heute als echter Vertreter deutscher Frömmigkeit gilt. Wichtiger ist aber, daß er im Judentum aller Richtungen fortwirkte, daß Gesetzeslehrer wie Jacob ben Ascher, Philosophen wie Gersonides, Mystiker wie Cordovero, in selbständiger Weiterarbeit natürlich, an sein Lebenswerk anknüpften. Und wenn naturgemäss sein Einfluß auf das allgemeine Denken abnehmen musste, seit der Erschütterung des aristotelischen Weltbildes, an das er glaubte, so ist seine Weiterwirkung im Judentum deswegen noch heute so stark, weil hier auch seine Persönlichkeit weiterlebt. Immer wieder hat es jüdische Menschen erhoben und in Kampf und Enttäuschung getröstet — das Bild dea Mannes, der von gleicher Liebe zu Wahrheit und Judentum erfüllt, unermüdet und unerschrocken gegen Unglauben und Wirrglauben gestritten und den Weg zu einem Judentum, das vor Geschichte und Wissenschaft bestehen kann, den Brüdern gewiesen hat. Schulze Dich und die Deinen durch Abschluß einer Krankenversicherung! Famillenvers. schon ab 5 RM. monatl. 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