Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-04-01 · 8 (4.1935) · p. Seite 298

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
8 (4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 298 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094420--4606-3099403
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite. 298 Eigenart des Judentums nicht --erschöpft. -Wir glauben auch, zum Unterschied etwa vom homerischen Griechentum, an die Unkörperlichkeit, ja, an die unendliche Erhabenheit Gottes. Diese Merkmale gehen in den Begriff der „Einheit" nicht ein, wenn man ihi£ im gewöhnlichen Sinne versteht. Nun aber hatte die griechische Philosophie einen viel schärleren Begriff der Einheit ausgeprägt. Sie versteht darunter Einheitlichkeit, also Unteilbarkeit. Und nichts Körperliches kann einheitlich sein; denn alles Ausgedehnte ist teilbar. Selbst die Ideen, die geistigen Formen der Körper, sind Vielheiten. Aber alle Vielheit, so lehren die Hellenen, fliesst aus einer letzten Einheit. Dieses „Eine, Gute" ist also allem Irdischen überlegen. Körper können wir erkennen durch unsere Sinne, Ideen durch tuisern Geist: Gott, die.höchste Einheit, können wir nur.ahnen aus seinen Wirkungen, die uns täglich umfangen. Diesen Begriff des Einen Gottes, wie zumal der Neuplatonismus ihn ausgebildet hatte, übertragen arabische Denker auf den Gott der Bibel. Und jüdische Philosophen sind ihnen willig gefolgt. Denn durch diese Fassung erhielt der herkömmliche Begriff einen volleren Klang: erst jetzt schloss er Gottes Erhabenheit über alles Irdische ein im Sinne des Prophetenwortes: „Wem . wollt ihr mich vergleichen, daß ich ihm gliche?" Nicht als Fremd- ' körper scheint also die griechische Philosophie neben die jüdische Vereine, Gesellschaften 1 Apparate für Lichtbildervorträge Festlichkeifen usw. leihweise in der PHOTO Ab ig bei EHRENFELD _ ZEIL 104 ntben der Hauptpost_ Religion zu treten, um sich mit ihr in loserer oder festerer Synthese zu verbinden, sondern als Deuterin und Dolmetscherin des jüdischen Gottesbekenntnisses. Maimuni war nicht der erste, der den altjüdischen Begriff des Jichud Haschern philosophisch fasste. Aber allerdings: ■keiner hat mit diesem Begriff derart Ernst gemacht, keiner hat diesen religiös-philosophischen Begriff mit solcher Energie verfochten wie er — gegen die nichtreligiösen Philosophen wie gegen die unphilosophischen Glaubensgenossen. Und in diesem Kampfe liegt die Einheit seines Lebenswerks. * Der „Führer der Unschlüssigen" führt ihn in doppelter Richtung. Zunächst begründet er das Recht des philosophischen Einheitsglaubens, aufsteigend von der Deutung körperlicher Aussagen der Bibel über Gott (Gottes Ebenbild sein Thron), deren bildlichen Sinn auch der philosophisch Ungebildete kennen muß, his zu der Lehre von der völligen Unvergleichlichkeit Gottes, demgemäss von der Unmöglichkeit, über das Wesen Gottes (im Gegensatz zu seinen Wirkungen, die wir erforschen können und sollen) etwas Positives auszusagen. — Im Talmud wird ein Vorbeter getadelt, der im Achtzehngebet die rühmenden Attribute Gottes häufte. Darin sieht Maimuni das Eingeständnis, daß wir Gottes Wesen nicht erschöpfen können, und den Beweis dafür, 'daß der strenge Einheitsglaube auch im Judentum Heimatsrecht besitzt. Oder vielmehr: nur in ihrer jüdischen Fassung gelangt diese Lehre zu reiner Ausprägung. Der Abstand zwischen der herkömmlich jüdischen und der aristotelischen Lehre von Gott schärft den Blick für einen vinden Punkt der letzteren. Aristoteles hat in der Frage der Weltschöpfung geschwankt und schliesslich verneinend geantwortet; nach seiner Lehre, wie.die arabischen Philosophen sie verstanden, geht die Welt aus Gott hervor, wie das Licht aus der Sonne, also dauernd und mit Notwendigkeit, nicht durch einmaligen freien Willensakt. Ein solcher Standpunkt widerstreitet nach Maimuni vielleicht nicht unbedingt dem Buchstaben der Bibel; aber mit dem religösen Glauben an einen unser Schicksal. lenkenden Gott ist er unvereinbar. Und doch betrachten sich die arabischen Schüler des Aristoteles nicht als Gegner, sondern als die berufenen Deuter der Religion. Allein bei eindringender Betrachtung erweist sich Aristoteles' Entscheidung auch wissenschaftlich als höchst anfechtbar. Nur unter der Voraussetzung eines freien Wirkens Gottes ist insbesondere die Teleologie der Organismen, wie sie zumal die nacharistotelische Naturwissenschaft aufdeckte, und das wechselseitige Aufeinander- Angewiesensein der Wesen voll; verständlich (More II 19; III 13). Daher erweist der Fortschritt der .Wissenschaft den religiösen Begriff des frei handelnden Gottes gegenüber der griechischen, von keiner religiösen Tradition beeinflussten Vorstellung auch als wissenschaftlich überlegen. Im More wies die Religion der Wissenschaft den Weg zur Klärung. Im Mi sehne Thora führt die Wissenschaft zu klarer Erkenntnis der religiösen Pflichten und zur Vertiefung des religiösen Lebens. Kein Werk Maimunis zeigt in seinem Aufbau so deutlich den Schüler des Aristoteles wie sein Gesetzbuch. Denn Aristoteles' Spekulation ruht auf der empirischen Forschung. Er konstruiert Aicht das bild des Staates frei, nach Analogie des menschlichen Organismus, wie Piaton: er sammelt 158 Verfassungsgeschichten, um aus ihnen das Wesen und das Werden ' der Staaten abzulesen. Er sammelt nicht um des Sammeins willen: Empirisches logisch zu durchdringen, ist nach ihm wichtigste Aufgabe der Wissenschaft. Ihm folgt Maimuni in der Behandlung A * * bürgt für: # Al A/^2i y Geschmack / f/WJU& WymL QQ« * , / — Preiswürfligkeit des jüdischen Gesetzes. Er ist der erste, der die Fülle der Gesetze in ein' klares System gebracht hat, ohne alle Abschweifungen, wie selbst die Mischna sie enthält, unter ständiger Beziehung auf den Gesamtsinn religiösen Handelns. Aber war es „Mischkultur", wenn er mit griechischen Methoden den jüdischen Stoff durchleuchtete? Sicherlich nicht; denn seine Nachfolger, durchweg keine Freunde (zum Teil sogar Gegner) der Spekulation, haben auf seiner Grundlage weitergebaut. Sie haben damit anerkannt, daß nur bei öystematischer Ordnung die Forderungen übersichtlich werden die das Judentum an uns stellt. Aber nicht minder deutlich zeigt die Gestaltung des Stoffes den Einfluss der Wissenschaft; und hierin sind ihm seine Nachfolger nur zum kleinen Teil beigetreten. Wohl gibt sich das Werk als Darstellung der jüdischen Tradition. Wie im „Führer" die Philosophie, so hat daher hier die Ueberlieferung auf weite Strecken hinaus allein das Wort, soweit nämlich, als es nur die Regelung des religiösen Lebens gilt. Und wenn die Achtung vor menschlicher Geistesarbeit sich im „Führer" bekundet, so die tiefe Ehrfurcht vor Offenbarung und Tradition im Mischne Thora. „Es ist recht, wenn der Mensch nachdenkt über die Gebote der heiligen Lehre und vihren Zweck nach Kräften zu erkennen sucht. Findet er aber für ein .Gebot keinen Grund, so achte er es deshalb nicht gering. Wie streng sind doch die Gebote der Thora über Veruntreuung heiligen Gutes! Und wenn Holz und Stein heilig wurden und ihre gemeine Verwendung strafbar ist, nur weil der Name des Weltherrn über ihnen genannt wurde — wie viel gewisser, daß ein Gesetz, das Gott uns gegeben, vom Menschen nicht übertreten werden darf, weil er den Grund nicht erkennt!" Aber ungeachtet dieser tief in Maimunis Wesen wurzelnden Pietät zeigt sich auch hier, an den Berührungspunkten der religiösen Pflichtenlehre mit dem wissenschaftlichen Weltbild, Maimunis eigene Hand, in Ergänzungen, Weglassungen, Umbiegungen und in vereinzeltem Widerspruch gegen Auslegungen, die mit der Wissenschaft unvereinbar sind. Gottesdienst beruht nach Maimuni auf Gotteserkenntnis. Aber Gott können wir nur erkennen aus seinem Wirken. Daher führt der Weg zu Gott durch die Erkenntnis der Schöp-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.