Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 8 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 297 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 297 philosophische und ethische Bemerkungen, die den Zweck verfolgen,, den innersten Kern der Mizwot zu ersehliessen, ihre auf . die Versittliehung und Heiligung des Menschen gerichtete Tendenz zu enthüllen und ihre Erfüllung dem Menschen nahezubringen.4); Erwähnt muß in diesem Zusammenhange noch werden, dass auch' ein selbstständiges halachisches Werk unseres Verfassers, das S e f e r H a m i z w o t (Buch der Gebote) als Vorarbeit für den M., Th. geplant war.5) In dem Seier Hamizwoth würden, gestützt auf 14 Grundprinzipien, die 613 Thoragebote klar herausgearbeitet. .; . .. -IV. , "■ Das Erscheinen des M. Th. hat ungeheures Aufsehen in der jüdischen Welt hervorgerufen. Kurze Zeit genügte, und das Werk war in allen Gemeinden des Orients und Okzidents verbreitet. Sein Einfluss auf das jüdische Leben war beispiellos, glicht nur der denkerischen Arbeit hat es neue Ziele und Bahnen gewiesen und dem Talmudstudium neue Methoden vermittelt, auch das praktisch-religiöse Leben hat es massgeblich beeinflusst Es wurde das. Buch der Halacha. In den meisten Lehrhäusern wurde die Halacha aus ihm geschöpft. Die Häupter der Lehrhäuser, die anerkannten rabbinischen Führer erbaten von dem Verfasser des Mischne Thora Belehrung und Unterweisung, wie nur bescheidene Jünger von ihrem Lehrer und Meister Belehrung und Unterweisung erbitten. 6) Zur Verbreitung des Mischne Thora haben zweifellos auch Sprache und Stil des Werkes erheblich beigetragen. Dieses Werk wurde in einem leichten und flüssigen Späthebräisch, dem klassischen Hebräisch der Mischna, abgefasst. Die Darstellung ist knapp, aber doch gemeinverständlich. Der Verfasser war vollendeter Meister auch in der Handhabung der Sprache und der Präzision der Darstellung. Er bedauerte denn auch, seinem Safer Hamizwoth ein arabisches Sprachgewandgegeben zu haben.7) Der Mischne Thora hat freilich auch Kritiker gefunden. Sein größter und zugleich heftigster Kritiker war R. Abraham b. David (genannt Kawed) aus Posquieres, einer der scharfsinnigsten und kenntnisreichsten Talmudgelehrten seiner Zeit. Dieser schrieb „Widerlegungen" zum Mischne Thora, die später mit dem Mischne Thora zusammen veröffentlicht wurden. Die Widerlegungen kritisieren, zuweilen mit verletzender Schärfe, die Grundauffassung oder —- in den allermeisten Fällen — einzelne Entscheidungen des Eambam. Darüber hinaus äusserte Rawed, und neben ihm auch noch andere Thoragelehrte, seinen Unwillen darüber, dass unser Verfasser seine Quellen nicht bezeichnete, die früheren Autoritäten, auf die er sich stützte, nicht nannte und seine eigenen Entscheidungen nicht begründete. Dadurch sei es schwer möglich, seine Ansichten und Entscheidungen auf ihre Richtigkeit zu prüfen. 8) Andere wieder, wie R. Pinchas b. Meschulam in Alexandrien, gaben der Befürchtung Ausdruck, die kodif ikatorische Arbeit des Rambam könnte das Talmudstudium verdrängen. Man werde sich nicht um die Kenntnis der Quellen «) Vgl. z. B, hilch. Schabbat 2,3; hilch. Lulaw 8,15; Mich. Mathnat Anijim 10,1-2; hilch. Melachim 12,4-5; helch Giruschin 2,20 u. Schlussbemerkung zu hilch. Issure bia. 5) Vgl. Einleitung zum Sefer Hamizwot. •) Vgl. z. B. die Responsen des Rambam (ed. Freimann) Nr. 57, 67 69, 297. ') Responsum Nr. 368. 8) Vgl. Bemerkung des Rawed zur Einleitung des M. Th. @etneinfteimt0liefcer! dtWtwte$$mtmkNam\ Gemäß behördlicher Bestimmung darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblattes nicht mehr stattfinden. Wir richten daher an alle Mitglieder die ebenso dringende wie herzliche Bitte, das Bezugsgeld von Mk. -.45 pro Vierteljahr regelmässig und punktlich beim Vorzeigen der jeweiligen Quittung zu entrichten, damit in der regelmäßigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Einkassierung des Bezugs gel des pro März — Mai 1935 erfolgt gegen Quittung Anfang April durch unsere Boten. VORSTAND DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE VERWALTUNG DES GEMEINDEBLATTS schriften bemühen, wenn man in einem lichtvollen Kompendium die gesamte Halacha vorfinde. Gegen diese Vorwürfe setzte sich Rambam in einem interessanten und lehrreichen Sendschreiben an R. Pinchas zur Wehr. Er verteidigte sein System und seine Methode und zeigte die Beweggründe auf, die ihn bestimmten, nicht zu kommentieren, sondern zu kodifizieren. 9) Die gegnerischen Stimmen gingen schliesslich unter in dem großen Chor derer, die Rambam und sein Werk begeistert verherrlichten. Rabbi Mosche ben Maimon wurde als massgebender religiöser Führer und hervorragendste Autorität auf dem Gebiete der Halacha anerkannt. Die Anhänger aller Richtungen überliessen sich gern der Führung des Mannes, der überragende Geistesgröße mit überragender sittlicher Größe verband, und der die Gesetze des Judentums nicht nur kodifizierte, der sie auch durch sein eigenes Leben auf die edelste und erhabenste Weise zur Entfaltung brachte. Durch das spätere kodifikatorische Werk Schulchan Aruch wurde sein unmittelbarer Einfluss auf die praktische Halacha eher vermehrt als verringert. Wurden doch beträchtliche Teile des Mischne Thora in den Schulchan Aruch eingebaut. Rabbi Josef Karo, Kommentator des Mischne Thora und zugleich Verfasser des Schulchan Aruch, hat, wo es nur angängig war, die entlehnten Teile des Mischne Thora in ihrer ursprünglichen Fassung in seinen Schulchan Aruch übernommen. Rabbi Mosche ben Maimon ist der hervorragendste Meister auch der Halacha geblieben. 9) Ein Responsum (Nr. 353) enthält übrigens einen Hinweis darauf, daß er auch Erläuterungen zu den schwierigen Halachot des ganzen Talmud verfasst, und insbesondere auch ein Werk über den palästinensischen Talmud, nach Art des Alfassi über den.babylonischen, in Vorbereitung hatte. Die Einheit in Maimunis Persönlichkeit von Professor Dr. Isaak Heinemann-Breslau Maimuni ist Gesetzeslehrer und Philosoph. Wo finden wir den echten Maimuni: da, wo er in Unterordnung unter die Tradition seines Volkes den schmalen Weg jüdischen Pflichtenlebens zeichnet, oder da, wo er mit kühnem Gedankenfluge, in Auseinandersetzung mit den Weisen aller Völker, die großen Linien einer philosophischen Lebensauffassung entwirft? Offensichtlich beruht diese Antinomie, die sich bei der nächsten Betrachtung .Maimunis auf zutun scheint, auf einer anderen. Maimuni ist Bürger zweier Welten: als Gesetzeslehrer wurzelt er im Judentum, als Philosoph ist er Schüler der Hellenen. Wie hat er es vermocht, die Antriebe so grundverschiedener Kulturen zu einer Lebensanschauung zu verbinden? Das Judentum kennzeichnet sich selbst als Lehre von der göttlichen Einheit.*) „Bekenner Deiner Einheit" nennen wir uns oft im Gebet, zumal vor dem Sprechen des Bekenntnisverses Schema Jisrael. Aber mit dem Bekenntnis, daß Gott nur Einer ist, also keine Götter neben sich hat, ist das Wesen und die *) Zum folgenden vgl. meinen Aufsatz im Aprilheft (Maimuni- Heft) der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums".