Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 8 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 296 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 296 Der Mischne Thora des Bamham hingegen ist ein die gesamte Halacha .verarbeitender Kodex, der nach Anlage und Aufbau, unabhängig von * der Stoffverteilung und Stoffbehandlung des Talmud, nach eigenen und zweckbedachten Gesichtspunkten gestaltet ist. Nicht an den Talmud, an das Thorawort knüpft er an. An der Spitze aller Halaehot verzeichnet der Verfasser die biblischen Ge- und Verbote, die den in den betreffenden Halaehot behandelten Fragen zugrunde liegen. Die Halaehot entwickelt er organisch und systematisch auf Grund aller halachischen Quellenschriften und unter Benutzung des halaehisehen Schrifttums auch der naehtalmudischen Zeit. Mit einer ans Wunderbare grenzenden Meisterschaft holt er die Bausteine aus allen entlegenen Stellen und versteckten Winkeln des schier unübersehbaren Schrifttums herbei und führt einen monumentalen Prachtbau von künstlerischer Vollendung auf, in dem alles übersichtlich geordnet und leicht auffindbar seinen Platz hat. Nichts ist da vergessen worden, nichts beachtliches unbeachtet geblieben. Wenn da und dort der Lehrsatz eines Tannaiten oder Amoräers, der für die Halacha von Bedeutung zu sein scheint, oder nach Ansieht mancher Dezisoren tatsächlich von Bedeutung ist, im Mischne Thora keine Würdigung erfuhr, dann bemühten und bemühen sich — diese Gedankenarbeit ist noch nicht zum Abschluss gekommen — die Meister der talmudischen Gelehrsamkeit, und vor allem die zahlreichen Kommentatoren des Mischne Thora, den Gründen und Erwägungen nachzugehen, die den Verfasser bestimmt haben mochten, dem betreffenden Lehrsatz keine Geltung für die Halacha zuzuerkennen. Anderseits finden sich im Mi Th. zuweilen Meinungen und Entscheidungen, von denen man nicht recht wusste, worauf sie sich stützten. Zwei jedem Leser verständliche Beispiele sollen hier Erwähnung finden. In Hilchot Teschuwa (3,14) schreibt unser Verfasser: Wer durch die Schande seines Nächsten sich geehrt fühlt, hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt. Ein Kommentator des M. Th., Rabbi Josef Karo, Verfasser "auch des Schulchan Aruch, der im gesamten jüdischen Schrifttum wie selten einer heimisch war, bemerkt zu dieser Stelle, er wisse nicht, wo eine Belegstelle für diesen Ausspruch unseres Lehrers zu finden sei. Erst ein späterer Gelehrter, K. Jesaia (Pick) Berlin zeigte in seinen Glossen den Fundort dieses Ausspruches auf (j. Chag. 2,1). Ein zweites Beispiel. In hilch. Kele Hamikdasch (2,13) wird die Art und Weise beschrieben, wie die Bundeslade gelegentlich einmal getragen wurde. Wieder wusste man nicht, aus welcher Quelle diese Kenntnis geschöpft war. In den Talmuden gibt es keine Belegstelle dafür, wohl aber im agadischen Midrasch (r. zu Num. 4,19). Beispiele ähnlicher Art Hessen sich vermehren. III Hätte Rambam lediglich fertige Ergebnisse, feststehende Halaehot, die ohne organische Verbindung mit einander in allen Teilen unseres Schrifttums zerstreut gewesen wären, zusammengetragen und zu einer organischen und systematischen Darstellung der Halacha verarbeitet, selbst dann wäre der Mischne Thora ein bewundernswertes Meisterwerk. Wie hoch muß aber erst seine Leistung gewertet werden, wenn man bedenkt, daß er in den meisten Fällen die im Talmud noch nicht entschiedene Halacha fixieren, zwischen widerstreitenden Meinungen entscheiden, aus dem Fluss der talmudischen Diskussion das normative Element herausheben und aus dialektischen Wendungen und Formulierungen halachische Gesichtspunkte und Winke herleiten mußte. Bei der Auffindung der Halacha hielt er sich allerdings meist an die Entscheidungen des R. Isaak Alfassi, in dem er seinen mittelbaren Lehrer verehrte. Alfassis Schüler, R. Josef Halevi Ihn Migasch, für dessen Geistesgaben und Gelehrsamkeit unser Verfasser grenzenlose Bewunderung hegte — in der Einleitung zum Mischna-Kommentar nannte er ihn einen Fürsten im Reiche der talmudischen Gelehrsamkeit, der kaum je seinesgleichen hatte — war der Lehrer seines Vaters R. Maimon und vielleicht auch sein eigener.2) Allein er prüfte in jedem einzelnen Falle, ob und wie weit er Alfassi folgen könne. In zahlreichen Fällen lehnte er dessen halachische Entscheidungen ab, wie er auch die *) S. bikfe. Scheele U'pikouamn 5,6. Entscheidungen der Gaonim ablehnte, und ging seine eigenen Wege.3) Dazu kommt, daß die halachischen Entscheidungen der Gaonim und Alfassis, wie bereits erwähnt, nur jene halachischen Stoffe behandelten, die auch heute noch in den Ländern der Diaspora für die religiöse Praxis von Bedeutung sind. Bei allen übrigen Teilen der Halacha fehlen solche Vorarbeiten. Im-Mischne Thora hat aber die gesamte Lehre des Judentums ihre halachische Formung und Formulierug erhalten. Das Dogmatische, das Ethische, das Religiöse, das Nationale, das Rechtliche in seinen tausend Beziehungen und Verzweigungen, das Heiligtum, das Opferwesen mit seinen zahllosen Einzelbestimmungen, Erez Israel und sein Boden, alle Arten der subtilen levitischen Reinheitsgesetze, Prophetentum, Königtum, Messianismus, alles wurde mit der gleichen Gründlichkeit und Klarheit und jede noch so belanglos scheinende Einzelheit mit berücksichtigender Gewissenhaftigkeit bearbeitet. Sein Verfasser wollte die Summe der halachischen Arbeit von Jahrtausenden ziehen. Gleichsam eine zweite Thora wollte" er erstehen lassen, ein Mischne Thora — daher der Name — der von der schriftlichen Thora ausgehend, die gesamte mündliche Lehre, angefangen von Mosche Rabbenu über die Redaktion der Mischna bis zum Abschluss des Talmud, und darüber hinaus auch des gaonäischen Schrifttums, in knapper Ausdrucksform und gemeinverständlicher Sprache vor den Lernenden, ausbreitet, auf daß jedermann die fertige Halacha finden könne, ohne erst das Für und Wider der widerstrebenden Meinungen prüfen und sich in dialektische Erörterungen verlieren und andere Bücher zu Rate, ziehen zu müssen. Bezeichnend für diesen Totalitätsanspruch, dem er schon in der Einleitung Ausdruck gibt, ist seine Behandlung des hilch. Kiddusch Hachodesch (d. i. Heiligung des Neumondes). Mit dieser an sich nicht sehr umfangreichen halachischen Materie verbindet er eine umfassende und tiefgründige astronomische Studie, die er in die Schlußbemerkung ausklingen lässt: Wir haben alle astronomischen Berechnungen, die mit diesem halachischen Fragenkomplex zusammenhängen, ausführlich dargelegt, damit den Wissenden alles verständlich werde und ihnen kein Weg von den Wegen der Thora ermangele, damit sie ferner nicht nötig haben, diese Kenntnisse aus anderen Büchern zu schöpfen. Forschet in dem Buche Gottes und leset es, nichts fehlt da. Das gewaltige Werk besteht aus 14 Büchern. Deswegen wird es auch Jad Hächasaka genannt. Der Zahlenwert des hebräischen Wortes beträgt bekanntlich 14. Daneben enthalten diese beiden Thoraworte einen Hinweis auf die starke Hand Mosches. Diese Namengebung ist allerdings erst späteren Datums. Der Verfasser nannte sein Werk nur Mischne Thora. Nachdem er in der Einleitung die vom Sinai her niemals unterbrochene Kette der Tradition auf gezeigt und die absolute Verbindlichkeit der im Talmud, insbesondere dem babylonischen, niedergelegten mündlichen Lehre dargelegt hatte, wollte der Verfasser in dem ersten der 14 Bücher, dem Sefer Hamada (Buch der Erkenntnis) gleichsam dem Gesamtwerke die theoretische Fundierung geben. In diesem ersten Buche behandelt er die höchsten religiösen und ethischen Gedanken in philosophischer Beleuchtung. Gottes Dasein, Einheit, Attribute, Kosmologie, Heiligung des göttlichen Namens, Prophetie,; Sittenlehre, Thorastudium, Abkehr vom Götzentum und Aberglauben, Ausprägung der jüdischen Eigenart, Rückkehr zu Gott, Seele, Vergeltung, Messianismus werden da halachisch und gleicherweise auch philosophisch, behandelt. Es . ist tief bezeichnend, daß er auch die religionsphilosophischen Erkenntnisse, die freilich der verständnisinnigen Erfüllung der ganzen Thora dienen sollen, in seinen Halacha-Kodex einverleibt hat. Auch bei der Behandlung der exakten Halacha in den anderen Büchern des M. Th. finden wir oft eingestreute religions- 3) Vgl. seine eigenen Aeusserungen darüber in seinen Responsen, Jerusalem 5694, ed. Alfred Freimann, Nr. 353. Aus Responsum Nr. 348 scheint allerdings hervorzugehen, daß Rambam nicht unmittelbarer Schüler des R. Josef Halevi war.