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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-04-01 · 8 (4.1935) · p. Seite 295

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
8 (4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 295 (sequence 5)
Language
German
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Seite 295 Rulturspraehen wird der „Führer" übersetzt und in künstlerischen, mit Gold und Farben ausgeschmückten Handschriften in Bibliotheken bewahrt. An arabischen Hochschulen werden Juden damit betraut, den Studenten Vorlesungen über den More zu halten. Am Hofe des großen Hohenstaufenkaisers Friedrich II. bildet die lateinische Uebersetzung des Buches den Gegenstand gedankenvoller Unterhaltung und veranlasst den Kaiser zu geistreichen Bemerkungen darüber. Bei den Dominikanern als ketzerisch denunziert und auf dem Scheiterhaufen von Paris verbrannt, entzündete es die Geister der größten Dominikaner, Albertus Magnus und Thomas von Aquino, die dem „Führer" des Maimonides ihre reifsten Ideen verdanken. Spinoza und Leibniz stehen unter seinem Einfluss, Moses Mendelssohn reift an ihm zum Philosophen, Hermann Cohen nennt Maimonides den Klassiker des Rationalismus und preist seine „reine Ehrlichkeit des Denkens". Im siebzigsten Lebensjahr, am 13. Dezember 1204 (20. Tebet 4965) schloss der „große Adler der Synagoge" seine müden Augen. Sein Todestag wurde eine Trauertag für ganz Israel. Im Heiligen Lande, in Tiberias, wurde er nach seinem Wunsche .begraben. Die Jemenitischen Juden fügten seinen Namen ihrem Kaddisch an. Heute rüstet sich Spanien, einen seiner größten Söhne, der mit unverlöschlicher Liebe an seiner andalusischen Heimat hing, durch eine große offizielle Nationalfeier zu ehren und so, nach Jahrhunderten die Schmach zu tilgen, die es durch die Vertreibung der Juden zu seinem eigenen Schaden seinem Lande zugefügt. Wir aber wollen durch neue Vertiefung in die Werke des .ebenso geistig großen wie sittlich vollendeten Mannes der Vorsehung für das Gnadengeschenk danken, das sie uns mit dieser providentiellen Persönlichkeit verliehen hat. Rabbi Mosche ben Mainion (Rambam), der Meifter der Halacha1) von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Hoffmann I. Ein schöpferischer Geist von ungeheurer Spannweite, war R. Mosche b. Maimon vollendeter Meister und bahnbrechender Führer auf vielen Gebieten. Was ihm aber die höchste Autorität in der gesamten Judenlieit verlieh, und was ihn zu einem Führer erhob, dem die größten jüdischen Männer aller Bichtungen sich in Demut und Ehrfurcht unterordneten, war vor allem seine einzig dastehende souveräne Beherrschung des biblischen und talmudischen Schrifttums, seine einzig artigeMeisterschaft auf dem Gebiete der Halacha. Sein Geist umspannte den auf einem schier unübersehbaren Gebiet zerstreuten ungeheuren Stoff und durchdrang ihn mit Klarheit und Schärfe. Die Beschäftigung mit diesem Wissensstoff stand von frühester Jugend an im Zentrum seines Interesses. Ihr widmete er seine besten Kräfte. In einem freundschaftlichen Sendschreiben an Rabbi Jonathan Hakohen in Luuel spricht er sich freimütig darüber aus, daß er schon von früher Jugend an sich berufen wußte, die Lehre des Judentums zu erforschen und zu ergründen und die Früchte seiner Donkarbeit den um die Kenntnis des Judentums Bemühten zugänglich zu machen. Die anderen Wissenschaften, die er mit Liebe jund Ernst pflegte, verwandte er als Hilfswissenschaften für die Erkenntnis und Darstellung des Judentums. Jene sollten ihm wissenschaftliches Rüstzeug liefern, um des Judentums Größe und Schönheit vor aller Welt, auch den nichtjüdischen Denkern und Gelehrten, aufzeigen zu können. Meister der Halacha war er schon in jungen Jahren. Davon legt sein Misehn a-K o m menta r, den er im Alter von 23 Jahren begann, beredtes Zeugnis ab. Hat er doch bei der Erklärung der Mischna, einer Arbeit, für die es keine Vorlage gab, die Auslegungen und Entscheidungen aus beiden Talmuden, den halachischen Midraschim, der Tosifta und dem gaonäischen Schrifttum herangezogen. Er fixierte auch die in der Mischna noch unentschiedene Halacha. Und dieses ungemein wertvolle Werk verfasste er zum grossen Teil auf seiner mit Widerwärtigkeiten und Gefahren verbundenen Wanderung, wo' er gezwungenerweise sich meist auf sein Gedächtnis verlassen mußte. Schon dieses Werk seiner Jugendzeit verrät den klar ordnenden Sinn und die wunderbare systematische und synthetische Begabung, die seinem halachischen Hauptwerke das Gepräge gab. Es kam ihm weniger auf Klärung von Einzelheiten oder Worterklärungen an. Er wollte vor allem die der Mischna zugrunde liegenden Prinzipien herausarbeiten und die Einzelheiten in einen großen Zusammenhang einordnen. -Das Verständnis der Einzelheiten förderte er durch systematische Uebersichten. Dunkle Teile beleuchtete er durch lichtvolle Einleitungen, die er einzelnen Traktaten oder Abschnitten voran- ~i) Halacha — Wortsinn: Gang, Wandel — bedeutet ganz allgemein das religionsgesetzliche Element im talmud!sehen und midvaschischen Schrifttum im Gegensatz zu Haggada oder Aramäisch: Aggada — Wortsinn: Erzählung — die das erzählende, erbauende, ethische Element im genannten Schrifttum bezeichnet. Im engeren Sinne ist Halacha die aus den religionsgesetzlichen Forschungen und Lehrmeinungen sich für die Lebenshaltung ergebende religiöse Norm. schickte. In einer dieser Einleitungen (zum 10. Abschnitt des Traktats Sanhedrin) entwickelte er die bekannten 13 Glaubensartikel. Daneben nahm er mit sichtlicher Freude jede Gelegenheit wahr, die ihm gestattete, religiöse, ethische oder religionsphilosophische Bemerkungen in seinen Kommentar einzuflechten. Wo es ihm zweckdienlich schien, verwandte er auch naturwissenschaftliche, medizinische und astronomische Erkenntnisse für die Erklärung erläuterungsbedürftiger Stellen. Den Mischna-Kommentar verfasste er in arabischer Sprache, die in den mohamedanischen Ländern auch den talmudisch nicht gebildeten Juden geläufig war. II Wie ein kleiner Stern zur mittägigen Sonne, so verhielt sich dieses bedeutsame Werk zu seinem halachischen Hauptwerke, dem Mi schne Thora. Es ist kaum möglich, durch Worte darzustellen, wieviel Gelehrsamkeit, wieviel gedankenschöpferische Arbeit und wieviel künstlerische Gestaltungskraft in diesem grandiosen Werke steckt. Noch weniger ist es möglieh, dem Nichtkenner des talmudischen Schrifttums eine Vorstellung von der Leistung zu vermitteln, die Rambam durch dieses Werk vollbracht hat. Hätte er nur dieses einzige Werk geschaffen, er wäre einer unserer Größten aller Zeiten. Schon nach Anlage und Aufbau ist das Werk Mischne Thora ein erstmaliges und bahnbrechendes. Die Arbeit der Gaonim auf talmudischem Gebiete war eine mehr kommentierende als kodifikatorische. Sie verfassten Erklärungen über einzelne Stellen, Abschnitte oder Traktate der Mischna und Gemara. Ihre halachische Arbeit diente in der Hauptsache der Beantwortung der zahlreichen religiösen Anfragen, die aus allen jüdischen Gemeinden an sie herankamen, oder sie verfassten kurze Kompendien über Teilgebiete der Halacha. Die führenden Männer der naehgaonäischen Zeit, die auch um die Herausarbeitung und Fixierung der talmudischen Halacha bemüht waren, hielten sich gleichfalls an die Traktatseinteilung, Stoffverteilung und Stoffbehandlung des Talmud. Um nur den bedeutendsten und wirkungsvollsten zu nennen, Rabbi Isaak A 1 f a s s i verfasste eigentlich gekürzte Talmudtraktate. Wer seine halachischen Entscheidungen über einen Fragenkomplex kennen lernen will, muß vor allem wissen, wo der betreffende Fragenkomplex im Talmud behandelt wird. Dazu kommt ein anderes. Nur auE die praktische Halacha bedacht, behandeln die gaonäischen und naehgaonäischen Werke nur jene Talmudtraktate, deren Inhalt auch heute r. o c h, nach der Zerstörung des Heiligtums, und auch in den Ländern der Diaspora für die religiöse Praxis von Bedeutung ist. Beträchtliche Teile des talmudischen Stoffgebietes: Einrichtung des Heiligtums, Opferwesen, levitische Reinheitsgesetze, die auf Erez Israel und seinen Boden bezüglichen Gesetze u. a. m. sind unbearbeitet geblieben. Die meisten dieser Stoffgebiete haben freilich schon in der babylonischen Gemara keine Behandlung erfahren. Von den beiden Mischna-Ordnungen Seraim (Saaten) und Taharot (Reinheitsgesetze) hat nur der erste Traktat babylonische Gemara.

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