Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 8 (4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 294 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 294 soll, verfasste er, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, Erläuterungen zu den eherechtlichen, zivilrechtlichen und die Festtage behandelnden Abschnitten des babylonischen Talmud und eine Zusammenstellung der halachischen Entscheidungen des palästinensischen Talmud. Leider sind uns diese, wie noch einige andere talmudische Jugendarbeiten, bis auf wenige Zitate nicht erhalten geblieben. Hingegen besitzen wir eine .andere Jugendarbeit von ihm, die er für einen Freund verfasst hat: „Berechnung der Schaltjahre". In dieser Schrift erläutert er in leichtverständlicher Sprache die Hauptregeln des jüdischen Kalenders aufgrund astronomischer Wissenschaft. In Fez tiat der damals kaum Dreissigjährige in einem „Sendschreiben über den Glaubenszwang" (Auch unter dem Titel „Abhandlung über die Einsetzung des Lebens für die Heiligung Gottes") einem jüdischen Zeloten scharf entgegen, indem er ihn mit seinem überlegenen Wissen darüber belehrte, daß man sich dem Märtyrertod nur dann auszusetzen habe, wenn es sich um Zwang zu Götzendienst, Blutschande und Mord handle. Alle anderen Gebote und Verbote seien, wie die Weisen ein bekanntes Wort der Thora erläutern, dem Menschen gegeben, daß er durch durch sie „lebe" und nicht „sterbe". Bald nach seiner Niederlassung in Ägypten konnte Maimonides sein erstes großes Hauptwerk „Mischna-Erklärung", an dem er schon in Spanien im Alter von dreiundzwanzig Jahren zu arbeiten angefangen hatte, herausgeben. Das Werk ist arabisch verfasst unter dem Titel „Sirag", was soviel bedeutet wie „Licht". Und es trägt mit Eecht diesen Namen. Denn es bringt Licht in alle Dunkelheiten der Mischna und erklärt die Mischna, deren Sinn aus den verwickelten Diskussionen der Gemara oft nur schwer zu enträtseln war: es gibt ferner die endgültige Entscheidung der Halacha, vermittelt dem Anfänger eine Anschauung vom ganzen Talmud und bietet dem Gelehrten eine Uebersicht über den gesamten Umfang des Eeligionsgesetzes. Von ganz besonderer Bedeutung sind die wissenschaftliehen Einleitungen, die Maimonides dem Gesamtwerk und jedem schwierigen Abschnitt der Mischna voranschickt. In diesen Einleitungen erörtert er, unter anderem, Wesen und historische Geltung der „mündlichen Ueberlieferung", entwickelt (in der Einleitung zu den Sprüchen der Väter) ein vollständiges System der Ethik und Psychologie und stellt, anknüpfend an einen Lehrsatz der Mischna von der Auferstehung der Toten, eine Dogmenlehre des Judentums auf, die in den bekannten dreizehn Grundlehren gipfelt, die in das tägliche Morgengebet aufgenommen und im „Jigdal" poetisch bearbeitet wurden. Das arabische Original des Mischnakonimentars wurde noch bei Lebzeiten des Verfassers ins Hebräische übertragen, und diese hebräische Uebertragung wurde bald nach Drucklegung des Talmud als unentbehrlicher Bestandteil jeder gedruckten Talmudausgabe beigegeben. Die interessantesten Stücke wurden schon frühzeitig, das gesamte Werk zusammen mit der Mischna, von Surenhusius im 17. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt. In den äusseren Lebensverhältnissen des Maimonides halte sich inzwischen ein glücklicher Umschwung vollzogen. Nicht nur, daß ihn der Ruhm seiner Gelehrsamkeit und seine Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit zur höchsten Würde als Nagid, d. h. Fürst der ägyptischen Judenheit emporhob, er war zu gleicher Zeit auch ein vielbeschäftigter und berühmter Arzt, wozu er die Vorkenntnisse bereits in seiner Jugend in Spanien und später im Umgang mit arabischen Aerzten in Nordafrika gesammelt hatte. Sein Ruf drang bis an den, Hof des Kalifen, wo er Leibarzt des Wezirs und konsultierender Arzt in der Familie Saladins wurde. Eine Stelle als Leibarzt des Königs der Franken in Askalon (vermutlich Richard Löwenherz) schlug er aus. Eine große Anzahl medizinischer, vor allem auch hygienischer Schriften, verbreitete seinen Ruhm weit über die Grenzen Aegyptens. Von Zeitgenossen wird er als der bedeutendste Arzt seiner Zeit bezeichnet. In all seiner aufreibenden Tätigkeit als Führer der ägyptischen. Judenheit, als Rabbiner seiner Gemeinde Fostat und als vielbegehrter Arzt fand erdennoch Zeit, in dem Jahrzehnt von 1170-1180 sein großes talmudisches Hauptwerk „Mischne Thora" oder, wie er selbst es nannte, „Chibbur" .d. h. Summa Theologiae und, wie es später genannt wurde, „Jad hachasaka" (die starke Hand) zu vollenden, ein Monumentalwerk, das in der gesamten Weltliteratur nicht seines Gleichen hat. In dieser „zweiten Thora" stellt er zum erstenmal das gesamte jüdische Religionsgesetz in einzigartiger systematischer Geschlossenheit dar. Den nahezu unübersehbaren Stoff aus den schier unentwirrbaren Diskussionen des Talmud, das vielfach noch unbearbeitete Gebiet der aussertalmudischen Literatur in Tosefta, halachischen Midraschim, geonäischen Gutachten, trägt er in erschöpfender Vollständigkeit zusammen und ordnet das Ganze nach einem bis ins Einzelne durchdachten genialen Plan. So wird er zum großen Organisator des geistigen Gedankenguts des Judentums. Der Ruhm dieses in der Sprache der Mischna abgefassten Werkes verbreitete sich in allen Ländern der Erde, wo Juden wohnten. Mit beispiellosem Enthusiasmus wurde es in Arabien, Palästina, den Euphratländern, Spanien und vor allem in der Provence aufgenommen. Bis nach Indien wurden Abschriften versendet. Ueberschw engl ich klingt der Hymnus, den ein zeitgenössischer Dichter anstimmt: „Nie ist ein Werk geschrieben worden, das mit der Mischne Thora zu vergleichen wäre, und auf der ganzen Erde von einem Ende bis zum anderen gibt es keinen Mann, der ein solches Meisterwerk zustande brächte". Man nannte ihn den „großen Lehrer", den „starken Hammer", die „Fahne der Rabbinen", den „Erleuehter der Augen des Exils", „Glanz und Krone Israels", „Wunder der Welt vom Orient bis zum Okzident". Mischne Thora wurde zum Ausgangspunkt eines bis dahin unerhörten Aufschwungs des Talmudstudiums. Bis in die populistischen Disputierstuben der polnischen Jeschiwas des neunzehnten Jahrhunderts reichte der Einfluß dieses aufrüttelnden Werkes, indem die Gelehrten und Jünger einen „harben Rambam"2) .zinn Ausgangspunkte ihrer halachischen D'raschot 3) machten. Neben einer fast unübersehbaren Menge von Gutachten, Sendschreiben und kleineren Werken, wie „das Buch der (613) Gebote" und „Abhandlungen über die Auferstehung der Toten", die der gefeierte Lehrer in den letzten Jahrzehnten seines Lebens schrieb und von denen vor allem sein , Sendsehreiben nach Jemen"4) hervorzuheben ist, entstand als drittes Monumentalwerk, das er im Jahre 1190 vollendete, sein (wieder in arabischer Sprache verfasstes) philosophisches Hauptwerk, das klassische „Standard work" des Judentums „Dalälat al Hairin" oder, wie es in der hebräischen Uebersetzung des Samuel ihn Tibbon genannt wird: „M o r e n e b u c h i m" (richtiger „More n'bokhim") „Führer der Irrenden". Ohne auf den an Originalität und Fruchtbarkeit überreichen Inhalt dieses bahnbrechenden Buches, das der Freiheit des Gedankens im Judentum die Pforte öffnete, einzugehen, (und das hier von anderer Seite eine Darstellung finden wird) sei nur kurz die ungeheure Wirkung angedeutet, die von ihm, noch gewaltiger als vom Mischne Thora, ausging. Im Judentum rief es einen Sturm hervor, auf der einen Seite einen Sturm der Begeisterung, auf der andern einen Sturm der Entrüstung, dessen Wellen zwei Jahrhunderte lang hoch gingen und der bis zum heutigen Tage die Geister scheidet. In alle 2) Rambam ist der aus den hebräischen Anfangsbuchstaben der Worte: Rabbi Mosche ben Maimon (RMBM) zusammengesetzte, in der jüdischen Gelehrtenwelt gebräuchliche Name des Maimonides: harb im Jüdischdeutsch soviel wie herb, schwierig. Gemeint ist, daß eine wirklich schwierige oder auch nur zunächst als schwierig hingestellte Stelle aus Mischne Thora mit anderweitigen Stellen aus dem Talmud oder der halachischen Literatur zusammengestellt und schliesslich ausgeglichen wird. 3) D'raschot werden die talmudischen Disputationen genannt. 4) In diesem erhebenden Trostschreiben heisst es u. a.: „Die göttliche Lehre, die wir in Händen haben, hat uns von jeher Feinde erweckt, und man strebte stets danach, uns von ihr abwendig zu machen. Wir haben im Altertum gelitten, und unsere Leiden sind nicht geringer geworden, seitdem zwei neue Religionen entstanden sind, die christliehe und die mohamedanische. Weil die unsre eine Lehre der Wahrheit ist, darum müssen wir für sie dulden. Aber die Leiden werden uns nicht erdrücken. Die Leiden sind für uns ein Prüfstein, und es gereicht uns zum Stolz und Ruhm, in ihnen zu bestehen".