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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 287

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 287 (sequence 37)
Language
German
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Seite 287 £@SS« 3 t tt i> e r * <£ tf e Scchse tippeln nach Susa Ein Purimmärchen Auf der etwas holperigen Landstrasse bewegten sich sechs Jungen, sämtlich nach einigen Wänderstunden nicht mehr so frohgemut wie beim Abmarsch, den sie aus eigenem Antrieb — wenn auch mit Zustimmung der Eltern — angetreten hatten, um in der Welt ihr Glück zu suchen. Sie waren hungrig und durstig, leider auch etwas uneinig, dafür hatten sie wenig Geld im Beutel. Sie wollten sich die große Welt ansehen, von der sie keine Ahnung hatten, weil sie aus einer sehr kleinen kamen. Und im geheimen dachte jeder von ihnen, daß ihnen irgendwie Ungeahntes, Wunderbares, Zauberhaftes begegnen müßte. Und darin sollten sie sich nicht täuschen. Die sechs Wanderbrüder und wirklichen Brüder sind die nämlichen, von denen im Chanukkamärchen die Kede war, und von deren Schicksalen eigentlich erst zum nächsten Chanukkafest erzählt werden sollte. Die Schriftleitung dieses Blattes aber ist von neugierigen und gespannten jungen Lesern und Leserinnen bestürmt worden, die Fortsetzung bald und bälder zu bringen, es sei rein unmöglich, länger zu warten. Nicht weniger als dreitausendfünfhundertundsiebenundachtzig Briefe liefen ein, selbst Drohungen mit Abbestellung des Blattes haben nicht gefehlt, nicht zu gedenken der heftigen Telephongespräche, die der Herr Schriftleiter über sich ergehen lassen mußte. Und so erfolgt denn in Vorverlegung der Versprechenserfüllung schon zu Purim der Geschichte zweiter Teil. Auf die Wanderschaft also gingen sie voll Erwartung und Hoffnung im Gedanken an die Erfolge der beiden anderen Brüder. Klar, daß sie nicht beisammen bleiben konnten; am nächsten Kreuzweg wollten sie sich trennen; aber im Eifer des Gesprächs übersahen sie diesen und auch noch einige folgende, und als es dunkel zu werden begann, hielten sie es doch für richtiger, die Nacht über noch zusammen zu bleiben. Ehe sie an dieTore der nächsten Stadt kamen, hatten sie einen kleinen Wald zu durchschreiten. Hier wurde ihr Weg plötzlich durch eine seltsame Erscheinung gehemmt: Ihr Blick fiel auf die merkwürdige Gestalt eines kleinen Männchens, das nur eine Andeutung von Nase, dafür aber einen gewaltigen Kropf hatte. „Euch schickt mir der Himmel!" rief es den verdutzten Jungen zu, die garnicht gleich merkten, daß sie gemeint waren. Da aber sonst weit und breit niemand zu sehen war, so mußten sie es wohl sein. „Wer sind Sie?" fragte einer der Brüder, „und wozu soll der Himmel uns gesandt haben?" — „Setzt euch zu mir auf diese Bank und laßt euch erzählen." — Den Jungen war diese Gelegenheit zur East sehr willkommen. Zwei setzten sich rechts von, dem Männlein, zwei links, einer kletterte auf die Lehne hinter ihn und der sechste setzte sich auf seinen Rucksack zu Füssen des sonderbaren Fremden, der ilmen durch seine angenehme Stimme und eine gewählte Ausdrucksweise bald Vertrauen einflößte. Sio erfuhren, daß ein von seiner Truppe verlassener Führer einer Schauspielergesellschaft zu ihnen sprach. Alles hatten die heimlichen Ausreißer mitgenommen, die Theaterkasse, fast alle Kostüme, sogar die meisten Kulissen. Nur wenige Ausstattungsgegenstände und die Schminkdosen hatten sie ihm dagelassen. Aus sechs Mitgliedern, vier Herren und zwei Damen, hatte die Gesellschaft bestanden. Aber nun komme er sich vor wie Saul, der die Eselinnen wieder gefunden habe. Die Jungen lachten, sie seien doch keine Schauspieler und ausserdem lauter männliche Wesen. Aber der Herr Schauspieldirektor gab nicht nach. Er wollte sie in wenigen Tagen mit den Rollen eines. Ritterstückes vertraut machen, das überall den größten Erfolg gehabt und schöne Einnahmen erzielt habe. Zweie von ihnen,, sagte er. «u den Brüdern, seien für Frauenrollen wie geschaffen, und er bezeichnete die beiden, die wir früher als den Empfindlichen und den Nesthaken kennen gelernt haben. Der älteste, der Spielverderber, sagte gleich, das sei lauter Bluff und nichts für seines Vaters Sohn. Aber die anderen fanden soviel Gefallen an dem Abenteuer, daß sie in die dargebotene Hand des Mannes einschlugen. Da gab der älteste auch nach, und fertig war die neue Theatertruppe. Und ein eifriges Lernen hub an, unter Lachen und tausend Späßen glitten die Rollen ins Gedächtnis, die Sprache wurde gefeilt, die Mimik einstudiert und tagelang von morgens bis abends geübt. Nach einer Woche fand in einer Scheune die erste Aufführung statt. Die gar so schnell ausgebildeten Schauspieler hatten natürlich mächtig Lampenfieber und der Erfolg war infolgedessen massig. Aber das Lampenfieber schwand von Tag zu Tag mehr, und in jedem neuen Orte wurde der Beifall größer. Ihr Mut wuchs, sie studierten immer mehr neue Stücke ein: Lustspiele, Trauerspiele und Rüpelszenen. Die spielten sie am liebsten; dabei konnten sie sich so recht austoben. Dafür hatten sie auch den größten Erfolg, besonders bei der Dorfjugend überall. So lernten die sechs ein schönes Stück Welt kennen und waren froh und vergnügt. Sie wären es noch mehr gewesen, wenn ihr Chef neben seinen guten Eigenschaften nicht auch einen Fehler gehabt hätte: Er war oft sehr zerstreut. Besonders vergesslich war er, wenn es galt, den Künstlern ihre Gage zu zahlen, was wohl auch der Grund gewesen sein mochte, daß seine frühere Truppe ihn verlassen hatte. Man zog weiter und weiter, lernte immer mehr Dörfer und Städte kennen. Nirgends blieb man lange. Die Brüder waren glücklich, daß sie beisammen bleiben konnten, daß sie soviel Neues zu sehen bekamen, Berge und Flüsse, Burgen und stolze Gebäude, Wälder und Täler, und sie fanden Gottes Welt wunderschön. — Besonders vergnügt waren sie, wenn ihre Aufführungen kräftig beklatscht wurden, und das wurden sie. Die Truppe kam auf ihrer Tournee allmählich wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück, und eines Tages merkten die Brüder, daß sie nicht mehr weit von der Heimat entfernt waren. Sie gaben wieder eine Vorstellung in der Scheune, in der sie zuerst aufgetreten waren und verabredeten, am anderen Tage auf de- Tank im Park, von wo aus sie ihren Start ins neue Leben genommen hatten, eine Erinnerungsstunde zu feiern. — Da sassen nun die sechse und warteten auf ihren Meister. Aber der kam nicht. Er war mit der Kasse und dem größten Teil des Inventars heimlich entwichen. Das schien so ein bisschen Mode zu sein bei den fahrenden Künstlern. Die Brüder waren nicht einmal so sehr traurig; hatten sie doch einen guten Blick ins Leben getan, hatten viel gelernt und fühlten sich ein wenig als selbständige Künstler, die als solche schon in der Welt fortkommen wollten. Und selbstverdientes Geld hatten sie auch in der Tasche, und das macht Mut. Sie saßen erst mal eine Weile ganz still und überdachten die neue Lage. Plötzlich sagte der Nesthaken: „Mir fällt etwas ein!" — „Wird schon was Rechteö sein", ertönte das Echo. Doch der Redner Hess sich nicht einschüchtern. „Habt ihr eigentlich schon daran gedacht, daß morgen Purim ist? Wie wärs, wenn wir in unser so nahes Heimatsdorf gingen und ein schönes Purimstück aufführten?" — „Das geht nicht", sagte der Spielverderber sofort, „wir haben kein passendes Stück". Aber beim Hin- und Herreden kamen sie doch schliesslich auf eine richtige Idee. Sie verfassten in aller Eile ein Purimstück, richtig mit Mordechai und Esther, mit Haman und Ahasveros und was so dazu gehört. Dann zogen sie sich an eine entlegene Stelle im Park zurück, verteilten die Rollen und fingen an zu lernen und zu proben. Sie hatten so große Uebung darin, daß alles bald wunderbar klappte. Die Eichhörnchen hörten interessiert zu. Am Nachmittag des Purim zogen sie selig ins heimatliche Dorf ein. Das elterliche Haus war leer und dunkel; die Türe stand offen, sie wird ohnehin auf dem Dorfe selten geschlossen. Sie begegneten niemand. Gewiß war die ganze Gemeinde und die Eltern auch bei der Purimfeier, im Gemeindehaus. So hatten sie wunderbar Zeit, sich für die Aufführung zu kostümieren und un-

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