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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 285

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 285 (sequence 35)
Language
German
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Seite 285 Berufsumschichfung oder Hädischarah — Immigration oder Alijah! Die Ursache der Berufsumschichtung in der Neigung ihrer Träger zu suchen, mag in Einzelfällen zutreffen. Der Umschichtungsprozess jedoch, den gegenwärtig die jüdische Jugend in Deutschland durchmacht, geht auf andere Tatsachen zurück. Die bisherige berufliche Schichtung innerhalb des deutschen Judentums, die eine anormale war, bereitete den Boden vor, aui dem sich der Deformationsprozess abspielt. Der Anlass zu dieser Berufsumschichtung grössten Ausmasses waren die Ereignisse, die das Verhältnis unserer Umwelt zu uns so wesentlich veränderten. Von aussen gestossen, wurde uns unsere eigene Lage klar und von aussen begrenzt, wurde uns die Richtung und das Tempo augenblicklichen Handelns vorgeschrieben. Wenn man der irrtümlichen Meinung ist, daß nur die im Jahre 1933 zur politischen Form gewordene Abneigung gegen uns den Zwang auf uns ausübt, in andere Berufe zu gehen, so müßte man den Schluss ziehen, daß die leichteste Lösung dieser Fesseln uns die Chance gibt, in die alten Berufe zu gehen. Damit würde man die Umschichtung bagatellisieren und seine Entscheidung ohne Verantwortung für sich und seine Generation treffen. Man degradiert die Umschichtung zum Notbehelf, weil nicht die wirkliche Verbundenheit mit dem neuen Beruf, gefordert wird, sondern die Situation als „Ermangelung eines Besseren" angesehen wird. So wird ein Dualismus geschaffen, der den Menschen unglücklich machen muß. Was soll der Umschichtler tun, wenn die technische Berufsumschichtung nach einer meistens nicht länger als 1% Jahren dauernden Ausbildung vollzogen ist. Er mag zwar einiges von seinem neuen Beruf gelernt haben, aber es gehört schon eine bemerkenswerte Unkenntnis dazu, zu glauben, daß man jetzt die Fähigkeit besitzt, im neuen Beruf anderen Arbeitern gleichwertig zu sein. Die Kultur des deutschen Handwerks ist eine so hohe und oft durch viele Generationen an die Menschen und deren Instinkt gebunden, daß der Umschichtler einer wirklichen Konkurrenz nicht standhalten könnte. Hinzu kommt noch, daß die administrativen Verordnungen, wie Meisterprüfungen und Lehrlingsgesetz, unseren Menschen die Existenzbasis erschweren. Im Uebrigen veranlasst oft ein schlechter Gesundheitszustand den Umschichtler zu Arbeitsunterbrechungen. Wieweit das Lehrpersonal und die zuständigen Institutionen unserer Gemeinde diesen neuen Besonderheiten des Problems einer Erwachsenen-Erziehung im Handwerk gewachsen sind, soll hier unerörtert bleiben. Die Fähigkeiten, die die Berufsumschichtler nach den VA Jahren besitzen, werden meist überschätzt. Nichts ist dafür verantwortlich zu machen, als die Neuzeit unseres plötzlich veränderten erzieherischen Aufgabengebietes. Aus diesen Umständen ergibt sich die Notwendigkeit, daß der körperlichen Umschichtung eine sehr straffe geistige hinzugefügt werden muß. Der wirkliche Schwerpunkt der Umschichtung liegt in der Zeit nach der Umschichtungsperiode, in der der Umschichtler gezwungen ist, sein Brot im neuen Beruf zu verdienen. Hier erkennt man erst, was wirklich fehlt und es wird durch die geringere Leistungsfähigkeit schwer sein, auch nur den niedrigen Lebensstandard der Umschichtungszeit zu erhalten.""Ueber diese schwere Epoche muss die geistige Vorbereitung den Menschen helfen. Er muß das Bewusstsein besitzen, daß die äussere und innere Veränderung seines Lebens gebunden ist an das Schicksal seiner Generation, der er nicht entrinnen kann, auch wenn sich ihm hie und da eine scheinbare „Chance" bietet. Die Berufsumschichtung kann für die jetzige Generation nur dann einen wirklichen Wert haben, wenn sie so sinnvoll und zweckhaft unterbaut ist, dass sie in allen sich ergebenden oekonomischen und politischen Verhältnissen, den Menschen die Chance gibt, sich einzuleben. Der Umschichtler muß das Bewusstsein besitzen, daß ihm sicher niemals der Lebensstandard der vormärzlichen deutschenjudentums erreichbar sein wird, womit nicht gesagt ist, daß er nicht das Recht hätte, nach einer jeweiligen Erhöhung des Lebensstandards zu streben. Für eine neue, hineingeborene Generation werden andere Lebensformen und Lebensinhalte keine Schwierigkeiten bedeuten. Für uns aber, die Generation des Ueberganges, ist diese gewollte und erlebte Veränderung der Prüfstein für die Richtigkeit unserer Erkenntnisse. So muss im Umschichtler eine Umwertung aller Werte vorgehen. Er muß lernen, sich an anderen Werten, als denen seiner Vergangenheit zu orientieren. Die Arbeit muß für den Umschichtler einen anderen Sinn bekommen. Sie darf nicht nur Mittel zum Zweck sein, zum Zwecke eines nicht mit ihr zusammenhängenden Lebens, sie muss letzter und reichster Inhalt seines Seins werden. Nur wenn der Umschichtler bis in sein Innerstes von der Veränderung, die mit und in ihm vorgegangen ist, ergriffen wurde, hat die Berufsumschichtung einen wahren Sinn gehabt. Sie ist zur Hachscharah geworden, die ihn zur Entfaltung all seiner Fähigkeiten vorbereitet, deren jedes menschliche Individium viele besitzt. Die Konsequenzen aus dem allem bestimmen den Inhalt der Auswanderung, ob sie eine Emigration oder eine Alijah sein soll. Allen nur möglichen Schwierigkeiten, die sich aus der Neuverwurzelung in einem fremden Lande ergeben können, werden dem „Emigranten" entstehen. Er wird nur immer das suchen, was er bisher in seinem bürgerlichen Leben auch gehabt hat. Ihm ist die Notwendigkeit des Anlegens anderer Masstäbe, des Suchens nach ganz neuen Beziehungen zu Menschen und Dingen fremd, und er wird in der Entwicklung immer hinter der normalen Entwicklung seiner Umgebung zurückbleiben. Schwieriger noch als in jedem anderen Lande gestalten sich die Fragen des Einlebens in Erez Jsrael, wo es bei dem Tempo der Entwicklung einer großen inneren Festigkeit und Sicherheit des einzelnen Menschen bedarf, um das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können. Dieses Land „trägt" keine Neueinwanderer. Es verlangt von Jedem, dass e r ein Träger sei. Es verlangt die kleinen Schwierigkeiten des Alltages zu überwinden und jederzeit die großen Notwendigkeiten des Aufbaus mit seiner persönlichen Individualität zu verbinden. Das Land erfordert Menschen, die mit der inneren Bereitschaft, es zu lieben, wie nur geliebt sein kann, wie eine Mutter geliebt sein möchte. Man muß den Willen besitzen, sich einzuleben, alles aufzugeben, wenn es die Situation erfordert, und doch nicht mit dem Willen hingehen, möglichst viel Berlin oder Frankfurt/M. zu bewahren oder zu finden. Die Sonne, das Klima Erez Israels verlangt ein anderes Leben mit anderen Inhalten. Hier beginnt der große Irrtum der Emigration. Der Trägheitswiderstand gegen die Umwelt kennzeichnet den Emigranten. Es ist oft erschreckend zu sehen, wie masstablos er in der neuen Welt lebt. Insbesondere, wenn ihm die Prosperity eine kleine materielle Existenzbasis geschaffen hat. Er ist berauscht vom vielen Europa, das er schon in Tel-Aviv findet. Er bemüht sich nicht, um eine wirklich persönliche Eingliederung. Was aber wird in der Zeit einer wirtschaftlichen Krise sein? Er ist kein Palästinenser geworden und besitzt die Fähigkeit wieder zu emigrieren. Der Oleh dagegen bemühte sich um das Land, er ist mit ihm verwachsen und bereit, alle Schwierigkeiten in ihm zu tragen — weil es seine Heimat geworden ist. Jeder Mensch, der nach Erez Israel geht, soll wissen, daß es nicht gentigt, die nackte Existenz zu finden, sondern daß dort nur die Alijah die Lösung der Judenfrage, die er gesucht hat, bedeuten kann. Leo Jelesniakow Ein gutes Jugendbuch „Du wirst einen Sonnenstich bekommen, Gurion!" „Ich bin im Sommer auf dem Feld geboren."— „Du wirst Dich im kalten Regen erkälten."— „Als ich klein war, hat man mich mit Regenwasser gewaschen."— Es ist schon recht blamabel, wenn auch dem geschichtlich Erkennenden verständlich, daß es uns bis jetzt nicht gelungen ist, eine jüdische Jugendliteratur in deutscher Sprache zu schaffen. Nicht nur fehlt es uns an Gegenstücken zum ,Tom Sawyer', „Winnetou" oder zu „Emil und die Detektive", die angebotenen Bücher liegen sogar Fast ausnahmslos unter dem Durchschnitts- *

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