Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 7 (3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 255 der -Großvater Josef — schon Kommerzienrat— das Elternpaar vom Sohne selbst gemalt. Führende Männer der Wirtschaft und der Verwaltung hat-die: weitverzweigte Familie dem deutschen Vaterlande geschenkt, auch die Rathenaus und Hallers gehörten dazu. Ein Haller, Sohn seines Großoheims, war jener bedeutende Bürgermeister Hamburgs, von dem Bismarck gesagt, dass er zu gross für seine Stadt gewesen; er hatte verhindert, dass Hamburg 1866 wie Frankfurt preussisch wurde.— Deutsch war Liebermanns künstlerische Welt. Gewiss gilt von ihm.was er selber von Daumier und Menzel geschrieben, dass er die gesamte Bildung seiner Zeit in sich aufgenommen. Die Weite seines Blickes, die umfassende Kenntnis auch ausländischer Kunst hat sein künstlerisches Schaffen befruchtet. Millet hat ihm die Grösse der Form, Israels die tiefere Erfassung des Seelischen und Organischen in Mensch und Natur vermittelt.dieKunst eines Manet und der späteren französischen Impressionisten seine Malerei aufgelockert und aufgehellt; aber dies alles lag doch in der geraden Linie seines Strebens: Gute Malerei zu leisten, gute, ehrliche Malerei im Sinne der deutschen Meister! Diesen fühlte er sich verbunden und verpflichtet. Wie liebte er den alten Schadow! Es beglückte ihn, wenn man Worte, mit denen Fontane diesen Altmeister charakterisierte, auf ihn anwendete, beglückte und beschämte ihn, weil sie zutrafen. Wie tief war die Ehrfurcht vor Menzel, dem Künstler und dem Menschen — man lese seine lebendige Studie über den Meister — und wie gross war sein Respekt vor Leibi! Zu ihm, der kaum drei Jahre älter war, wollte er sich als Schüler begeben, und noch vor wenigen Jahren, als er eine Anzahl Meisterwerke europäischer Kunst in der Akademie vereinigt hatte, und ich ihm Worte der Bewunderung über einen schönen Cezanne sagte, wmkte er energisch ab: „Ne ne — aber der Leibi!" und seine dunklen Augen glühten. Arbeiten von Franz Krüger und Adolf Menzel sprachen zu ihm von den Wänden seines Sommersitze's in Wannsee — nicht als Wandschmuck empfunden, sondern als kostbares, verpflichtendes Erbgut.-- So musste denn auch seine Kunst deutsche Kunst werden. Man mag noch so sehr von dem Einfluss französischer Impressionisten reden — eine Konfrontation ihrer Bilder mit denen Liebermanns würden den grossen Unterschied erweisen, nicht nur in der Individualität, sondern im künstlerischen Gesamtcharakter, in der Erfassung und Gestaltung des Natureindrucks: Liebermanns „Biergarten in Brannenburg" ist das deutscheste Bild in Paris, erklärte ein bekannter Münchener Maler. Es ist ein Zwiefaches, was wir1 als deutsch bezeichnen möchten: die Intensität, dieUnbedingtheit mit der ein Natureindruck erfasst, erlebt wird, und die Konsequenz, die Disziplin, mit der er Gestalt gewinnt. Diese Verbindung von Leidenschaft und Zucht gibt Liebermanns Werken das Gleichgewicht, selbst den bewegtesten, wie den „Polospielern" und nicht selten auch eine innere Grösse. Seine Bildnisse, zumal aus den letzten Jahren, offenbaren das deutlich. Er hat die Grösse des historischen Moments tief empfunden, als er, der achtzigjährige Maler, den achtzigjährigen Reichspräsidenten malte; da bedurfte es keiner Heroisierung: die menschliche Grösse, aus der alle Handlungen des Feldherrn und Staatsmannes hervorgegangen, galt es einzufangen, und so wurde sein Bild eine Huldigung vor der schlichten Würde einer bereits historisch gewordenen1 Persönlichkeit. Es war der Höhepunkt seines Lebens, weil es Anerkennung seiner künstlerischen und menschlichen Gesinnung zugleich war. Mochte er auch noch so oft erklären, daß „das Genie der Welt gehöre"— er zitierte damit Goethe— und es war seine Ueberzeugung dass auch die Kunst der Welt gehöre— so tat dies seinem nationalen Gefühl keinen Abbruch. Als man dem jungen Menschen nach seinen ersten Erfolgen in Paris nahe legte, Franzose zu werden, lehnte er dies mit aller Entschiedenheit ab, und als vor wenigen Jahren eine Ausstellung seiner Werke in Paris geplant war, aber verhindert wurde, weil er während des Krieges seine Unterschrift unter den Protest deutscher Intellektueller gesetzt hatte, da erklärte er: „Und ich stehe zu meiner Unterschrift— ick tät's wieder, und wenn man mir die Hände abhacken sollte!"--Sein ganzes Wirken war Max Liebermann, Selbstbildnis dem Ruhm und der Würde deutscher Kunst geweiht. Bei der Eröffnung der 1. Sezessionsausstellung 1899 beschränkte er 3ich auf die „nationale Kunst" und'erklärte: „Unsere etwaigen Schwächen durch Anleihen beim Auslande zu verdecken, schien uns der deutschen Kunst nicht würdig."— Aber er hat für die Anerkennung deutscher Kunst im Auslande zeitlebens gekämpft und ihr dort das Gastrecht errungen, wie auch er ausländische Kunst bei uns zu Gaste lud und dadurch dem gesamten deutschen Kunstleben neue Impulse verlieh. Der deutsche Künstler des 19. Jahrhunderts hat um seine Anerkennung Jahrzehnte lang kämpfen müssen: wenn er nicht verhöhnt wurde, so wurde er doch verkannt. So erging es einem Feuerbach, einem Böcklin, einem Thoma, einem Marees— Liebermann dagegen blieb kein einsamer, er hat Weggenossen gefunden: neben Corinth und Slevogt, Leistikow und Franck noch viele andere, die mit ihm aus einer ,Richtung' eine Kunstbewegung schufen, weil diese Generation, durch ihr frei gewähltes Vorbild mitgerissen, nicht auf die künstlerische Form der Vergangenheit zurückgriff, sondern für ihre Zeit ihre eigene malerische Ausdrucksform erstrebte und erreichte. Diese Kunstepoche eines halben Jahrhunderts ist aus der deutschen Kunst nicht wegzu- Max Liebermann. Studienköpfe Zeichnung 1891 denken und ihre Eroberungen werden allezeit befruchtend nachwirken. Niemals hat Liebermann geglaubt, daß sein Werk und das Schaffen seiner Epoche Abschluss sei: „Kunst ist ein ewiges Werden und Vergehen! Es wäre der Tod der Kunst, wenn sie zum Dogma erstarrte!"