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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 254

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 254 (sequence 4)
Language
German
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Seite 254 Lebenslagen' der jüdischen Gemeinschaft belehren wollen. Es zeigt uns vor allem einen Mann, der ein — isch jehudi — ein jüdischer Mensch im vollen Sinne des Wortes in Lehre und Leben war, einen Mann, der — nach der Tradition (Midräsch zur Estherrolle) — auch in glücklichen ungetrübten Zeiten des Perserreiches in dem er wohnte, nicht vergaß, daß er ein Jude war. Ein Volljude, der in der „schönen Ära" des innigen Zusammenlebens mit den Persern sich dem Ewigen und seinen Gesetzen nicht entfremdete. Dieser Mordechai bleibt eine Persönlichkeit, die vor Menschen nicht niederkniet und niederfällt, der selbst, im Tore des Königs sich aufrecht und stolz als Jude bekennt, der nichts anderes als ein Jude sein will. Im Talmud (Chulin 139b) wird die Frage aufgeworfen: Wo steht eigentlich Mordechai in der Thora? und er antwortet in bezeiclmender Weise: Mor deraur — ein Myrrhenbündel. Der Talmud will mit diesem eigentümlichen, den Klang des Wortes nachahmenden Vergleich uns erklären: Das Myrrhenbündel, die schönen Eigenschaften des Mordechai verdankt er einzig und allein der Thora, ist „min hatauroh", von ihrem Geiste, der ihn gebildet, von ihrer Auffassung, die ihn gewappnet, von ihren Gesetzen, die ihn gebunden, von ihrer Lebensanschauung, die ihn zur Persönlichkeit gemacht und gefestigt. Wenn das Wort wahr ist, „an den Früchten sollt ihr sie erkennen", so erfahren wir aus den Erziehungserfolgen an Esther, wie groß sein Einfluß, wie stark seine jüdische Gesinnung, sein jüdisches Tatleben gewesen. Wieder malt uns in anschaulichster Form dieses Estherbuch die Frauengestalt, die der „Rolle" den Namen gegeben. Ausgezeichnet mit den Tugenden eines einfachen, demütigen Sinnes,einer gewinnenden Anmut und zarten Bescheidenheit verdankt Esther ihrem Oheim Mordechai alle diese edlen Charakterzüge, die sie zur Königin befähigen.Der Talmud (Chulinl39b) fragt auch bei Esther: Wo steht eigentlich Esther in der Thora? Er antwortet wieder mit Treffsicherheit: Es steht geschrieben, „ich will im Verborgenen walten". Diese dadurch gekennzeichnete bescheidene Gesinnung erfüllt zugleich das Herz Esthers mit Gottvertrauen und Mut, sodaß eliut schel chessed moschuch oleho Liebe und Treue sie veredeln (Talmud Megilloh 13 a), daß sie durch ihr stilles Wesen alle, selbst den Ahasveros für sich gewinnt. — Watilokach Esther (Esther 2,16) sie hat sich nicht nach ihm gedrängt, „sie wurde genommen", von einem Tyrannen, einem Despoten genommen, der nicht.lange nach ihrem Willen fragte. Lau bikschoh dowor (ibd. 2,15) sie ersehnte nichts, sie verlangte nichts und und fand doch Sympathie in den Augen aller,-die sie sahen." Ja, als „Königin über 121 Provinzen" ist sie ihrem Oheim Mordechai ebenso gehorsam und treu „wie in der Zeit, als sie noch in seinem Hause und seine Pflegetochter war." (ibd. 2,20). Sie weiss in der Not ihres Volkes, was sie will, und was sie diesem ihrem Volke schuldig ist. Sie gibt dem Wunsche Ausdruck (ibd. 4,16): „Gehe— so spricht sie zu Mordechai —, sammle alle Juden und kehret um," .— Sammlung und Einigung aller jüdischen Menschen, Umkehr zum angestammten Väterglauben — das erscheint Esther in einer Zeit widrigen Volksgeschicks mehr denn je die Forderung der Schicksalsstunde, das Postulat des Tages. Einheitslinie und Einheitsfront aller jüdischen Menschen auf der Grundlage der Einkehr zu sich selbst und Umkehr zu Gott. Mordechai und Esther — alte und junge Generation — Männer und Frauen, einig im Einstehen für ihr Judentum, einig im> Gedanken und Gedenken an Lehre und Ehre! Einigung Israels zur inneren Sammlung und Selbstbesinnung — das ist Anschauungsunterricht der Megilloh an Hand der Gestalten Mordechais und Esthers. Durch diese Selbstbesinnung wurde das Israel des Zeitalters eines Ahasveros eine einige Gemeinschaft, ein einiges Volk. Weam niwro tehallel haschem (Psalm 102,19) se daurau schel mordechai. Das Psalmenwort „ein neugeschaffenes Volk preist den Ewigen" wurde wahr, so meint die jüdische Ueberlieferung, am und im Zeitalter Mordechais. Die Juden hatten sich wieder das Geisteslicht der Thora (auroh su tauroh), die innere Befriedigung und Freude, ein jüdisches Volk zu sein (sosaun wesimchoh), die innere Haltung und die Würde eines jüdischen Bewusstseins (jekor) erobert. Wie wir den aus diesen hebräischen Worten geprägten Satz an jedem Ausgang des Schabbath wieder von neuem formen und dann uns selber mahnen, Kein tihjeh lonu, so wünschen wir, daß uns im dunklen Zeitenschosse die heiteren Lose (Purim) aus des Ewigen Hand gewährt werden, die uns bald verkünden: Lajehudim hojso auroh wesosaun wesimcho wikor den Juden war Licht, Freude und Würde. Max Liebermann von Dr. Arthur Galliner „Der Inhalt der Kunst ist die Persönlichkeit des Künstlers!" — Dies Wort ist wohl das Tiefste über das Wesen der Kunst, was Max Liebermann ausgesagt hat, das Tiefste auch, was er über seine eigene Kunst zu sagen vermochte. Das Mysterium künstlerischen Schaffens existierte für ihn: „Das Genie ist ein Geschenk der Götter, welches sie ihm in die Wiege gelegt haben und für dessen Dasein wir ebensowenig einen ontologischen Beweis führen können, wie für das Dasein Gottes! — Seltsam! Der Maler, der als „Realist" verschrien, als „Impressionist" abgestempelt war, fühlt das grosse Geheimnis' künstlerischen Gestaltens, er ahnt die Transzendenz im Werdeprozess des Kunstwerks. Aus dieser tiefen Einsicht erklärt sich die Einheit seines Werkes, die Verschmelzung von Geist und Technik in seiner Malerei: die Technik war ihm nur Ausdruck des Geistes. Seine Begabung ward ihm zur Aufgabe, d. Ii. zur Verpflichtung „seine Natur so restlos und überzeugend als möglich durch die Mittel seiner Kunst zum Ausdruck zu bringen". — So müsste denn das Werk, das nun entgültig abgeschlossen vor uns steht, Aufschluss geben über die Persönlichkeit seines Schöpfers. Ein Werk von ungeheurer Spannweite! In einem Zeitraum vor mehr als sechs Jahrzehnten entstanden, offenbart es eine schöpferische Kraft und zähe Energie, wie sie nur selten einer Menschennatur eignet, kündet von einer Vielseitigkeit, einer Universalität, wie sie nur bei wenigen Malern sich findet. Die Gestalten der grossen Meister aus der Geschichte der Kunst steigen auf, die nicht nur eine Richtung, nur ein Kunstgebiet, sondern eine Epoche repräsentieren. So repräsentiert Max Liebermann die Epo ch e der bürgerlichen Gesellschaft u n d K u 1 t u r im Zeitraum vom deutsch-französischen Kriege bis zum Weltkrieg. Nach diesem ward ihm auch die offizielle Anerkennung der Stellung zuteil, die er vorher tatsächlich im deutschen Kunstleben sich bereits errungen hatte. Allerdings nach harten Kämpfen! Aber er war von Anbeginn seineni Weg mit der Selbstsicherheit gegangen, die nur dem festen Vertrauen auf den schöpferischen Dämon in ihm selbst entspringen konnte. Die Urtümlichkeit der künstlerischen Begabung, die schon sehr früh sich zeigte und alle Widerstände siegreich überwand, ward freilich nicht dem blinden Zufallstreiben überlassen, sondern in strenge Zucht gegeben. Die Altberliner Tradition wird — in Steff ecks Atelier — von ihm aufgenommen, und er bleibt ihr verhaftet, auch nachdem er in Weimar und München, in Paris und in Holland starke Anregungen und Wandlungen erfahren: die Klarheit der Konzeption, das Straffe und Strenge im Aufbau des Bildes und die solide Qualität der Malerei — dies alles blieb berlinisch, blieb preussisch und deutsch — mußte so bleiben, weil er im Innersten Berliner, Preusse und Deutscher war. Die Bildnisse dreier Generationen hängen in seinem Arbeitszimmer, deren Heimat die Mark und dann Berlin gewesen; die Urgrossmutter Landsberger,

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