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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 243

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 243 (sequence 37)
Language
German
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Seite 243 neuen Variationen entstehende Möglichkeit des Amüsements und der Massenvergnügungen aus, füllte die Kinos, Revuen, Operettentheater. Es galt das Jung-Sein um seiner selbst willen. Auch das galt für die jüdische wie für die nicht jüdische Jugend gemeinsam. Doch was vorauszusehen war, trat ein: Auch dieser Hunger wurde gestillt und die Jugend sättigte sich mit diesen Dingen. Und nun fühlte sie plötzlich wieder die Leere, die sie vor dem Krieg in die Jugendbewegung hineingeführt hatte, stärker noch als jemals zuvor. Wieder stand die Jugend sehnsüchtig in Bereitschaft auf den großen Sinn, dem sie nachleben, den großen Gehalt, der sie ausfüllen könnte. Und dieser bot sich ihr nun, bot sich ihr in der Form des neuen nationalen Gedankens der stark, heldisch und zugleich mystisch Erlösung versprechend, mit ungeheurer Intensität von ihr Besitz ergriff. Und es ist das für uns so bedeutsame und im Gegensatz zur bisherigen Entwicklung wie wir sahen neuartige, daß unsere Jugend, mochte sie auch in der gleichen seelischen Verfassung sein wie die nichtjüdische — und sie war es, denn sie lebte ja im gleichen Schicksal —, daß unsere Jugend an dieser Entwicklung nicht teilnehmen konnte. Denn der nationale Gedanke und die nationale Bewegung, sie enthielten als Konsequenz ihres Gehalts gerade eine Richtung, eine Front gegen das Nicht-Nationale, worunter vornehmlich das Jüdische verstanden wurde. Und so ergibt sich für die Gegenwart die eigenartige Lage, daß die jüdische Jugend ausgeschlossen ist von einer Entwicklung, die wie festgestellt werden muß, den Großteil der nichtjüdischen Jugend aus dem Stadium der blossen Negation des Bestehenden und der Hoffnung auf das kommende Erlösende zu dem Gefühl, tatsächliche Erlösung gefunden zu haben, gebracht hat. Die Ausgeschlossenheit der jüdischen Jugend konnte eine Ueberlegung nahelegen, die eine junge jüdische Jugendgemeinschaft, die sich „Der deutsche Vortrupp" nennt, anstellt: Kann nicht vielleicht der Gehalt der zeitgenössischen deutschen Jugendbewegung einfach analog mit irgendwie veränderten Vorzeichen übertragen werden auf unsere jüdische Jugendbewegung? Könnte man nicht einfach eine Lösung dadurch schaffen, daß man die jüdische Jugend der deutschen nachbildet, gleichsam als eine getrennte Formation? Diese Möglichkeit wird vom „Deutschen Vortrupp" bejaht und er fordert daher für die jüdische Jugend die Einführung von Arbeitsdienstjahren, die Erziehung in Wehr- und Geländesportlagern, nicht etwa um sich assimilatorisch wiederum der Aussenwelt anzupassen, sondern um mit den Mitteln einer straffen Disziplin die Möglichkeit zu haben, die Kräfte der jüdischen Jugend für jüdische und auch deutsch-kulturelle Dinge konzentrieren zu können zu einer Erneuerung des deutschen -Judentums. Doch der gewaltige Rahmen der heutigen deutschen Jugendbewegung erfährt seinen Sinn und seine Erfüllung eben erst dadurch, daß er sich als Instrument einem allgemein und bedingungslos anerkannten Führer zur Verfügung stellt. Er aber fehlt unserer jüdischen Jugend.~Die Frage steht daher offen: Was nun mit unserer jüdischen Jugend? Um es vorweg zu nehmen: Die gegenwärtige Situation der jüdischen Jugendbewegung ist zu neuartig, als daß es ihr schon gelungen sein könnte, Lösungen zu finden. Das äussere Bild schon zeigt das: Eine geradezu ungeheure Zersplitterung der jüdischen Jugend, im großen zwar entsprechend den bestehenden inner jüdischen Richtungen, nach den verschiedensten Gesichtspunkten jedoch noch untergeteilt und abschattiert. Wenn auch, solange der echte Ring nicht gefunden ist, jedermann das Recht hat, den seinigen als den allein echten auszugeben, haben Einsichtige in allen Lagern doch bereits die Gefahr erkannt, die in der Kräftevergeudung dieses Nebeneinander und Gegeneinander liegt. Wenn auch formell noch nicht zur Maxime erhoben, so wird doch immer deutlicher die Forderung gestellt, daß der Primat der gesamtjüdischen Belange vor denen der speziell innerjüdischen Parteiungen zuerkannt werden müsse. Eine große Jugendorganisation, der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands hat diese Forderung nach einer gesamtjüdischen Haltung und ihre Propagierung zu dem alleinigen Inhalt seines Programmes gemacht. Es kann auch gesagt werden, daß verschiedene Symptome, wie die in der jüdischen Presse mit steigendem Nachdruck erhobene Forderung nach Schaffung eines Reichsverbandes der deutschon Juden, sowie nach einem satzungsmässigen Ausbau der Stellung der Reichsvertretung der deutschen -Juden, nichts anderes ist als ein Niederschlagdieses sich offenbar auf dem Marsch befindlichen Gedankens der Betonung der inner jüdischen Einheit. Damit würde dann allerdings die jüdische Jugend einem Ziel näherkommen, dem auch die deutsche nachstrebt, dem der Einheitlichkeit und Ausschliesslichkeit in der Erfassung und im Kräfteeinsatz aller Gemeinschaftszugehörigen. Die Grundlage einer fruchtbaren Fortentwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland kann nur die Wiedererwekkung eines Kultursinnes bilden. Die Wiederschaffung einer Gemeinschaft, die Trägerin, Bildnerin wirklichen Kulturgutes sein kann, die fähig wäre, ihr eigenes Leben zu beseelen und darüber hinaus ihre Zeit zu einer geistigen zu gestalten. Das wäre eine Mission! Und für die Reife hierzu kann ein Abschluß von der Umwelt — so unfreiwillig er ist — nicht von Nachteil sein. Schon einmal hat die jüdische Gemeinschaft aus sich selbst heraus Gedankengut geschaffen, von dem die Kultur der Welt noch heute sich nährt. Warum sollte heute eine jüdische Gemeinschaft nicht wenigstens Hüterin kultureller Tradition sein können? Diese Aufgabe darf nicht missverstanden werden! Manche erklären mit trotzigem Seitenblick auf entsprechende Vorgänge auf nichtjüdischer Seite: Jawohl, wir Juden wollen Wahrer und Förderer kulturellen Gutes sein. Aber es kann sich hierbei für uns nur handeln um die Bildung und Pflege jüdischer Eigenart, betont jüdischen Wesens. Eine solche Tendenz müßte zur Einseitigkeit, zur Unfruchtbarkeit führen. Die Männer und die Generationen, die diejenigen Leistungen hervorbrachten, die das Judentum als seine klassischen und ureigensten betrachtet, wollten nicht betont Jüdisches schaffen. Sie schufen selbstverständlich Jüdisches, weil sie nicht betont, d. h. mit Front oder Spitze gegen Andersartiges, sondern weil sie selbstverständlich jüdisch waren. Es gilt sich zwar seines Judentums bewusst zu sein, bewusst einer vieltausendjährigen eigenen Geschichte und Tradition, offen aber auch den Werten der Welt, in der wir nunmehr seit Geschlechtern leben und von denen wir auch sagen dürfen, daß sie unser sind. Es gilt sich des doppelten Besitzes und der doppelten Verpflichtung bewusst zu sein. Das große Problem lautet: Wird die deutsche Judenheit, wird die jüdische Jugend in der Lage sein, wird sie noch stark und Unverbildet genug sein, um eine solche Oase bilden zu können, oder sind auch sie schon in den Wirbel des unrettbaren geistigkulturellen Niederganges des Abendlandes hineingerissen? Wir wollen offen sein: Manches spricht dafür. Wie vielen von uns ist heute noch das Werk unserer jüdischen Denker, da3 Schaffen, aber auch eines Kleist, eines Goethe, eines Hölderlin wirklich gefestigter Besitz? Vielleicht noch vor zwei Generationen konnte man das von dem Gros der Gebildeten aus unseren Reihen mit Sicherheit behaupten. Unsere Jugend dagegen ist leider auch in ihrer geistigen Unfundiertheit nur allzusehr der Zeit verbunden. Aber vielleicht schlafen die Kräfte nur und lassen sich wekken. Man kann hier nicht prophezeien, man kann nur das Experiment machen. Das kann aber, wie schon betont, nicht bedeuten, daß es etwa genügen würde, eine Jugendbewegung in der bisher gewohnten Prägung am Leben zu halten, eine kleine Garde, auf die die Masse der Uninteressierten verweisen kann und sagen: Dort sind ja die, die sich dieser Dinge annehmen, uns gehen sie nichts an. Gewiß, die jüdische Jugendbewegung wird der lebendige Initiator jüdischen Eigenlebens noch stärker werden müssen als bisher. Sie wird auch zu diesem Zweck, wie ebenfalls schon angedeutet, sich zu reorganisieren haben; insbesondere werden die kleinen und kleinsten Gebilde, die wir auch in der jüdischen Jugendbewegung gänzlich separiert bestehen sehen — unbeschadet der Möglichkeit einer Weiterpflege ihrer Sonderinteressen —, mehr als bisher zu der Gesamtheit der jüdischen Jugend, die als solche organisatorisch erfasst werden muß, zu stossen haben, wie dies entsprechend auch in der deutschen Jugendbewegung geschehen ist. Bei dieser Konzentration wird zu vermeiden sein, daß die jüdische Jugendbewegung zu einer Massenbewegung wird, in die der Einzelne unter Aufgabe seines Selbst sich eingliedert in-dem Gefühl, schon durch die Masse der Gefährten, durch die ungeheure „Multiplikation seines Ich" allein schon bedeutsam geworden zu sein. Es wird vielmehr darauf ankommen, die Gefahren sowohl eines extremen Individualismus, wie er in unseren Reihen besonders häufig zu finden ist, als auch eines extremen Kollektivismus zu vermeiden. Es wird darauf ankommen, wie es in den Bundesblätter der Werkleute glücklich formuliert wird, „zu versuchen, in unserem eigenen Leben zu neuem Sinn und neuer Art des Miteinanders vorzustossen*'.

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