Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 242 (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094418--4540-3099335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt : Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 6 FEBRUAR ü 93 5 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Srhriflleifung der Beilage. Fahrgasse 146, zu rirhten. Weg und Aufgabe der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland Von zwei sich anscheinend widersprechenden Tatsachen muß bei der Beurteilung der Situation der jüdischen Jugendbewegung ausgegangen werden: Einmal die staatsrechtliche und gesellschaftliche Ausschaltung des jüdischen Bevölkerüngsteils aus der deutschen "Volksgemeinschaft und andererseits die vollzogene und , nicht wieder rückgängig zu machende Emanzipation in geistigkultureller Hinsicht. Was zunächst die staatsrechtliche Stellung der Juden in der deutschen Umwelt anlangt, so lässt sich die Linie ihrer künftigen Entwicklung heute gewiss noch nicht mit Sicherheit absehen. Die Auffassung massgebender Kreise scheint eine Aeusserung des . Verfassungsreferenten, Regierungspräsident Dr. Nikolai, zu enthalten, der in seiner Abhandlung über „Die Grundlagen der Verfassung" davon spricht, daß auch für die Juden ein besonderes Gesetz ihre Pflichten und Rechte regeln werde, wobei hinzugefügt wird, daß zu diesen Rechten insbesondere auch die Feststellung einer Autonomie auf kulturellem Gebiet gehören werde. Auf diesem kulturellen Gebiet aber lässt sich das Rad der Entwicklung nicht mehr zurückdrehen. Seitdem mit der Sprengung des Ghettos die deutschen Juden aus der hermetischen Abschliessung in tausendfältige Beziehung und Verknüpfung sur Umwelt traten, haben sie nun einmal sämtliche Bereiche abendländischer Wissenschaft und Kultur nicht nur kennen gelernt, sondern sie sich zum geistigen Eigengut gemacht, so gut wie irgend sonst ein Abendländer. „Kulturelle Autonomie" kann sonach nicht etwa nur bedeuten: Autonomie auf Sem Gebiet des spezifisch jüdischen Gedankenguts, - denn das ist selbstverständlich. Sie kann nur bedeuten: Absolute Freiheit des Schaffensund Wirkens auf ,j e g 1 i c h e m geistig kulturellen Gebiet, wenn auch nur für und mit jüdischen Menschen. Diese Freiheit aber, sie stellt uns — und ich darf hier zum erstenmal das Wort fallen lassen: uns, die Jugend — nicht vor feste Richtlinien, sie zwingt uns verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen, wie wir in dieser jüdischen Notzeit unserer Aufgabe, unserer Sendung gerecht werden können. - Wenn in diesem Zusammenhang eben von der jüdischen Jugend allgemein gesprochen wird, so in dem Bewusstsein, daß an die hier gestellten Fragen von einem Teil der jüdischen Jugend vielleicht nur mit minderem Interesse herangegangen werden möchte: es ist der Teil unserer Jugend, der im Begriff steht, sich eine neue, oder besser die eigentliche Heimat zu suchen und für den der Aufenthalt auf deutschem Boden nur im Rahmen einer Vorbereitung für eine an anderen Raum gebundene Zukunft erlebt wird. Es ist verständlich, daß für diese Jugend, für die die gegenwärtige Umwelt nur ein Durchgangsstadium bedeutet, deren Mission erst im neuen Land beginnt, die angedeutete Problemstellung nicht vordringlich ist. Es ist auch von anderer Seite teilweise mit Eifer hervorgehoben worden, daß konsequenterweise nur ganz peripher diese Jugend Fragen beschäftigen könnten, die nur in Verbindung mit dem Leben in der deutschen Umwelt überhaupt auftauchen: Demgegenüber kann jedoch festgestellt werden, daß auch von seiten der Palästina-orientierten Jugend in zunehmendem Mass die Frage der Doppel existenz in der Diaspora nicht, nur nicht negiert, sondern in der Erkenntnis, daß ja nun einmal die Existenz der Galuth nicht aus der Welt geschafft werden kann, ernst zur Diskussion gestellt wird. - Für den Großteil der deutschen Juden, der auch weiterhin sein Leben -auf deutschem Boden, wenn auch als rechtliche Minderheit, so doch im vollen Mitbesitz des Kulturguts unserer Umwelt führen wird, ergibt sich jedenfalls unmittelbar hinter den wirtschaftlichen Fragen der Existenz die Notwendigkeit einer geistigen Bereitschaft für seine Sendung auf diesem Boden. In unseren Tagen finden wir nicht etwa nur qualifizierte einzelne Jugendliche, sondern eine ganze jugendliche Generation in Führerstcllungen. Wenn wir in der Gegenwart in allen Ländern beobachten, daß heute ganz selbstverständlicherweise und auch: regelmässig das Endziel bedeutsamer öffentlicher Karrieren in einem Alter erreicht wird, in dem nach den Anschauungen einer nicht allzu fernen Vergangenheit höchstens deren Anfangsstadium hätte durchlaufen sein können, so zeigt uns dies deutlich die Gewichtsverschiebung zugunsten der jungen Generation. Dieser Prozeß hat auch die jüdische Gemeinschaft ergriffen. Die geführte Generation wird zu führenden, die lernende zum Meister. Wie ist dies möglich?: Die Antwort kann nur lauten: Weil die ältere Generation ausserhalb des gesetzestreuen Judentums keine Werte, d. h. keine Tradition mehr zu bieten hatte; diese Erkenntnis gilt bezüglich der nicht rein religiösen Werte übrigens für die jüdischen wie für die nichtjüdischen Kreise Deutschlands schon seit dem Einsetzen der sogenannten Jugendbewegung in den Vorkriegsjahren. Denn auch eine spezifisch jüdische oder deutsch-jüdische Tradition war nicht vorhanden^ Die Jugend um 1900, ob jüdisch oder nicht, fand einseitiges Spezialistentum im Berufsleben, das ihr als ein entgeistigtes Leben vorkommen musste, in dem Technik, Verkehr, Industrie und wieder Technik vorherrschten und das Leben immer weiter entseelten. Die Jugend aber war hungrig nach anderem. Sie reagierte gegen das Erstarrende, Mechanisierende, Nivellierende einer zivilisatorischen Entwicklung. Sie lehnte sich auf, die deutsche wie die jüdische Jugend, denn es war der Kampf einer im gleichen Milieu lebenden Generation gegen die für alle gleichmässig unbefriedigende Entwicklung des alle gleichmässig erfassenden Zeitgeistes. Ueberraschend ähnlich sind die Formulierungen der Anklagen aus beiden Lagern gegen denselben Gegner. Durch die Gemeinschaftlichkeit suchte man in beiden Lagern, bei Juden und Nichtjuden, die Gefahr zu bezwingen,schloss sich zusammen in Gemeinschaften, in Gruppen, in Bünden. Suchte Rettung durch Rückkehr zur Unkompliziertheit, zur Natur, durch Pflege von Wandern, Lied, Spiel und Tanz. Aber die grosse Sehnsucht wurde nicht gestillt, die grosse erhoffte Idee, die die so bitter empfundene Leere ausfüllen sollte, blieb aus. Es war, wie einer der besten Kritiker unserer Zeit, Richard Benz, einmal sagt: Ein bündischer Zusammenschluss, aber ohne den zeugenden, zusammentreibenden Gedanken eines Zieles, ohne Idee, ohne Geist, aber ganz in Bereitschaft auf ihn. Diese Symptome galten selbstverständlich auch für die jüdische Jugendbewegung. Auch sie brachte es über diese seelische Bereitschaft, über den Kult des Gemeinschaf tserlebr nisses an sich nicht hinaus. Auch sie konnte keine wirklich allgemeingültige, gestaltende Norm finden. Und als der deutschjüdische Jugendbund der „Kameraden" im Jahre 1921 daran ging, sich eine Satzung zu geben, wusste man nichts besseres oder anderes, als die Formulierungen, die sich die freideutsche Jugend bei der Tagung auf dem Hohen Meißner bei Kassel im Jahre 1913 als Richtlinien gegeben hatte, fast wörtlich zu übernehmen, jene damals geradezu revolutionäre Formel, die . erklärte, die Jugend wolle nunmehr „nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten". Der Weltkrieg brachte die Entwicklung der Jugendbewegung zum Stocken. Im Jahre 1926 z. B. löste sich ein ehedem so bedeutender Bund wie der „Blau-Weiß" geraume Zeit nach seinem tatsächlichen Verfall formell auf. Die Jugend schien nach dem Aufhören des ungeheueren Alpdrucks des Krieges und seiner unmittelbaren Nachwirkungen das kaum zu sättigende Bedürfnis nach Genuß zu haben. Unermüdlich schöpfte sie die in immer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.