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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 218

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 218 (sequence 12)
Language
German
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Seite 218 Dr. jur. Hugo Hoff mann Generalvertreter der Vi et o r i a- Ve rs i c he r u n g Kaiserslralje 2 * Fernsprecher 24641/2 Heimat Frei nach 11 j a M a y von Dr. Bernhard Hirschberg-Schräder Ich habe einen guten Freund. Er heisst Awrum und stammt au§ Jarischew. So hiess er in. seinem Heimatstädtchen und so nennt er sich auch hier in Brasilien. Von den wohlklingenden Namen wie Alfonso, Alfredo, Pedro, Bernardo liess er sich nicht verlocken, sondern blieb der einfache, schlichte Awrum. In seiner früheren Heimat hatte Awrum eine Zeitlang in ein3r. Branntweinbrennerei gearbeitet. Später konnte er auf einem Gutshof in der Nähe von Jarischew die Milchwirtschaft in Pacht nehmen und sich allmählich eine auskömmliche Existenz gründen. Aber nach einigen Jahren friedlicher, fleissiger Arbeit verliess er nach einem Judenprogrom, bei dem er den größten Teil seiner Ersparnisse verlor, Hals über Kopf die Heimat und wanderte nach Brasilien aus, um unter fremdem Himmel Brot und Glück zu suchen...... Hier in Brasilien hat Awrum einen kleinen Laden, in dem er neue und alte Sehirme verkauft und an schadhaft gewordenen Reparaturen ausführt Dieses leichte Handwerk konnte er in verhältnismässig kurzer Zeit erlernen. Reparaturen in eig Werkstätte Alle Dnmoö Obreo »Flure Ich bei Keobo! in 7ah1onQ JED25325 %• ßiebergässe,^; Ich will noch bemerken, daß mein Freund Awrum nur ein Auge hat. Wenn man ihn nach der Ursache seiner Einäugigkeit fragt, gibt er in der Regel die Antwort, eine Zigeunerin habe ihn in seiner frühesten Kindheit mit einem bösen Blick angeschaut und in sein rechtes Auge einen Star hineingehext. Wenn Awrum einen nach Parfüm duftenden Damenschirm repariert hat, spannt er ihn auf und stellt ihn auf den Fussboden. Dann geht er einige Schritte zur Seite und betrachtet ihn, wie ein Künstler sein Werk. „Finden Sie nicht auch, daß er wunderschön geworden ist?" fragte er mich einmal, als ich zufällig in seinen Laden gekommen war. Wo läge auch der Schirm jetzt, wenn Awrum ihn nicht repariert hätte. Sicher doch irgendwo unter altem Gerumpel. Ursprünglich hatte Awrum keine Ahnung von Regen- und Sonnenschirmen. In Jarischew war ein Schirm fast unbekannt Regnete es, so blieb man zu Hause, und schien die Sonne zu stark, ging man auf der Schattenseite. Für Jarischew brauchte ein Schirm überhaupt nicht zu existieren. Nur der Rabbiner hatte einen Regenschirm, den er aber nie aufspannte. Der Schirm, des Rabbiners war gewissermassen ein Symbol. Auf irgendeine Weise muß doch der Stand des Menschen auch äusserlich gekennzeichnet f. Arthur Stern \ Frankfurt a. M. Tel. 2182» Zell 123 CZellpalast) Steueru. Wirtschaftsberater Vermögensu. Hausverwalt. Vorbesprechung kostenlos j sein: Der Soldat hat ein Gewehr, der Landjäger einen Säbel und der Rabbiner einen Schirm, Uebrigens hat Awrum eine sehr unangenehme Erinnerung an eine Geschichte, in der gerade der Schirm des Rabbiners ihm arg mitspielte. Eines Tages (o wie lange ist es schon her!) war" zu Awrums Vater der Ortsrabbiner gekommen. Awrum war damals noch ein kleiner Junge, der die jüdische Anfangsschule, den Cheder, besuchte. Den Knaben interessierte weniger der Rabbiner als dessen Regenschirm — dies Meisterwerk. Er brach einige Stäbchen heraus und stellte sich eine prächtige Wage her. Der gute Rabbiner hatte noch Verständnis für die Tat des Knaben. Anders Awrums Vater. Was der Knabe angestellt hatte, war für den Vater eine nichtswürdige Handlung. Wenn es noch ein einfacher Regenschirm gewesen wäre, — aber der Schirm des Rabbiners .....unerhört. Die Schläge, die Awrum damals bekam, hat er heute noch nicht vergessen, und wenn er davon spricht, greift er unwillkürlich nach der Stelle, die seinerzeit am meisten heimgesucht worden war____ Ach, das Leben hat dem armen Awrum hart zugesetzt. Jetzt muß er in Brasilien ausgerechnet — Schirme reparieren. Es liegt doch auf der Hand, daß sich der Schirm des Rabbiners gerächt hat. Ich unterhalte mich sehr gern mit Awrum. Unsere Gespräche sind Erinnerungen. Gewöhnlich gehe ich an Regentagen zu ihm in den Laden. Wenn wir dann von vergangenen Zeiten sprechen, verbreitet sieh in dem halbdunklen' Raum eine sonderbare Stimmung. Vor kurzem suchte ich ihn wieder einmal auf. Wir begannen von der Heimat zu sprechen. Plötzlich sagte er wehmütig: „Schön war es auf unserem Gutshof. Ich konnte tun, was ich wollte. Wenn ich Hunger hatte, schnitt ich mir ein Stück vom guten schwarzen Soldatenbrot ab, streute etwas Salz darüber und fügte noch ein wenig Knoblauch hinzu. Wie gut schmeckte das! Und die Kartoffeln! Groß wie eine Faust. In meinem Keller hatte ich viele Zentner liegen. Hier sind Kartoffeln -eine Seltenheit und werden als ganz besondere Frucht in den Schaufenstern ausgestellt.. Aber nicht nur Kartoffeln hatte ich im Ueberfluss. Jeden Herbst kaufte ich mehrere Zentner Aepfel. Ich schüttete sie auf den mit Stroh ausgelegten Kellerboden und liess sie überwintern. Welch ein Duft strömte einem da entgegen! Reinetten!-Königsäpfel!" Er versank in Schweigen. Er war in Gedanken auf dem Gutshof bei Jarischew: An einem regnerischen Herbsttag, an dem der Jahrmarkt abgehalten wird, kommt er nach Hause. In den Zimmern ist es warm und gemütlich. Seine gute Frau hat ein schmackhaftes Essen zubereitet und ein Fläschchen Branntwein auf den Tisch gestellt, der das-Blut erwärmt und die schweren Gedanken -verscheucht. Und wenn es Zeit wird, das Abendgebet zu verrichten, geht er die Ecke, um sich zum Ewigen emporzuschwingen. Die kleinen Plackereien des Alltags erscheinen dann milder und erträglicher...... Aber auch in Brasilien ist Awrum seinem alten jüdischen Gotte treu geblieben. Dreimal täglich betet er, morgens, nachmittags und abends. Er bittet den Ewigen, ihn nicht zu vergessen. Oh, wenn der Allmächtige nur häuf iger regnen Hesse. Wie schnell könnten dann alle seine Schirme verkauft sein ... Awrum" stellt sich vor, der Ewige sitze dort oben im siebenten Himmel auf seinem Throne und vor ihm liege ein großer dicker Foliant — das-Buch des Gerichts. In diesem Buch sei auch sein Name vermerkt, und es seien darin seine Taten, die guten und die bösen, aufgezeichnet. Und wenn er einst vor das Antlitz des Höchsten treten werde, würden die Engel das Buch aufschlagen und seine Taten verlesen. Und alle diese Taten würden dann auf der Wage der Gerechtigkeit gewogen .... . „Awrum, wollen Sie nicht nach Hause reisen? In die Heimat?" suche ich ihn aus seinen Träumen zu erwecken. „Nach Hause?", wiederholte er aufschauend. „Ja,, ich werde in die Heimat zurückkehren. Hier werde ich nicht sterben. Dort in der Heimat stehen die Gräber meiner Eltern und Großeltern, dort ruhen in Frieden meine Brüder". Awrum sieht gedankenvoll vor sich hin.... In seinen Augen stehen Tränen...

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