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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 216

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 216 (sequence 10)
Language
German
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Seite 216 ... auch Handschuhe u. Strümpfe FRANKFURT *n. BLEIDENSTR. 3-5 Fritz Kreisler Zum 60. Geburtstag am 2. Februar Es waren in den letzten Vorkriegsjahren Höhepunkte in den Konzerten der Museumsgesellschaft, des ersten angesehensten Musikinstituts unserer Stadt, wenn Fritz Kreisler als Solist zu hören war. Er, dessen Geigenspiel (nach der kurzen Zusammenfassung Alfred Einsteins) „Grazie und Süssigkeit des Vortrags mit ausserordentlicher Technik vereinigt", ist allerwärts in Deutschland — wie in anderen Ländern und fremden Erdteilen — ein erklärter Liebling des P~u b 1 i k u m s gewesen, den die Hörer mit Beifall und allen Beweisen ihrer besonderen Huld zu überschütten pflegten. Als Interpret des Beethoven'schen und des Brahms'sehen Violinkonzertes hatte Fritz Kreisler die Nachfolge Joseph Joachims angetreten: in klassischer Schönheit des Tons wusste er — wie jener Altmeister jüdischer Herkunft — den Edelgehalt dieser herrlichen Klangschöpfungen wiederzugeben. Der Vermittler Bachs. Beethovens, Mendelssohns, Brahms ist zuerst zu Ruf und Ansehen gekommen, ein „primus inter pares". Aber man hat Fritz Kreisler noch mehr zu danken: er. der feinempfindende Musiker, hat der Violin-Literatur willkommene Bereicherung erschlossen, indem er altklassisches Melodiengut in ungemein charmanter Art „musikantisch" (wie es wiederum Einstein ausdrückt) für das Solo-Instrument bearbeitete; es sei aus der Fülle nur etwa das entzückende „Rondino" von Beethoven-Kreisler oder jenes vielgespielte, jedem Geiger bekannte, Allegro von Pugnani- Kreisler genannt. — .Und wenn er selbst komponierte, liebenswürdige kleine Sachen zumeist, in denen immer ein wehmütig froher Ton aus seiner Heimatstadt Wien mitschwang („Liebesfreud" und „Liebesleid" sind besonders populär gewoTden), so traf auf diese Stücke, die er selbst in unnachahmlicher Innigkeit und Leichtigkeit vortrug, Marie Ebner von Eschenbachs Begriffsbestimmung des „kleinen Liedes" zu: „Es liegt darin ein wenig Klang, Ein wenig Wohllauf und Gesang Und eine ganze Seele". Eine „ganze Seele", das aber ist vielleicht das Schönste, das man diesem grossen jüdischen Künstler zum 60. Geburtstage nachrühmen darf. Kreisler, der als österreichischer Reserveoffizier kurze Zeit am Weltkrieg teilgenommen hat, weilte seit 1915 in Amerika: als dann später auch die Vereinigten Staaten in den Bund der feindlichen Mächte gegen Deutschland und Oesterreich eintraten, hat er sein Vaterland nicht verleugnet, sondern sich als Deutscher bekannt. Und es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese männliche Haltung und die Bereitschaft, mit der eiseine Kunst zu Gunsten bedürftiger Landsleute zur Verfügung stellte, ihm auch drüben, mitten im Kriegsgetümmel, Anerkennung und Respekt eingetragen hat. Als die Waffen endlich ruhten, hat Fritz Kreisler nicht geruht. Wenn er — in den ersten Nachkriegsjahren und während der Inflation — in Deutschland spielte, so wurde der Ertrag seiner anstrengenden Konzertreisen guten und wohltätigen Zwecken zugeführt. Er widmete, seinen Gewinn etwa den Hinterbliebenen der bei der Oppaüef Katastrophe Verunglückten, er unternahm ganze Tourneen, um dem deutschen Kinderhilfs-Werk neue Mittel und Möglichkeiten zu sichern. An vorbildlicher Uneigennützigkeit ist der Jude Kreisler von kaum einem anderen Künstler der Gegenwart übertroffen worden. So gilt unser Geburtstagsgruß nicht nur dem großen, viel verehrten und umschwärmten "Geiger, dem anziehenden Musiker und Komponisten, sondern — mit in erster Linie— auch dem vornehmen edlen Menschen! Georg Schott Josse!, der Flickfchneider von Dr. B e rn h a r d H i r s c h b e r g - S ch r a d e r Jossei Brenner ist ein armer Flickschneider. Er lebt mit seiner fünfköpfigen Familie in einem einzigen Zimmer einer dumpfen Kellerwohnung. Im anstossenden Räume fristet sein bester Freund ein kümmerliches Dasein, der Mützenmacher David Bernstein. Auch er ist mit einer großen Familie gesegnet. Tagein, tagaus sitzt Jossei auf seinem Schneidertisch und ~ flickt. Flicken, immer wieder flicken. Etwas anderes gibt 'es nicht für ihn. Ab und zu entringt sich seiner bedrängten Brust ein Seufzer. Er überlegt immer wieder, wie er mit dem kleinen Verdienst, den ihm seine Flickarbeit abwirft, die aus allen Ecken schreiende Not lindern könnte. Aber alles Rechnen ist umsonst. Die Zahlen sind zu klein für eine so große Familie. Jossei Brenner hat eine brave, fleissige Frau, die an ihm mit rührender Liebe hängt. Geduldig teilt sie mit ihm alle Sorgen und klagt nicht über ihr hartes Los. Denn alles, was der Ewige tut, ist wohlgetan. Josseis ganzes Glück sind seine vier Knaben. Es sind blutarme, unterernährte Kinder. Er hat sie gut erzogen. Sie besuchen die Schule. Aber das Lernen fällt ihnen schwer, besonders den beiden jüngsten. Die Lehrer, die die Ursache ihrer mangelhaften Leistungen nicht zu kennen scheinen, haben öfters für sie einen scharfen Tadel. Das kränkt die Kinder, und in ihrer Not suchen sie Zuflucht bei ihrem Vater, dem armen Flickschneider. Er tröstet sie, so gut er es vermag: sie sollten sich nicht gar so grämen, er werde schon mit den Lehrern sprechen. Er geht auch zu dem Schul Vorsteher und bittet ihn um- Nachsicht für die Kinder. Mit bebender Stimme schildert er ihm seine traurige Lage. Die Kinder seien schwächlich und hätten kaum das Notwendigste zum Essen, aber dumm und unaufmerksam seien seine guten Kinder nicht... Jossei Brenner ist auch ein frommer Mann. Täglich dreimal geht er in das kleine Bethaus zum Gottesdienst. Ausserdem hört er noch den Vorträgen aus dem Talmud zu, die sich unmittelbar an den Abendgottesdienst anschliessen. Wenn er dann nach Hause kommt, erwartet ihn seine Familie an dem einfachen, sauber gedeckten Tisch. Und nachdem seine Frau das karge Mahl aufgetragen hat, spricht Jossei von den grenzenlosen Schönheiten und tiefgründigen Weisheiten, die in den talmudischen. Abhandlungen niedergelegt sind. Begeistert erzählt er von den großen Gelehrten, die an diesen unvergleichlichen Schöpfungen gearbeitet haben. Seine Frau folgt aufmerksam und staunend seinen "Worten, und die Augen der Kinder hängen bewundernd an seinem leuchtenden Gesicht .... Eines Morgens während des Gottesdienstes hört David Bernslein, der neben ihm stand, wie sein Freund Jossei mit Inbrunst betet: „Gelobt seist Du, Herr, unser Gott, König der Welt, daß Du mir alles gewährst, dessen ich zum Leben bedarf".' David ist ausser sich. Sein Freund dankt dem Ewigen. Wofür? Für all den Kummer und alle Sorgen? Ist es nicht Hohn, den Allmächtigen für so viel Elend und Not noch zu preisen? Beim Verlässen des Bethauses sieht David seinen Freund besorgt an. Er schweigt. - „Was hast Du, David", fragt Jossei verwundert. . David erwidert nichts. „Was ist geschehen? Sprich doch", drängt' Jossei.. .

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