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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 215

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 215 (sequence 9)
Language
German
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Seite 215 rakteristischenMittel orientalischer VolksundKuitmusik. Deren Tonfortschreitungen kommen zur Anwendung; die rythmische Gliederung ist lockerer als in der westeuropäischen Musik; das freie Rezitativ spielt eine erhebliche Rolle; die Neigung zu üppiger Ornamentik im Melos macht sich geltend. Auffällig ist auch, daß düstere, mystische Stimmungen das Uebergewicht besitzen. In Bühnenwerken und in instrumentaler Programmusik tragen Sujets aus Leben und Geschichte des Judentums dazu bei, das „spezifische" Element zu gestalten. Unter den im Osten und Südosten Europas geborenen Musikern treffen wir wiederum eine Reihe von Talenten an, die mit den Bestrebungen der national-jüdisch gerichteten Künstler nichts oder nur wenig gemein haben. Sie lassen vielmehr den formenden Einfluß ihrer nichtjüdischen Umwelt auf sich wirken und entwickeln sich nach dem ihrem inneren Wesen mehr gemäßen Stiigesetzen europäischer Kunstmusik. Aber fast unnötig, 7U betonen, daß auch bei ihnen das Mitschwingen jüdischer Seele und jüdischen Geistes spürbar ist. Ohne in die Phalanx nationaler Musiker einzutreten, stellt Serge Prokofieff einen Beitrag zur Geschichte der modernen jüdischen Kunst. Er komponiert eine Ouvertüre über jüdische Themen. Im übrigen bestimmen andere Triebkräfte den Typus seines Schaffens. Prokofieff leistet in erster Linie Strawinsky Gefolgschaft. Er greift dessen „motorischen" Stil auf und wandelt ihn in durchaus persönlicher Weise ab .Sein europäisches Ansehen verdankt der Komponist zahlreichen, pianistisch reizvollen Klavierwerken und der Oper „Die Liebe zu den drei Orangen". Im Konzertsaal interessierte Prokofieff als virtuoser Pianist von etwas kühler, verstandesmässiger. Haltung. Im Gouvernement Jekaterinoslaw 1891 geboren, verließ Prokofieff nach Studien am Petersburger Konservatorium 1918 Russland, um in den verschiedensten Ländern,-Nord-Amerika, Japan, Frankreich, Deutschland, Aufenthalt zu nehmen. . Wir haben mehr Gelegenheit gehabt, den ausgezeichneten Dirigenten Issaye Dobrowen als den Komponisten kennen zu lernen. Durch die mit grossem theatralischem Instinkt selbst inszenierte Oper „Boris Godounow" begründete Dobrowen in Deutschland seinen Ruf. Nach kurzer Tätigkeit als Dirigent der Frankfurter Museumsgesellschft erhielt er eine Verpflichtung nach San Franzisko. Vorwiegend Klavierkompositionen zeigen Dobrowen als begabten Vertreter einer von Tschaikowsky und und Brahms beinflussten national-russischen Richtung. Als Thea- Herkapellmeister hat auch Sascha Horenstein, der mehrere Jahre die Düsseldorfer Oper leitete, Ansehen gewonnen; den tüchtigen (von Franz Schreker herangebildeten) Tonsetzer legitimieren Kammermusiken und Lieder. •Wie für die meisten jüngeren Russen ist für Nikolai Lopatnik o f f Deutschland wichtige künstlerische Durchgangsstation geworden. Er machte Studien bei Ernst Toch in Mannheim, um zugleich an der technischen Hochschule in Karlsruhe eine Laufbahn als. Ingenieur vorzubereiten. Lopatnikoffs Klavierstücke und Streichquartette zeichnen sich durch melodischen Gehalt, sensibles'. Formgefühl und Klangreiz aus. Sie stellen ihren Schöpfer mit, am die Spitze des Nachwuchses der aus Russland stammenden jüdischen Musiker. # Künstlerisch für Polen optiert hat der aus Livland gebürtigjsDirigent der Warschauer Philharmonie, Gregor Fitelberg. Ex?/ wurde als Mitbegründer der „Gesellschaft jungpolnischer K'oinponisten" zielbewusster Schrittmacher der national betonten Musik. Seinen zahlreichen Arbeiten — Sinfonien, Ouvertüren, Kammerwerke — liefert vielfach Polens Geschichte und Sagenwelt Anregungen. Als kraftvoll gestaltender Orchesterleiter steht Fitelberg in der Reihe der international gewerteten Musiker. Stärker in> der Kiellinie der. Modernen befindet sich Alexander Tansmann, der, aus Lodz stammend, seinen Wohnsitz jetzt in Paris hat. Besonders seine Kammermusikwerke fanden Interesse. Unter Polens Tonsetzern nimmt gleichfalls, auf den verschiedensten Schaffensgebieten bewährt, Karol R a t h a us eine geachtete Stellung ein. Wie so viele Musiker des Ostens hat Josef •Rosenstock bald seine polnische Heimat verlassen. Nach r Dr. jur. Julius Sonn Steueru. Rechtssachen Umwandlung von Aktienges. u. 6. m.b.H.'s / Verträge Horst Wesselplatz 14, U. — Tel. 22798 Abschluss seiner Studien in Wien fasste Rosenstock in Deutschland Fuss. Stuttgart, Darmstadt, Wiesbaden, Mannheim- und jetzt Berlin, wo er musikalischer Leiter des Kulturbundes ist, bilden die wichtigsten Etappen seiner Entwicklung als Theater- und Konzertdirigent. Ebenfalls ein Schüler Schreckers belegt Rosenstock seine gediegenen schöpferischen Anlagen durch ein Klavierkonzert, eine heitere Ouvertüre und ein Frauenchorwerk mit Orchester. * Der geradezu sprichwörtliche Musiksinn der Böhmen wirkt sich — Schulbeispiele für Anhänger der Milieutheorie — auch bei den in der Tschechoslowakei ansässigen Juden aus: Sie stellen frappant begabte, von echtem Musikantengeist beseelte Tonsetzer. Temperament, Erfindungsgabe und Formtalent zeichnen Jaromir Weinberger aus. „Schwanda der Dudelsackpfeifer" strebt mit sauberen künstlerischen Mitteln den Stil der Volksoper an, in dem ihm Smetana und Dvorak Vorbild sind. Das mit sicherer Hand gebaute, lebendige, daher trotz schwachem Textbuch zündende Werk stand mehrere Jahre hindurch an bevorzugter Stelle der Opernspielpläne. Wie sehr ist auch das musikalische Profil eines der erfolgreichsten Operettenkomponisten unserer Zeit, Eraerich Kaimans, von seiner Umwelt geformt? Seine „Csardasfürstin", die Melodienfiille mit Farbigkeit und Schwung glücklich bindet, entnimmt ihre anziehendsten Eigenschaften den Elementen ungarischer Volksmusik. Auf ein früh und tragisch abgebrochenes Künstlerleben hat Max Brod hingewiesen. Wir verdanken ihm die Kenntnis wenigstens eines kleinen Teils aus dem umfangreichen Nachlass Adolf Schreibers, der 1920 in Berlin aus dem Leben schied. Die veröffentlichten Lieder lassen vermuten, daß in Schreiber ein starkes, innerliches Talent nicht Ausreifung, und Anerkennung abgewartet hat. Naturgemäss sind gerade in Osteuropa der Kultm u s i k schöpferische Talente zugewachsen. Aus der grossen Zahl von Kantoren und Dirigenten, die der Synagoge neues Material zugeführt haben, sei besonders auf Samuel A I m a n, der jetzt in London wirkt, hingewiesen. Dessen mit kundiger Hand geformten Chorstücke knüpfen geschickt an die Tradition östlichen Tempelgesanges an. * Russland, Polen, . Tschechoslowakei: drei Länder, die zum farbigen Bilde der jüdischen Tonkunst unserer Zeit Entscheidendes beizutragen haben. Sie stellen nicht nur grosse ursprüngliche Talente; sie schaffen zugleich den Boden, auf dem der Begriff „jüdische" Musik zuerst Gestalt annimmt. Auch die vielen Tonkünstler des Ostens, die ihr Geburtsland verliessen, werden Ursache haben, sich dessen, was sie der Kultursphäre ihrer Jugend verdanken, bewusst zu bleiben! dnuhtr wiederbMt Schlaganfälle Arterien verkalkun Beugen Sie rechtzeitig vor mit Disarterön, dem bewährten, reinen 4-Pflcnzenpräparat Zahlreiche Ärzte bettätigen die überaus günstig« Wirkung Disarteron MS ErhälHich in Apotftehen *

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