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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 214

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 214 (sequence 8)
Language
German
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Seite 214 Zeitgenössische jüdische Tonsetzer iv. Die slawischen Kulturkreise und Palästina *) von Artur Holde Nur in Ländern, in denen die Juden kraft ihrer Zahl, ihres Zusammenhalts und ihrer religiösen Tradition ein kulturelles Eigenleben führen konnten, lassen sich Ansätze eines Kunstschaffens von ausgeprägt national-Jüdischer Tendenz feststellen. So wurden besonders in den slawischen Zonen, am stärksten in Russland und Polen die Voraussetzungen für das Entstehen einer spezifisch „jüdischen" Kunst erfüllt. Es bedurfte zur Verlebendigung schlummernder Energien allerdings noch der Idee des Zionismus, der den auf Verselbstständigung hindrängenden Willenskräften ein beglückendes Ziel gab. Nichts ist natürlicher, als daß eine national-jüdisch gerichtete Musik neuerdings guten Nährboden in Palästina findet. Noch ist diese eigenwüchsige jüdische Tonkunst, zunächst auf das Wirken weniger Menschen gestellt, ähnlich wie auf anderen Gebieten künstlerischen Schaffens über die ersten Etappen nicht hinausgekommen. Es ist jedoch eine Saat ausgeworfen, die dereinst, wenn das Kunstleben in Palästina festere Formen angenommen hat, ihre Früchte tragen wird. Für das Entstehen einer spezifisch-jüdischen Musik hat sich unter den russischen Tonkünstlern der älteren Generation literarisch und kompositorisch Joel D. Engel eingesetzt. Zunächst als Sammler von Volksmelodien fand er Zugang zum Wesen jüdischen Volkstums. Diese Beschäftigung gab dann zunehmend seiner schöpferischen Arbeit das Gesicht. Hebräische Lieder und Instrumentalstücke zeigen in Melos, Harmonik und Stimmungscharakteristik eine „jüdische" Note: Beliebte Tonstufen und Klangkombinationen der orientalischen Musik sind anzutreffen, Stoffe aus den Gedankenkreisen des ostjüdischen Menschen geben Anregungen. Engel, ein Mann voller Initiative und Tatkraft, verlieh seinen Zielen schliesslich auch ein festes organisatorisches Rückgrat. Während eines mehrjährigen Aufenthalts in Berlin gründete er die „Verlagsgesellschaft für jüdische Musik". Sie bildete den Sammelpunkt der in den Tendenzen einer eigenstämmigen Kunst wirkenden ostjüdischen Komponisten. Durch Uebersiedlung nash Palästina zog Engel 1924 auch für sein bürgerliches Leben die sich aus Denken und Fühlen ergebenden Folgerungen. Bis zu seinem Tode 1927 lebte er in Tel-Aviv. Aus urjüdischem Milieu gewinnt Engel den geistigen Untergrund seines Hauptwerks, der Suite zu An-skis Drama „Hadibuk", mit dem die „Habima" ihren Weltruhm begründete. Durch diese Arbeit wird auch das Frankfurter Publikum demnächst dem Schaffen Engels nähergebracht werden. Von den Werken mehrerer Mitstreiter ist bisher nur verhältnismäßig wenig zu uns gedrungen. Dabei ist nicht zu verkennen, daß deren Arbeiten an Zahl und vor allem an innerem Gewicht die Leistungen des geistigen Vorkämpfers übertreffen. Die Grün- •) Siehe Jahrg. XII, Nr. 9 u. 11, Jahrg. XIII, Nr. 1 des Frankfurter Israel Gemeindebl. de für die geringe Beachtung liegen in der früheren künstlerischen Gesamtsituation. Erst seit deren grundlegender Wandlung können Erscheinungen wie Alexander K r e i n bei uns auf die Aufmerksamkeit weiterer Kreise rechnen. Die national-jüdische Note gewinnt in Skizzen für Streichquartett und Klarinette bestimmenden Einfluß. Das Pathos seiner Tonsprache gibt einer symphonischen Dichtung „Salome" und Schauspielmusiken für das jüdische Theater das Relief. Aus dem Urboden jüdischer Religiosität wächst ein großangelegtes hebräisches Requiem „Kaddisch". Auch Kreins älterer Bruder Gregory Abramowitsch zählt zu den beachtlichen Vertretern der stattlichen Gruppe neuerer jüdischer Komponisten Russlands. Schon zu einer Zeit, als Palästina ein noch fragwürdiges Betätigungsfeld für Tonsetzer bilden mußte, im Jahre 1921. siedelte Michael Fabianowitsch Gnjessin nach Erez Israel über. Der bald beendete-Aufenthalt hatte immerhin einen künstlerischen Niederschlag in der dreiaktigen Oper „Abrahams Jugend." Das Erlebe nis Palästina) hat auch sonst die Sprache Gnjessins bilden helfen: es entstehen die gehaltvollen Variationen für Streichquartett und die für vier Hände über jüdische Themen. Auch Michael Brandmann machte den Versuch, sich in Palästina eine Existenz zu schaffen: er wanderte 1921 sogar mit •einem Teil seines Kamenez-Podo-lsker Chores nach dem Heiligen Land aus. Diese Chorgemeinschaft' wurde dann Grundstock einer noch jetzt bestehenden Oratorienvereinigung. Brandmann beteiligte sich auch an dem Aufbau der hebräischen Oper. Dieses Institut hat erst in letzter Zeit durch den gesteigerten Zuzug künstlerisch interessierter Kreise Aufschwung genommen. Nach mehrjährigem Aufenthalt wieder nach Europa zurückgekehrt, siedelte Brandmann sich in Wien als Dirigent des „Jüdischen Gesangvereins" an. Brandmanns Arbeiten werden ebenfalls vielfach von den in Palästina empfangenen Eindrücken geformt: Ein Volkstanz \vird Thema eines Streichwerks; Hirtenweisen erfahren ihre kunstvolle Umgestaltung für gemischten Chor; der Begriff „Hechaluz' erhält programmatische Bedeutung in einer Symphonischen Dichtung. Also auch hier bewußtes Streben nach einer in jüdischer Gefühls- und Geisteswelt wurzelnden Kunst. An dem Entstehen einer Musikkultur in Palästina ist seit 1922 Mordechai Sandberg beteiligt, der mit Sinfonien, Kammermusik, Chören und Bühnenwerken erfolgreich hervorgetreten ist. Gleiche Ziele verfolgen mit Gelingen Michael Milner und Joseph A c h r o n, dessen Lebensweg von Russland über Deutschland nach Amerika geführt hat. Die „jüdische" Eigenart aller dieser aus slawischen Zonen stammenden Tonsetzer ruht zunächst in harmonischen und melodischen Bestandteilen ihrer Arbeiten. Sie bedienen sich gern der cha- DEUTSCHE EFFECTEN*UND WECHSEUB ANK Konstabier Wache Allerheiligenstrasse 89 Osfhafen Hanauerlandstrasse 125 Bockenheim Leipzigerstrasse SO vormals L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 F R A N K FURT A M NA I N Kaisersfrasse 30 individuelle Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. Dalbergstrasse 3 Offenbach a. M. Frankfurtersfrasse 54

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