Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 6 (2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 213 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 213 beliebt ist Frommet (14mal, lmal Frummet), was nicht wundernimmt. Die Urform ist Fromut, schon 1339 belegt, die Frohe. Erst später wird volksethymologisch die Fromme daraus. Auf Schreibfehlern dürften Frunnliche und Frennte beruhen, erklärbar scheinen sie mir in dieser Form wenigstens nicht. Ebenfalls die Frohe bedeutet Gele oder Kele, schon ahd. Gaila und Kaila, mit den Koseformen Gelche und Kelchen, im ganzen 16mal vertreten. Auch das bekannte Glückle ist vorhanden, wenn auch nur 2mal, wenn man Kling hinzurechnen darf 3mal. Nun kommt der interessante Name Knendle, der aus Gnanna, ahd. ganamno gleichnamig entstanden ist. Er stellt eine Verwandtschaftsbezeichnung dar und bedeutet die Genossin, d. h. die Frau, also ursprünglich kein eigentlicher Name, doch kommt er als solcher schon 1052 vor und war sehr verbreitet. Er ist 1802 auch als Nenchen und Nune vertreten, im ganzen 5mal,1812 wird neben Nenne (3mal), Nanne und Nannette (noch heute nicht ausgestorben) daraus. Golde (mit Nebenformen 13mal) gehört zu den Namen, in denen sich die Zärtlichkeit der Eltern ausdrückt (heute sagt man: mein Schatz!), ebenso in Gütle (mit Nebenformen wie Gütelchen, Gutta, Gitla etc. 26mal). Ein schöner alter Name ist Guthai (1812 genau so), das von Guthaid kommt (in Worms schon 1096 erwähnt), wenn man nicht skeptisch eine Variante von Guttel darin sehen will. Aber ich bleibe bei der ersten Deutung, denn auch Gutroth, ahd. Guodrada, hat sich erhalten, wird freilich 1812 nicht mehr verstanden und in Gertraude geändert. Hingegen bleibt unverändert das ebenso alte Heila (ahd. Haila, mhd. Heilin), das gesund bedeutet; das dazugehörige Heiige verschwindet 1812, ebenso Hitzel und Hitzle, die von ahd. Hiza, mhd. Hizel kommen. Jachet (7mal), eigentlich^Jachent, ist mhd. jachant Hyazinth oder Jachantstein aus mlat.**) jacinctus. Matte und Matle ist mhd. maget, magt, mait Jungfrau, Mägdelein. Melchin ist mhd. Mechtildis, dieses sowie Melchen und Mella wird 1812 leider nicht mehr geschätzt und verschwindet, resp. fällt mit Mielchen, Miedle, Miecke zusammen, die aus ahd. Mila, Milike entstanden sind. Miecke hat man dann, wohl durch die Schreibung Michle verführt, fälschlich mit Michael in Verbindung gebracht, mit dem es nichts zu tun hat. In Frankfurt ist es bereits 1812 völlig verschwunden, an seine Stelle tritt Mina (5mal) und Mingele. Mindle und Mündle (5mal), die von ahd. minne abgeleitet sind, bleiben erhalten. Reik, Eeiz und Reizte kommen von ahd. Richiza oder Richza, die Vornehme Edle, Reiche, auch 1812 noch 2mal vertreten. Redle ist die Rote, 1802 nur lmal, aber 1812 8mal vorhanden. Rösgen ist recht beliebt (20mal), 1812 auch noch 16mal, darunter einmal als Rösi. Sehr häufig ist Schönle, resp. Schönche, das 21mal vorkommt, 1812 noch 16mal. Auch Scheige dürfte aus Schönle verderbt sein. Täubchen (2mal, 1812 7mal) ist ein Kosename. Teige oder Deige (4mal) gehört zu ahd. Thiha, das von dihan gedeihen stammt und wäre demgemäß ein Wunschname. Es ist auch 1812 noch 5mal vorhanden. Treitel und Treytge (2mal), 1812 lmal und 4mal Treinle, stammt von mhd. Truta die Traute. Veilchen, Feiige geschrieben, kommt nur lmal und 1812 gar nicht mehr vor, hingegen Vogel (mit mhdem kurzem o zu sprechen) und Vegle 6mal, 1812 sogar 14mal. 1802 sind also 31 deutsche Grundformen vorhanden, von denen die meisten bei der christlichen Bevölkerung längst ausser Gebrauch geraten waren. Nur 1812 vorhanden ist Adelheit (5mal und immer mit t), die Grundform zu edel, Berle (Perle) und Süsge, was bei der Unvollständigkeit der Liste von 1802 wohl nur Zufall ist. Hingegen dürften Bertha, Gertraude und Grete neu von der christlichen Umgebung entlehnt sein. Was für 1802 nun noch bleibt, sind einige schon im Mittelalter dem romanisch-lateinischen Sprachkreis entnommene Namen, *) althochdentsch **) mittellateinUch nämlich Bela (18mal und lmal Belche), 1812 gerade so beliebt, aber jetzt immer modern Bella geschrieben; Bunle (lmal) von Bona, 1812 ebenso (3mal); Delzge oder Telzche (3mal) von dolce, schon 1198, 1812 nur noch lmal alsTelze vorkommend; Jentie und Jenteichen mit doppeltem Diminutiv (12mal) vom frz. gentil, schon 1372 und auf einem Grabstein von 1400 als Jente, 1812 nur •Jendle (12mal); Klärgen und Klarge (zusammen 3mal), schon im 12. Jahrhundert vertreten, 1812 nur Clara (ebenfalls 3mal); Sprinz und Sprinzgen (4mal) von ital. speranza Hoffnung, schon im 13. Jahrhundert belegt, 1812 nur noch Sprinz (6mal). Von auswärts eingedrungen dürfte der sowohl 1802 wie 1812 nur lmal vertretene Heiligenname Veronica sein. Slawischen Ursprungs ist Scherne von tscherni — schwarz, 1812 Scharne, nur je lmal. Frunnliche, Frennte und Freinla werden auf Schreibfehlern beruhen, langes an ihnen Herumraten ist wohl zwecklos. Bleibt als Letztes noch Briefgen. Zunz (Namen der Juden, 1837, Seite 98) kennt einen Namen Priwa oder Briwa, der von Zippora stammen soll. Ob unser Briefgen (1802 lmal, 1812 2mal) hiermit zusammenhängt? Damit ist der Bestand von 1802 erschöpft. Wenden wir uns nun dem zu, was nur 1812 vorkommt. Nach Ausschaltung der wenigen bereits erwähnten deutschen Namen bleibt eine stattliche Anzahl neuer fremder Namen übrig, die der damaligen allgemeinen Moderichtung entsprachen. Es sind dies: Amalia (14mal),Augusta (2mal), Agathe (2mal), Babette (5mal), Bernelle (lmal), Betty (lOmal), Biancka (lmal), Caroline (2mal), Charlotte* (3mal), Fanny (12mal), Fleurett (lmal), Fränzi (lmal), Helene (6mal), Henriette (5mal, dazu Jetta 15mal und lmal Jettche, wohl wegen seines Anklangs an Jüdle so beliebt), Isabella (2mal), Jeanette (12mal), Jenny (2mal), Julie (2mal), Kettche (lmal), Leonore (lmal), Philippine (lmal), Regine (8mal), Rosaila (lmal, wohl verschrieben für Rosalia), Sophie (lmal), Theresa (lmal) und Zemire (2mal).Man fand schön, was die christliche Umgebung schön fand und übernahm e's kritiklos. Denn diese neuen Namen werden völlig ohne Beziehung zum Judentum und in absoluter Unkenntnis ihrer Herkunft und Bedeutung gewählt. Denn neben Amalie erfreut sich grosser Beliebtheit Fanny, die Abkürzung von Stephanie (Stephanos der griechische Namen eines Heiligen), ebenso ist Kettchen (Katharina der Name einer Heiligen, genau wie das bereits erwähnte Veronica. Babette ist die frz. Form von Barbara, gleichfalls ein Heiligenname. Viele dieser neuen und damals für schön gehaltenen Namen sind heute gar nicht mehr nach unserem Geschmack. Wie sie mit der Mode gekommen sind, so sind sie auch wieder verschwunden. Auf die wenigsten von ihnen würden wir wohl heute zurückgreifen. Fragen wir zum Schluß, was die Untersuchung uns gelehrt hat, so vor allem zweierlei: 1. nie ausgestorben ist der Schatz an hebräischen Namen, obwohl auch diese der Mode unterworfen sind. Das heute so beliebte Ruth fehlt völlig, denn seine biblische Trägerin war ja keine Jüdin. Hingegen nennen wir kaum noch ein Kind Bathseba oder Jochebed, während z. B. Esther, Lea, Miriam, Rahel uns heute wieder, gut in den Ohren klingen. 2. hat sich in der Abgeschlossenheit des Ghettos eine Reihe von deutschen Namen erhalten, die bei den Christen schon lange vergessen waren. Sie zeigen die frühe und enge Verbundenheit der Juden mit der deutschen Sprache und die ausserordentliche Treue, mit der sie allezeit an ihr gehangen haben. Anm. Der mir zur Verfügung stehende Raum gestattet kaum mehr als eine Aus-, breitung des Materials. Ich hoffe, den Gegenstand an anderer Stelle ausführlicher behandeln zu können. £^4ttttflf 'T^ft« ^ttttoffttf öer <$anetnfc A 5\vlllt|l &JU bQ^Tiüieumm\ä}cxmikrtümcv £