Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 212

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 212 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094418--4510-3099305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 212 Gemeindemitglieder! Bezieher des Gemeindeblatts! Gemäß den behördlichen Bestimmungen darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblatts nicht mehr stattfinden. Wir richten daher .an alle Mitglieder die ebenso dringende wie herzliche Bitte, den Bezugspreis von 45 Pfg. pro Vierteljahr regelmässig und pünktlich bei Vorzeigung der jeweiligen Quittung zu entrichten, damit in. der regelmässigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt; auch müssen rückständige Gebühren beglichen werden. Vorstand der Israelitischen Gemeinde Verwaltung des Gemeindeblattes Material, das uns zu diesem Zweck zur Verfügung steht, ist 1. ein „Auszug der Stättigkeiten derer Juden und deren Weiber vom Jahr 1802", veröffentlicht von Erich Klibansky in den Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familienforschung, Jahrg. 1 u. 2, 1924-26. Das Original befindet sich im Frankfurter Stadtarchiv unter: Verschiedene Judensaehen 1600-1824, \Nr. 199. Es ist augenscheinlich zu Steuerzwecken aus irgend einer anderen, leider verlorenen Liste exzerpiert worden, und enthält mannigfache Schreibfehler, die ursprünglich vielleicht auch Hörfehler waren. Seine Entstehung verdankt es wahrscheinlich dem Umstand, daß 1796 ein großer Teil der Judengasse abgebrannt war und die Einwohner von über 100 Häusern Zuflucht und dauernde Wohnungen in der Stadt gefunden hatten. So wollte man wohl, ehe es zu spät war, versuchen, den alten Zustand zu rekonstruieren, um festzustellen, bis wann die einzelnen Hausbewohner Steuern gezahlt hatten. Das gibt nämlich die letzte Rubrik (von Klibansky weggelassen an. Die erste Spalte enthält die Hausnummern, mit häufigen Lücken in der Zählung, die zweite Vor- und Nachnamen der Männer, die dritte die Vornamen der Frauen. Es fällt auf, daß nur 5 Witwer und 6 ledige Männer, nur 2 Witwen und gar keine ledigen Frauen vorkommen, ebenso wie -die Bezeichnung „Auszug" ein Beweis1 für die Unvollständigkeit der Liste. Sehr viel besseres Material bietet 2. das „Israelitische Bürgerbuch von 1812". Es befindet sich ebenfalls im Frankfurter Stadtarchiv und enthält die Namen aller jüdischen Einwohner Frankfurts, d. h. die von 878 Männern und 668 Frauen, die in Ausführung der neuen Stättigkeitsordnung, die der Fürstprimas Karl von Dalberg 1808 erlassen hatte, nun vom 11. Februar bis zum 5. Juni 1812 vor der obersten städtischen Behörde den Bürgereid ablegen mußten. Darüber wird ein Protokoll aufgenommen (nicht vollständig erhalten), dessen Reinschrift besagtes Bürgerbuch darstellt. Auch diesem städtischen Schreiber laufen Fehler unter, bewußte und unbewußte. Er liebt z. B. in manchen Fällen die auslautenden —a's nicht, schreibt also häufig Rebecke, wo im Konzept richtiger Rebekka steht, andrerseits schreibt er Getta für Gette, Jetta für Jette, wohl um diese kurzen Namen klingender zu machen. So steht auch einmal Helena neben 5mal Helene. Im allgemeinen befleissigt sich aber gerade dieser Schreiber einer möglichst richtigen und einheitlichen Orthographie, was man von seinem Kollegen von 1802 nicht behaupten kann. Letzterer kennt bei Besle 6 Varianten, bei Blümle 3, bei Breinle 4, bei Fradche, das er Fradge sehreibt, 10, bei Gütle 6, bei Jütle 8, bei Sarle gar 14 usw. Er macht mannigfache Schreibfehler, z. B. Zixgen für Zipchen, Klugen für Glückgen, sodaß manche Namen bis zur Unkenntlichkeit entstellt erscheinen: aus Schönle wird Scheige, aus Rösle Rögle etc. Auch sucht er Namen ihres mundartlichen Charakters zu entkleiden, wodurch z. B. aus Krenle wieder fichtig Krönle, aber aus Teiche falsch Teuchen wird. Solche „Verbesserungen" muß man beachten, wenn man sich vor verkehrten Schlüssen einigermassen sichern will. Wie ist nun der Bestand? Fangen wir mit 1802 an. Die Liste enthält 524 Frauennamen, darunter Sara 56mal incl. Nebenformen wie Sarle. (16mal), Sarchen, Sarerl, Sorle, Serge, Zerle (6mal), Zarle, Zorle und das reizende Zierle (2mal). Hier war die ursprüngliche Form des Namens in Vergessenheit geraten und man verband mit der neuen Form auch eine neue Bedeutung. Das gilt z. B. auch für den 1802 ausserordentlich beliebten Namen Jüdle (lömal und 17 Nebenformen, darunter Jüdge, Jüdäs, Jüla, dieses 1812 Jetta), den man wohl mit besserem Recht von Judith als von Jutta herleitet, unter dem man schliesslich nur noch die liebkosende Bezeichnung „kleine Jüdin" verstand. Auch sonst spielen die Koseformen eine große Rolle. Wer vermöchte auf den ersten Blick in Besle oder Pesle den Namen Bathseba zu erkennen? Rein erhielten sich von hebräischen Namen Debora, Dina, Esther, Eva (dazu Hebele und Heble), Hanna (daneben Hanle, Henele und Hendle , im ganzen 30 Formen und rechnet man auch noch llmal Hindle mit 6 Nebenformen hinzu, so steht die Beliebtheit dieses Namens der von Sara kaum nach. Daß man berechtigt ist Hinde zu Hannah zu stellen, geht daraus hervor, das mhd. *) hinde- Hirschkuh in den mhden Quellen, sowohl jüdischen wie christlichen, als Name fehlt. Erst volksethymologisch ist ein solcher Zusammenhang hergestellt worden). Kaum verändert ist Jachewet aus Jochebed, rein wieder Lea (7mal) und Miriam (9mal, dazu 5mal die Koseform Merle, dessen Ableitung von mhd. merl Amsel ich für falsch halte). Manie darf man .wohl in Zusammenhang mit dem männlichen Vornamen Menachem. bringen. Rahel, geschrieben Rachel (3mal), ist beliebter in der Form Rechle (14mal) und wird, volksethymologisch sehr interessant, 3mal zu Reichle. Auch Reigen dürfte hierher gehören. Hingegen ist bei Rebekka die ungekürzte Form (9mal) die Regel und Ribka, Rifke und Riste die Ausnahme. In und in Zipper Zippora, deutsch Vogel. Erwähnt man noch Jerucham, das eigentlich ein Männername ist (1812 in Jeanette geändert) und Iska, das vielleicht mit polnisch Jevka Eva zusammenhängt (1812 Jeska), so ist mit diesen 15 Grundformen der Bestand an hebräischen Namen erschöpft. Diese 15 sind sämtlich auch 1812 noch vorhanden, Sara im ganzen 46mal (als Nebenformen aber nur noch Sarchen und Sarle), Jütlei 25mal und neu 2mal Judith. Besle wird jetzt ausschliesslich mit P geschrieben. Erhöhter Beliebtheit erfreut sich Esther (14mal), ebenso Hanna, wozu Hannchen (9mal) neu auftaucht. Jachewet wird jetzt richtiger zu Johebed, Lea erscheint 13mal, Miriam ist nur noch als Merle (7mal) vorhanden und dürfte meistens zu Marianne geworden sein, das jetzt neu und recht beliebt ist (9mal), einmal auch zu Maria. Bei Rahel (5mal) wird das c weggelassen, Rechle ist noch 9mal vorhanden, Reichle lxnal. Rifke ist ganz verschwunden, dafür Rebecke zu 14mal angewachsen. Ob man Rühle zu Rahel stellen muß oder zu dem neu auftauchenden Ruchma und Ruhme (von rachamim Barmherzigkeit) bleibe unentschieden.' Zimla ist jetzt etwas richtiger Simle und Zipper Zipora (3mal). Neu an hebräischen Namen sind noch Cheila und Magdalene. Der hebräische Namenbestand hat sich also nicht nur nicht vermindert, er ist sogar noch um 5 Namen gewachsen, wobei zu berücksichtigen ist, daß Marianne und Magdalene nicht mehr als hebräisch empfunden wurden. Welche deutschen Namen sind nun 1802 vorhanden? Ordnen wir sie alphabetisch, so macht Blümle (3mal, Blümchen 6mal, lmal Bluma) den Anfang. Es ist ein recht alter Name, schon 1395 auf einem Frankfurter Grabstein zu finden. Ein Kosenamen ist Böpchen, das der Schreiber als Pöpgen zu Papier bringt, sowie Bobel, nur in Frankfurt und Umgebung verständlich! Es folgt Bräunle (8mal) mit zahlreichen Nebenformen: Breinle, Breinsche, Bräungen, Bräunliche (woraus 1812 Berta wird), Brendle (llmal) und Brennle. In der Orthographie von 1802 kommt jetzt Örönle, das 1812 altertümlicher, resp. verderbt als Krenle (2mal) erscheint. Ein recht beliebter Name ist Edel (16mal) mit kurzem E im Anlaut, die Abkürzung von Adelheid. Elge oder Ella, Diminutivformen Eigen und Elckele, kommt 6mal vor. Nur einmal begegnet Fetel, das ein Scherzname (Dickchen) sein könnte, es bleibe aber dahingestellt, ob es nicht etwa von Veiel (Veilchen) abzuleiten ist. Ziemlicher Beliebtheit erfreut sich Fradge (3mal) und Fradle (2mal) mit. 9 Nebenformen. Wer sieht ihm an, daß es aus mhd. vröude Frohsinn, Freude entstanden ist? Ebenso *) mittelhochdeutsch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.