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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 211

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 211 (sequence 5)
Language
German
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Seite 211 nur den Gesetzgeber anzuerkennen, sondern auch den Täter der eigenen Tat. Der Autor des Midraseh mag so weit sicher nicht gehen, -wie eine Richtung heutiger Theologie, daß er in Gott sogar den eigentlichen Täter der menschlichen Tat erblickt, aber sicher ist, und darin stimmen mit ihm alle Richtungen der Theologie und des religiösen Denkens überein, ohne das Wissen um das Geschaffensein, die Geschöpflichkeit der Welt und des Menschen gibt es kein Frommsein. Ohne dies Wissen steigt der Mensch auf den Thron der Welt, und wenn er auf ihm bleibt und bleiben will, stürzt er schliesslich in Verzweiflung, stürzt er die Welt ins Chaos. Scheinbar Aviderspricht dem eine Deutung, die den Schluß dieses Thoraabsehnittes begleitet. Zu dem Worte: „siehe ich schicke einen Boten vor dir her, dich zu behüten auf dem Wege und dich an den Ort zu bringen, den ich bereitet habe" (2.M.23.20), wird gesagt: „Moscheh sprach zu Gott: „Einen Boten willst dxi mit mir senden? War das die Verabredung"? Hast du nicht selbst gesprochen: „I c h bin herabgestiegen, es zu erretten aus der Hand Ägyptens und es hinaufzuführen aus jenem Land?" (2 M. 3,8), und jetzt sprichst Du: „Einen Boten sende ich vor Dir her? „wenn Dein Antlitz nicht voranzieht, führe „uns nicht hinauf von hier" (2. M. 33,15). Antwortete Gott: „Ich werde nicht heraufziehen in deiner Mitte (2. M. 33,3)." Darauf Moscheh: „Du hast gesagt: einen Boten sende ich, ich sage: wenn Dein Antlitz nicht voranzieht, führe uns nicht hinauf von hier, wollen wir sehen, wessen Worte Bestand haben, das ist's, was geschrieben steht: „und Moscheh sprach zu Gott: siehe Du sagst zu mir, führe dies Volk hinauf von hier" (2. M. 33,12). Da sprach der Heilige, gelobt sei er, zu ihm: „Bei Deinem Leben mein Antlitz wird voranziehen und ich werde Dir Ruhe schaffen." Und der Heilige Geist rief aus: „Das Wort des Königs ist Herr, wer kann ihm sagen, was tust Du? Wer das Gebot beachtet, wird nichts Böses erfahren" (Kohelet 8,4-5) Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, wie in diesem Midraschstück ein wesentliches Element der gesamten Midraschdiktion zum Ausdruck kommt, nämlich die Naivität, mit der hier der Mensch in der Zwiesprache mit Gott dargestellt wird, die Art, in die Bibelverse, aus ihrem Zusammenhang herausgehoben und ohne jede Rücksicht auf die Zeitfolge, in die sie im Bibeltext selbst hineingestellt sind, zur Bekräftigung der eigenen Behauptung verwandt werden. Darüber hinaus aber, was ist der Sinn der Midraschstelle, welche Auffassung beherrscht sie, von welcher Voraussetzung geht sie aus? Hier ist der Mensch nicht in seiner Geschöpflichkeit, in seiner Abhängigkeit dargestellt, sondern in seiner Selbständigkeit. Diese Selbständigkeit ist so stark, daß — wenn man einer solchen Ungeheuerlichkeit in Worten Ausdruck geben dürfte, ( ^2133 sagten die Alten) hier der Mensch den Sieg über, Gott davonträgt. „Der Fromme bestimmt und Gott bestätigt es." Die Welt, so ist der Gedankengang, so sehr sie von Gott bestimmt wird und seiner Leitung untersteht, ist zugleich auch der formenden Kraft des Menschen übergeben; und die Geschichte, so sehr sie der Ausdruck von Gottes Willen ist und von ihm Zeugnis ablegt, ist zugleich auch der Spiegel des menschlichen Wollens, und aus ihm bekommt der Wandel und der Wechsel der Geschehnisse auch seinen Sinn. Die Selbständigkeit des Menschen ist unentbehrlicher Bestandteil aller Kultur.Diese Selbständigkeit ist nicht als Selbstherrlichkeit gedacht, nicht umsonst gibt der Midraseh in seinem Schlußsatz die Gewalt über das Geschehen, den Einfluß auf Gotte3 Ratschluß nicht jedem Beliebigen, sondern nur dem „der das Gebot beachtet." In einem gewissen Sinne ist solche Gedankenführung auch eine biblische. Das Rechten mit Gott hat in der Gestalt des Ijob seinen klassischen Ausdruck gefunden. Aber eine Gestalt wie Ijob wäre nicht möglich, nicht denkbar, müsste als gotteslästerlich empfunden werden, läge nicht von Anfang an im Zuge der jüdischen Religiosität solch eine Selbständigkeit des Menschen. Scheinbar stehen die beiden Midraschstellcn in einem unlösbaren Widerspruch, entweder Geschöpflichkeit oder Selbständigkeit, entweder Abhängigkeit oder Unabhängigkeit — hier sogar vor Gott dem Erhabenen. Aber eben nur scheinbar. In Wahrheit ist das eines der stärksten Charakteristika jüdischer Religiosität, daß man von dem Bewußtsein getragen ist, in einer steten Spannung zu leben. Der Mensch ist Geschöpf, und er muß das wissen, er muß um seine Abhängigkeit, um sein Geführtsein wissen, er muß wissen, das er das, was er nicht nur durch Gott und aus Gott ist. Aber zugleich ist er auch Schöpfer, e r gestaltet die Welt der Sittlichkeit, er muß.die* Forderung Gottes und sein Gesetz in die Welt einbauen, e r muß mitbauen an dem Reich Gottes auf Erden. Fühlt er sich nur als Geschöpf und verzichtet auf Eigenes —> das ist nicht jüdische Religiosität. Fühlt er sich' nur als Schöpfer und als Gestalter der Welt aus eigenem Können und eigenem Urteil — das ist nicht jüdische Religiosität, das ist Selbstherrlichkeit, Hybris. Beide Elemente müssen im Bewußtsein leben, beide in ihrer Spannung empfunden werden, und aus beiden in ihrer Gleichzeitigkeit erhebt sich jüdische Religiosität in ihrer Eigenart. Wenn man es so schlechweg ausspricht: Der Mensch muß auch sein Eigenes in sein Tun hineinlegen, das kann auch missverstanden werden. Wie soll er sein Eigenes auswirken? Eine Anleitung dazu bietet eine Bemerkung zu den Eingangsworten dieses Thoraabsehnittes: „dies sind die Rechtssatzungen, die du ihnen vorlegen sollst." „In drei Dinge legte Moscheh seine ganze Seele hinein, für drei Dinge setzte Moscheh sein Leben ein, darum werden sie nach seinem Namen benannt: Israel, die Thora und die Rechtssatzungen. Israel — wieviel Schmerz und Sorge trug er seinetwegen! Darum wird es mit seinem Namen benannt, so heißt es denn auch „da mußte man gedenken der Vorzeittage, Moschehs, des „Der-herauszieht 'sein Volk" Jeschajahu63,11). Die Thora — denn so heisst es „gedenkt der LehreMoschehs, meines Knechtes" (Maleachi 3,22). Die Rechtssatzungen — denn so heisst es: „dies sind die Rechtssatzungen, die du vor sie hinlegen sollst" (2. M. 21,1). So auch Esther, sie war bereit, ihr Leben einzusetzen für Israel, drum wurde es auf ihren Namen benannt, so heißt es: „vor ihm —dem König — zu bitten für ihr Volk" (Esther 4,8). Sein Eigenes in die Welt hineinlegen, das heisst also nicht: sich durchsetzen, sich zur Geltung bringen, nur aus seinem Urteilen und Wollen die Welt gestalten, sondern: sich mit seinem ganzen Sein und mit Preisgabe des eigenen Lebens einsetzen für die ewige Forderung Gottes im Gehorsam gegen den Anruf Gottes, den das willig geöffnete Herz und Ohr vernimmt. Jüdische Frauennamen in Frankfurt a. M. zu Beginn der Emanzipation von Dr. AdaHeinemann Stärker als je ist heute unser Blick in die jüdische Vergangenheit gerichtet. Wo wir früher die Bräuche unsrer christlichen Umwelt ohne Weiteres mitmachten, da fragen wir heute: Wie haben es unsere Vorfahren damit gehalten? So auch bei der Vornamengebung unsrer Kinder. Rufnamen sind der Mode unterworfen wie Kleider und wie diese bald kurz, bald lang, bald einfach, bald zusammengesetzt. Bald will man sich bei einem Namen etwas denken können — sei es, daß man auf den Sinn Wert legt, sei es, daß man die Erinnerung an einen Verstorbenen wachhalten will — , bald sucht man nach einem möglichst ausgefallenen und fremd klingenden Namen. Immer aber soll ehr Name „schön" sein. Was fand man nun schön innerhalb der Ghettomauern und kurz, nachdem sie gefallen, waren? Wienannte mariSöhneundTöehteruml800? Ersteres habe ich bereits an anderer Stelle untersucht (s. A. Schiff, die Namen der Frankfurter Juden zu Anfang des 19. Jahrhunderts, Freiburg LB., 1917), so sollen« uns diesmal nur die weiblichen Vornamen interessieren. Daat

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